Hamas Auf Jassin folgt der nächste Hardliner

Innerhalb der palästinensischen Extremistenorganisation Hamas ist ein Machtkampf ausgebrochen. Verschiedene Hardliner proklamieren für sich die Nachfolge des von Israel getöteten Scheich Jassin. Israel droht damit, alle Anführer extremistischer palästinensischer Gruppen zu liquidieren.




Rantisi: Anspruch auf die Nachfolge Jassins
AP

Rantisi: Anspruch auf die Nachfolge Jassins

Jerusalem - Ein Sprecher der Hamas sagte in Gaza-Stadt, Abdel Asis Rantisi sei in geheimer Wahl zum Nachfolger Jassins bestimmt worden. Er galt als Nummer Zwei in der Hamas nach Jassin. Der 56-jährige Kinderarzt hatte im Juni vergangenen Jahres selbst einen Versuch der gezielten Tötung durch die Israelis verletzt überlebt.

Gleichzeitig verlautete aus Hamas-Kreisen, der bisherige Chef des Politbüros der Organisation, Chaled Meschaal, sei zum Nachfolger Jassins bestimmt worden. Rantisi habe lediglich im Gazastreifen das Sagen. Die Verantwortung für das Westjordanland sei ihm nicht übertragen worden. Die Nachrichtenagentur AP meldet, Rantisi sei auch zum Leiter des politischen Büros der Hamas ernannt worden.

Meschaal hatte 1997 einen israelischen Angriff in Jordanien überlebt. Israelische Sicherheitsbeamte gehen davon aus, dass er sich hauptsächlich in Syrien aufhält.

Rantisi war 1992 von den israelischen Behörden in den Libanon ausgewiesen worden. Nach seiner Rückkehr war er mehrfach in israelischer Haft. Aber auch Palästinenser-Präsident Jassir Arafat hatte ihn nach einer Serie schwerer Hamas-Attentate vorübergehend festgesetzt. Rantisi ist Vater von sechs Kindern und spricht fließend englisch.

Zuvor hatte Israel angekündigt, es werde weiterhin gezielt gegen Extremisten vorgehen. Der israelische Minister für Innere Sicherheit, Tsahi Hanegbi, sagte, Israel habe sie alle im Visier. "Jeder, der im Gaza-Streifen oder im Westjordanland oder sonst wo darin verwickelt ist, eine Terror-Gruppe anzuführen, weiß seit gestern, dass es keine Immunität gibt", sagte Hanegbi vor Journalisten.

Auf der anderen Seite haben islamistische Extremisten nach der Ermordung Jassins Rache geschworen. Auf einer Islamisten-Website etwa ist am Dienstag eine Botschaft erschienen, die angeblich von einer zum Terrornetzwerk al-Qaida gehörenden Gruppe stammen soll. In der auf der "al-Ansar"-Page veröffentlichten Erklärung wird Vergeltung für die Liquidierung des spirituellen Führers der palästinensischen Hamas angekündigt. Die Website wird den Abu-Hafs-al-Masri-Brigaden zugeschrieben.

Israel zeigt Härte: Soldaten in der Westbank
AFP

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Der Autor der Botschaft fordert den militanten Flügel der Palästinenserorganisation Hamas auf, neben israelischen Zielen künftig auch "den Tyrannen unseres Zeitalters, die USA" und seine Verbündeten ins Visier zu nehmen. Denn ohne amerikanische Waffen und ohne amerikanische Propaganda hätten die Israelis den gelähmten Scheich nicht töten können, hieß es in der Erklärung weiter.

In den Palästinensergebieten kam es zu weiteren Trauerkundgebungen und Protesten gegen Israel. Bei Zusammenstößen mit israelischen Soldaten wurden mindestens fünf Palästinenser getötet.

Wie die israelische Tageszeitung "Haaretz" in der Nacht zum Dienstag in ihrer Onlineausgabe berichtete, wurden Dutzende Palästinenser bei Unruhen im Gazastreifen und dem Westjordanland verletzt. Mehrere jüdische Siedlungen und Armeeposten in den Palästinensergebieten seien mit Granaten oder Raketen beschossen worden. Verletzte habe es dabei auf israelischer Seite nicht gegeben. Am Abend rückten Panzer in den Norden des Gazastreifens vor. Zuvor waren von dort aus mehrere Raketen auf israelisches Gebiet abgefeuert worden.

Scheich Jassin: Den Einsatz von Kindern als Selbstmordattentätern gut geheißen
AP

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Hunderttausende Palästinenser hatten den Leichnam Scheich Jassins in einem gigantischen Trauerzug in Gaza-Stadt zu seiner letzten Ruhestätte geleitet. Die Hamas und andere radikale Palästinenser-Organisationen kündigten umgehend Vergeltung an. Vielerorts in den Palästinensergebieten schlugen Trauerkundgebungen in gewaltsame Proteste gegen Israel um.

Im Flüchtlingscamp Khan Junis im Süden des Gazastreifens schossen israelische Soldaten nach palästinensischen Angaben in die aufgebrachte Menge und töteten drei Palästinenser, darunter einen 13-Jährigen. Im Flüchtlingslager Batala in Nablus im Westjordanland erschossen israelische Soldaten nach Angaben von Ärzten einen palästinensischen Journalisten. Nach Angaben der Armee handelte es sich um einen Hamas-Aktivsten, der zuvor auf die Truppen geschossen habe. In Hebron im Westjordanland wurde nach Angaben von Augenzeugen ein 34-jähriger Mann erschossen, der Steine auf die Soldaten geworfen hatte.

Israel ist wegen der gezielten Tötung des Gründers und geistigen Führers der radikalislamischen Hamas-Bewegung, Scheich Ahmed Jassin, international kritisiert worden. Uno-Generalsekretär Kofi Annan forderte Israel auf, solche Tötungen umgehend einzustellen. "Außergerichtliche Tötungen sind ein Verstoß gegen das internationale Recht", hieß es in der Erklärung Annans.

"Israel hat kein Recht zu außergesetzlichen Tötungen", betonten auch die EU-Außenminister in einer gemeinsamen Erklärung. Verhaltener reagierte die US-Regierung: Man sei tief beunruhigt, hieß es im Außenministerium in Washington. US-Außenamtssprecher Richard Boucher zeigte sich besorgt, dass die Aktion die Spannungen im Nahen Osten erhöhen werde und dem Friedensprozess nicht dienlich sei. Es gebe allerdings auch "keinen Zweifel am Recht Israels, sich gegen den brutalen Gebrauch von Terror der Hamas und anderer Organisationen zu verteidigen", sagte Boucher.

Jassin war am frühen Montagmorgen beim Verlassen einer Moschee in Gaza-Stadt von einem israelischen Kampfhubschrauber mit Raketen beschossen und getötet worden. Mit dem 67-jährigen Hamas-Gründer starben acht seiner Begleiter.

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