Hamas im Gaza-Streifen Die blutige Jagd auf die Fatah

Exekutionen auf offener Straße, Schüsse in die Knie politischer Gegner: Während des Gaza-Krieges verfolgte die Hamas Anhänger der Fatah und vermeintliche Spitzel mit brutaler Gewalt. Die Methoden, mit denen sie vorging, haben Tradition: Machterhalt war in Palästina schon immer ein blutiges Geschäft.

Aus Gaza-Stadt berichtet Ulrike Putz


Die vier Männer waren maskiert und mit Pistolen bewaffnet. Sie sprachen Omar an und schoben ihn vor sich her in eine Gasse. Dort fesselten sie dem 45-Jährigen mit seiner eigenen Jacke die Hände hinter dem Rücken, verbanden ihm die Augen, schlugen ihn zu Boden. "Deine Zunge ist zu lang, sie redet schlecht über die Hamas", sagten Omars Peiniger. "Vielleicht sollten wir sie abschneiden." Dann schossen sie dem Obstladenbesitzer zwei Kugeln ins linke Knie und flohen. Das war am dritten Tag des Krieges, den Israel drei Wochen lang gegen die Hamas im Gaza-Streifen führte.

Der Mann, der auf einem in sein Wohnzimmer geschobenem Bett liegt, heißt eigentlich nicht Omar. Er will seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen, ähnelt dem berühmten arabischen Schauspieler Omar Scharif aber sehr. "Das ist doch ein gutes Pseudonym." Omar weiß nicht, wer die vier Männer waren, die ihn angeschossen haben – doch er weiß, wer sie geschickt hat und warum. "Ich bin Unterstützer der Fatah, als der Krieg anfing, habe ich die Hamas kritisiert", sagt er, das langsam verheilende Knie auf eine Wärmflasche gebettet.

In der ersten Woche des Krieges hätten die israelischen Luftangriffe das Leben in Gaza zur Hölle gemacht, die Hamas-Kämpfer hätten nichts dagegen getan, nur abgewartet, klagt Omar. Sein Verhängnis war, dass er diese Meinung auf einer Beerdigung laut äußerte. Ein regimetreuer Nachbar schwärzte ihn an, am nächsten Tag wurde Omar angeschossen.

Die gemäßigte Fatah verlor im Sommer 2006 einen blutigen Machtkampf in Gaza gegen die Hamas, seitdem sind die Radikal-Islamisten Alleinherrscher über den Küstenstreifen. Die Fatah des amtierenden Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas wiederum dominiert seither das Westjordanland. Beide Parteien beschuldigen sich seit ihres Showdowns gegenseitig, die jeweilige politische Opposition gewaltsam zu verfolgen. Für beide Vorwürfe gibt es Dutzende von unabhängiger Seite bezeugte Beispiele: Gewalt, die immer neue Rachegelüste schafft.

Als Ende Dezember Israels Krieg gegen die Hamas im Gaza-Streifen begann, riss der Graben zwischen beiden Palästinenserfraktionen noch weiter auf: Die Fatah warf der Hamas vor, den Krieg nur aus Gründen des Machterhalts angezettelt zu haben. Die Islamisten konterten, die Fatah mache mit den Israelis gemeinsame Sache und warte nur darauf, nach einer Niederlage der Hamas wieder die Macht in Gaza zu übernehmen. Den Anschuldigungen folgten Taten: Während des Krieges wurden nach israelischen Angaben Dutzende Hamas-Anhänger im Westjordanland verhaftet. Daran, dass sie im Gefängnis von der Fatah gefoltert werden, besteht kaum ein Zweifel. Die Hamas spricht von 400 ihrer Unterstützer, die seit Beginn des Krieges abgeholt wurden.

Die Hamas im Gaza-Streifen setzte auf offensichtlichere Gewalt, um ihre Gegner in Schach zu halten. "Sie wollten, dass jeder weiß, was mir passiert ist, sonst hätten sie mir doch zu Hause aufgelauert", sagt Omar. Die Hamas habe vermeiden wollen, dass die Fatah den Krieg für einen Putschversuch nutzt. Im nördlich von Gaza-Stadt gelegenen Ort Beit Lahia sollen am zweiten Tag des Krieges vor der Moschee zwei Männer erschossen worden sein, erzählt ein anderer Fatah-Anhänger. Nachdem sie die Schüsse gehört hätten, seien er und andere Anwohner herbeigelaufen, sie hätten die Opfer als Fatah-Unterstützer erkannt. In einem blauen Volkswagen seien die Täter weggefahren, am Steuer habe er den örtlichen Hamas-Vormann erkannt. Zu überprüfen ist die Aussage nicht.

Palästinensischen Menschrechtsgruppen im Gaza-Streifen berichten von bis zu 30 Fällen, in denen Fatah-Anhänger seit Kriegsbeginn misshandelt wurden. Zudem könnte es bis zu fünf Erschießungen gegeben haben. "Die Hamas hat ihre Gewehre gegen Fatah-Mitglieder gerichtet", sagte ein Berater des Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas am Donnerstag in Ramallah. Yassir Abd Rabbo gab an, bis zu 200 Fatah-Anhänger seien seit der Offensive in Gaza bedroht oder angegriffen worden. Die Menschenrechtler, deren Organisation aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden soll, setzen die Zahl weit niedriger an.

Die Hamas äußert sich widersprüchlich zu den Vorwürfen. Ihr Sprecher Fausi Barhum bestritt die Anschuldigungen vehement, sie seien Teil des politisches Kalküls der Fatah. Der Sprecher des Hamas-Innenministeriums äußerte sich anders: "In diesem Krieg haben wir viele Spione und Kollaborateure verhaftet", sagte er dem US-Sender CNN. Einige Gruppierungen hätten Israel dabei helfen wollen, die Hamas und ihre Führer zu töten, sie hätten Informationen an die Israelis weitergeleitet.

"Für die Hamas ist Fatah gleich Kollaborateur", sagt Omar auf seinem Krankenlager. Tatsächlich gebe es viele Menschen in Gaza, die den Israelis helfen würden, doch die seien nicht politisch motiviert, sondern bettelarm und verzweifelt. "Wenn einer eine todkranke Frau hat, stellen ihm die Israelis eine Falle: Wir heilen sie in unseren Krankenhäusern, dafür spionierst du für uns."

Wie kaum jemand in Gaza zweifelt auch Omar nicht daran, dass der Hamas-Innenminister Said Siam kurz vor Kriegsende starb, weil ein Spitzel seinen Aufenthaltsort verraten hatte. Siam kam um, als das Haus seines Bruders bombardiert wurde, mit ihm starben bis zu elf Familienangehörige. Ein Hamas-Sprecher beschuldigte Palästinenserpräsident Abbas, eine "sehr große Rolle" beim Tod des Ministers gespielt zu haben.

Doch dass der Chef des Sicherheitsapparats der Hamas tatsächlich von einem politischen Rivalen verraten wurde, erscheint unwahrscheinlich: Die Hamas-Führer sind bestens geschützt, nur ein kleinster Kreis von Eingeweihten weiß, wo sie sich aufhalten. Wahrscheinlicher scheint, dass der Spion aus den eigenen Reihen kam. Siam wurde beschuldigt, nach der Machtübernahme der Hamas im Gaza-Streifen eine Hexenjagd auf Fatah-Mitglieder befohlen zu haben. Einige Fatah-Repräsentanten im Westjordanland feierten seinen Tod öffentlich.

Die palästinensische Gesellschaft im Gaza-Streifen strukturiert sich in Clans, die oft mehrere tausend Mitglieder haben. Zwischen einigen Familien gibt es teils jahrzehntealte Fehden, in denen es um Rache geht – und um Politik. Während es in den meisten Clans Unterstützer beider Parteien gibt, hat sich zum Beispiel Omars mit allen 4000 Mitgliedern der Fatah verschrieben. Dass die Islamisten derzeit die Oberhand haben, gibt Hamas-Familien die Chance, ungehindert alte Rechnungen zu begleichen, die Generationen alt und völlig unpolitisch sein können.

Omar kann sich zwar nicht erinnern, dass seine Familie noch Blutschuld abzuzahlen gehabt hätte. Doch er weiß, dass der Clan des Nachbarn, der ihn verraten hat, auf Jahre für die Schüsse in sein Knie zahlen wird. "Wir sind geduldig, wir warten darauf, dass die Fatah wieder an die Macht kommt, und dann knöpfen wir sie uns vor", sagt er, seine beiden erwachsenen Söhne nicken. Schon im Koran stehe es geschrieben: "Du sollst strafen wie du gestraft wurdest."



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