Hamas-Strategie Ein Treffer reicht

Die Hamas-Miliz feuert immer weiter Raketen auf Israel. Militärisch hat sie nichts ausgerichtet, doch ein schwerer Treffer würde ausreichen. Denn den Radikalislamisten geht es einzig um ihr Image.

Von der Grenze zum Gazastreifen berichtet


Erstmals haben die Hamas-Kämpfer die Zivilisten in Israel vorher gewarnt: "Wartet auf unsere Raketen!" Eine Stunde später, um 21 Uhr am Samstagabend, würden sie Tel Aviv mit einer neuen Salve beschießen. Der Fernsehkanal der Radikalislamisten ließ einen Countdown runterlaufen. Journalisten in Israel wurden aufgefordert, ihre Kameras schon einmal gen Himmel zu richten, um die von der Hamas angepriesenen Wunderwaffen zu dokumentieren, mit denen sie die "Eiserne Kuppel", das israelische Raketenabwehrsystem, durchbrechen wollten.

Tatsächlich donnerte es kurz nach 21 Uhr in Tel Aviv mächtig. Die Hamas hatte ihre Drohung wahr gemacht. Nur wurden die drei Raketen, die sich der Küstenstadt näherten, von Israels Abwehrsystem unschädlich gemacht. Wenige Minuten später saßen einige in Tel Aviv schon wieder in den Strandbars, als sei nichts geschehen.

Doch im Hamas-Fernsehen wurde eine andere Wirklichkeit beschrieben. Tel Aviv sei getroffen worden, die Menschen in Panik, hieß es dort. Die offensichtliche Lüge zeigt, wie verzweifelt die Radikalislamisten inzwischen darauf aus sind, auch nur irgendeinen vermeintlichen "Erfolg" vorweisen zu können.

Vorerst schließen sich die Ränge

Seit Dienstag hat die Hamas fast 700 Raketen auf Israel abgeschossen. Bisher kam niemand durch sie ums Leben. Was sich bewohnten Gebieten näherte, wurde meist von Israels Raketenabwehr abgefangen. Am Samstag wurde erstmals ein Israeli, ein 16-Jähriger, von einer Hamas-Rakete verletzt.

Die Hamas steht mit dem Rücken zur Wand. Ihr sind die regionalen Unterstützer ausgegangen. Die Geldquellen sind versiegt, die Schmuggelkanäle zerbombt. In den vergangenen Monaten konnten die Radikalislamisten ihren Angestellten im Gazastreifen nicht einmal mehr Lohn auszahlen.

Zuletzt wuchs die Unzufriedenheit im Gazastreifen gegen die Radikalislamisten. Das kleine Fleckchen Land, nur knapp halb so groß wie Hamburg, ächzt unter der jahrelangen Blockade. Seit die Radikalislamisten die Macht übernommen haben, kontrollieren Israel und Ägypten streng, was hinein darf.

Manche israelischen Militärs spekulieren unverhohlen, die Menschen im Gazastreifen könnten sich nun gegen die Hamas erheben. Doch das Gegenteil ist der Fall: Unter dem Eindruck der Bomben solidarisiert man sich erst einmal wieder, vorerst, gegen den gemeinsamen übermächtigen Feind. Der erneute Gaza-Krieg könnte das Leben der Hamas verlängern.

Ein Krieg, den alle verlieren

Die Hamas braucht nur einen einzigen Treffer in diesem ungleichen Duell, in dem auf der einen Seite Milizionäre stehen, verschanzt auf der Fläche einer belagerten und verarmten Großstadt, und auf der anderen ein moderner Industriestaat mit dem besten Militär im Nahen Osten.

Manchmal erinnern die Bilder im Hamas-Fernsehen ein wenig an den Krieg der libanesischen Hisbollah 2006 mit Israel. Militärisch trug damals die israelische Armee einen erbittert errungenen Sieg davon. Doch moralisch gewann die Hisbollah.

Unvergessen ist, wie Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah auf seinem TV-Kanal die Zuschauer bat, aufs Meer zu sehen - Kamerawechsel auf ein israelisches Schiff, das prompt kurz darauf in die Luft ging. Die Hisbollah stieg zum bejubelten Star im Nahen Osten auf. Spendengelder und Sympathien flogen der Bewegung zu.

Bis zu einem vermeintlichen Vorzeigeerfolg wird die Hamas weitermachen - und Israel ebenso. Das macht die Situation so schwer beherrschbar; zudem fehlen Vermittler. Es ist ein Krieg, in dem es nur Verlierer geben kann, allen voran die Menschen im Gazastreifen.

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insgesamt 24 Beiträge
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NauMax 13.07.2014
1. Selbstauflösungserscheinungen?
Das erklärt dann auch die vermehrte pro-Palästinensische Propaganda, welche auf div. Sozialen Netzwerken verbreitet wird. Dass die Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen leided ist eine Schande, aber diesen Schuh haben sich die Hamas anzuziehen. Keinem Land ist es zuzumuten, ständig unter Beschuss zu sein, ohne sich dagegen zur Wehr setzen zu dürfen.
Hesekiel 13.07.2014
2.
Der Artikel benennt das Konzept der Hamas im fuenften und sechsten Absatz klar, kommt dann aber ueberraschenderweise zu einer eher fadenscheinigen Schlussfolgerung. Es geht und ging nicht darum, militaerisch irgendwas zu berwirken - ein Glueckstreffer waere willkommener Bonus, nicht vorrangiges Ziel der Hamas-Aktion. Man schiesst Raketen gen Israel, weil man die Gegenschlaege der Israelis fuer die innenpolitische Einigkeit braucht - nicht nur in Gaza uebrigens, sondern auch in den Nachbarlaendern. An einer Deeskalation des Schwelbrandes ist gerade unter den Gegnern Israels ueberhaubt niemand interessiert! Solange man den Riesen mit Kazams zu Gegenschlaegen provozieren kann haelt die Zivilbevoelkerung zu ihren radikalen Fuehrern, und die Hilfszahlungswellen fuer das palaestinensische Volk reissen nicht ab. Man braucht den Konflikt, weil er tragende Saeule fuer einen ganzen Bereich der palaestinensischen Gesellschaft ist, so einfach ist das.
iluminar 13.07.2014
3. Unerklärlich
Zitat von NauMaxDas erklärt dann auch die vermehrte pro-Palästinensische Propaganda, welche auf div. Sozialen Netzwerken verbreitet wird. Dass die Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen leided ist eine Schande, aber diesen Schuh haben sich die Hamas anzuziehen. Keinem Land ist es zuzumuten, ständig unter Beschuss zu sein, ohne sich dagegen zur Wehr setzen zu dürfen.
Der Gaza-Streifen gehört zum Bestüberwachten Land auf dieser Erde. Mir ist völlig unerklärlich, wie die Hamas an diese große Anzahl Raketen kommen.
benyakov 13.07.2014
4. Grundsätzliche Frage
Zitat von sysopAFPDie Hamas-Miliz feuert immer weiter Raketen auf Israel. Militärisch hat sie nichts ausgerichtet, doch ein schwerer Treffer würde ausreichen. Denn den Radikalislamisten geht es einzig um ihr Image. http://www.spiegel.de/politik/ausland/hamas-im-gazastreifen-raketen-auf-israel-fuers-image-a-980793.html
Können wir an irgendeiner Stelle der Konflikte in der islamischen Welt (Sysrien, Irak, Nigeria usw.) mit unserer Sicht auf die Dinge Klarheit gewinnen? Die Kämpfer berufen sich in der Regel auf eine höhere Autorität, sehen sich in deren Auftrag handelnd und schonen an vielen Stellen weder Freund noch Feind. Es ist ein Teufelskreis, in dem eine völlig andere Logik herrscht als in unseren aufgeklärten Gesellschaften. Deswegen zielen die Ratschläge aus unserer Perspektive auch ins Leere.
thunderstorm305 13.07.2014
5. Das wird nie Frieden geben.
Es ist so langsam müssig immer wieder neue Nachrichten zu diesem Thema lesen zu müssen. Beiden Seiten geht es hier ja nicht um Frieden, sondern um die Sicherung ihrer eigenen Macht. Israel möchte unter allen Umständen verhindern, dass die palästinensische Regierung und die Hamas vereint auftreten. Und die radikalen Palästinenser halten immer noch an ihrem Ziel fest Israel zu zerstören. Allerdings muss man auch festhalten, dass die Leidtragenden vor allem auf der Seite der Palästinenser zu finden sind. 200 Toten stehen hier einem verletzten Israeli gegenüber. Ein Staat kann den Raketenbeschuss auf sein Gebiet natürlich nicht hinnehmen. Hier bleiben zwei Möglichkeiten. Man bombt alles nieder bis kein Stein mehr auf dem anderen steht, oder man lässt es erst gar nicht soweit kommen. Es ist vielleicht besser die zwei Millionen Menschen im Gazastreifen nicht über Jahre in Verzweiflung und Elend zu halten und so der weiteren Radikalisierung Vorschub zu leisten. Aber wie gesagt, hier haben die Wenigsten auf beiden Seiten ein Interesse daran, dass sich etwas ändert. Das Drehbuch ist immer gleich. Ohne Druck von Aussen wird das auch so bleiben.
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