Palästinensische Machtverhältnisse: Die Stunde der Hamas

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Zerstörungen im Gaza-Streifen, Raketenalarm in Tel Aviv und Jerusalem: Hunderttausende fürchten einen neuen Krieg in Nahost. Doch die Hamas dürfte von dem Konflikt profitieren - er könnte gleich drei Probleme der Radikalislamisten lösen.

Hamas im Gaza-Streifen: Die heimlichen Gewinner der Krise Fotos
REUTERS

Schon wieder heulen am Freitag die Warnsirenen in Tel Aviv auf, das zweite Mal seit Beginn der Gaza-Offensive. Kurz darauf twittern die Hamas-Kämpfer selbstbewusst: "Die Kassam-Brigaden beschießen Tel Aviv mit einem selbstgebauten M-75-Projektil."

Seit mehr als 48 Stunden beschießt Israels Luftwaffe den Gaza-Streifen. Eine Pause gab es nur während der kurzlebigen Waffenruhe am Freitag während des Besuchs des ägyptischen Premierministers. Das erklärte Ziel der Israelis: die Raketen der Hamas zerstören, vor allem solche mit einer Reichweite über Südisrael hinaus. Dazu wollte man der Hamas eine Lektion erteilen, nachdem in den vergangenen Monaten wieder Raketen aus dem Gaza-Streifen in Südisrael landeten.

Doch trotz der Bombardierungen gelang es der Hamas nach Angaben der israelischen Armee, mehr als 340 Raketen auf Israel abzuschießen. Sicherlich hat der israelische Beschuss den radikalen Islamisten schwer zugesetzt. Militärische Einrichtungen und Infrastruktur wurden zerstört und Militär-Chef Ahmed Dschabari getötet. Doch dass die Hamas im Gaza-Streifen trotzdem in der Lage ist weiterzuschießen, ist ein Triumph. Es scheint, als würde sie zum großen Gewinner der jüngsten Gaza-Offensive.

In dem Konflikt kann die Hamas-Führung im Gaza-Streifen gleich mehrfach profitieren:

  • Konsolidierung in Gaza: Mit dem Ausbau eines repressiven Sicherheitsapparats, der auch vor Folter nicht zurückschreckt, hatte die Hamas versucht, ihre Macht zu sichern. Zuletzt war sie im Gaza-Streifen allerdings von radikaleren Gruppen herausgefordert worden. Lautstark hinterfragten diese, warum die Bewegung über ein Jahr lang keine Raketen auf Israel abgeschossen hatte. In den vergangenen Monaten fingen die Hamas-Angriffe auf Israel wieder an. Die Hamas versuchte offenbar, ihre Glaubwürdigkeit als "Widerstandsbewegung" wiederherzustellen. Der israelische Angriff dürfte dazu führen, dass die Palästinenser zusammenrücken gegen den gemeinsamen Feind.
  • Triumph gegen den Fatah-Rivalen: Die Kampfhandlungen hätten für die Hamas wohl zu keinem günstigeren Zeitpunkt kommen können. Im Westjordanland macht sich Ärger über die dortige palästinensische Autonomiebehörde breit, den Rivalen der Hamas. Die Behörde ist pleite. In den nächsten Wochen will sie eigentlich einen Antrag auf ein Mitgliedschafts-Upgrade in der Uno-Vollversammlung stellen und müsste dann mit finanziellem Druck aus Israel, den USA und Europa rechnen. Entweder rückt sie von ihrem Vorhaben ab, oder sie muss mit Ärger im Westjordanland rechnen, wenn das Geld ausgeht. Die Signalwirkung für die Palästinenser ist klar: Die Fatah-Politiker, die sich für Verhandlungen mit Israel eingesetzt haben, sind gescheitert. Mit ihnen stehen sie noch immer ohne Staat da und ohne Geld. Stattdessen geht Israels Siedlungsbau weiter. Auf die Hamas, die sich gegen Verhandlungen aussprach, kommt, nach dem Besuch des Emirs aus Katar im Oktober, ein Geldregen zu. Die Siedlungen im Gaza-Streifen wurden aufgelöst.

  • Machtka mpf innerhalb der Hamas: Die Vertreter der Hamas aus dem Gaza-Streifen dürften ihre Position auch intern verbessert haben: In der Hamas-Bewegung ist die Führungsfrage offen. Chalid Maschaal, Chef des Politbüros, will nicht mehr für den Vorsitz kandidieren und hat im September angekündigt, zurücktreten zu wollen, sobald ein neuer Politbüro-Chef bestimmt sei. Als Favoriten gelten der bisherige Vize Musa Abu Marzuk, der in Kairo lebt, und Ismail Hanija, Premierminister im Gaza-Streifen. Lange gab die Gruppe der "Exilanten" den Ton im Politbüro an. Maschaal lebte in Damaskus, direkt an der Geld- und Waffenquelle. Mit der Abkehr vom syrischen Regime ist diese versiegt. Die Exilanten hatten sich in den vergangenen Jahren Israel gegenüber kompromissbereit gezeigt. Der Krieg dürfte nun die "Internen" als entscheidende Akteure dastehen lassen und ihre Position stärken.

Die Aufstände in der arabischen Welt haben auch die palästinensischen Machtverhältnisse verändert. Bisher sah es aus, als könnte die Hamas zum Verlierer des Arabischen Frühlings werden. Sie sah sich gezwungen, vorsichtig von Damaskus abzurücken, und büßte damit wichtige militärische Hilfe, auch aus Iran, ein.

Nun kann sie sich über neue Verbündete freuen. Ihre Interpretation des Arabischen Frühlings als ein islamisches Wiedererwachen scheint aufzugehen. Gerade erst hatte sie ihren ersten ausländischen Staatschef zu Gast, den Emir von Katar, der ihr 400 Mio. Dollar versprach. Zudem erhofft sich die Hamas Unterstützung von den neuen islamistischen Regierungen - allen voran in Ägypten. Die Hamas ging aus der nun in Kairo regierenden ägyptischen Muslimbruderschaft hervor. Die israelischen Bombardierungen dürften ihr nun weiteren Auftrieb geben.

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Präzise Analyse!
hhfra 16.11.2012
Sehr gut beobachtet. Nun noch eine Analyse zu den israelischen Interessen und alles ist rund. Was hier schon in verschiedenen Foren gesagt wurde stimmt: die radikalen beider Seiten setzen ihre Interessen durch
2. blindness
straßenlaterne 16.11.2012
Da gibt es ein Volk, die Palästinenser. Jeder Araber, den ich kenne führt sie zu seiner Verteidigung auf. Die Palästinenser sind für jedes Argument gegen Israel und den Westen gut. Da ist dieses kleine Volk der Israelis. Und um sie herum all diese arabischen Staaten. Einige davon sehr wohlhabend. Wenn die arabischen Völker, die sich immer wieder auf Palästina beziehen,den Palästinensern mit ihrer geballten wirtschaftlichen und militärischen Macht helfen wollten, gemeinsam, dann hätte Israel keine Chance, keine. Aber das wollen sie nicht. Sie wollen seit Jahrzehnten dieses arme Volk genau in dieser Situation belassen. Um Menschen anzustacheln, zu instrumentalisieren, für ihre Zwecke. In ihren Ländern. Es geht nicht um Menschen, es geht nur um Macht. Das ist die ganze Geschichte. Und ich kann einfach nicht verstehen, dass so wenige Menschen das kapieren.
3. Titellos
UnitedEurope 16.11.2012
Zitat von sysopREUTERSZerstörungen im Gaza-Streifen, Raketenalarm in Tel Aviv und Jerusalem: Hunderttausende fürchten einen neuen Krieg in Nahost. Doch die Hamas dürfte von dem Konflikt profitieren - er könnte gleich drei Probleme der Radikalislamisten lösen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/hamas-in-gaza-konflikt-mit-israel-hilft-den-islamisten-a-867721.html
Hätte Israel mit der Fatah einen stabilen Frieden geschlossen, als es noch die Möglichkeit dazu hatte. Natürlich möchte Netanjahu keinen Palästinenser Staat, der Israel nicht anerkennt. Aber dass es Israel nicht einmal mit der Fatah in 5 Jahren hinbekommen hat, ist ein Armutszeugnis. Israel muss aufpassen. Bisher konnte es aus einer Position der Stärke heraus Bedingungen diktieren, und wenn es nicht klappte, baute man eben weiter Siedlungen. Doch wenn sich die Verhältnisse irgendwann mal umkehren, wird man vergebenen Chancen nachweinen. Ägypten wird wohl eher Israel-kritisch, was in Syrien passiert weiß keiner, ob der Libanon stabil bleibt hängt stark mit Syrien zusammen, Jordaniens "Freundschaft" ist auch nicht in Stein gemeißelt, Iran ist immer noch feindlich gesinnt und den Irak gibt es auch noch, von Katar und Saudi-Arabein ganz zu schweigen. Gegen die Hamas oder Hisbollah bringt auch die größte Atombombe nichts. Und solange es keinen Frieden mit den Palästinensern gibt, gibt man den Arabern unnötige Munition. Israel muss keine unzumutbare Bedingungen akzeptieren, aber auch die Palästinenser haben ein berechtigtes Interesse an Jerusalem, dem Wasser des Jordan und der Westbank.
4. presstv, the truth
truthful 16.11.2012
laut dem in europa verbotenen Presstv sind einige , und nicht nur eine Rakete in TA eingeschlagen, darunter einige auch Nähe des Knesset. Die U Bahn Schächte mussten für Schutzsuchende geöffnet werden
5. Torheit
gerd.lt 16.11.2012
"Die Torheit der Regierenden" heißt ein Buch von Barbara Tuchman in dem an Beispielen dargestellt wird wie es durch die Torheit von Regierenden zu Entwicklungen in einem Staat gekommen ist, die eigentlich so keiner gewollt hat. Die Politik der jetzigen israelischen Regierung könnte so ein Punkt sein, den man später als den erkennt, der die negative Entwicklung, in diesem Fall des Staates Israels, zu verantworten hat.
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Fotostrecke
Kampf gegen Hamas: Netanjahus gefährliche Strategie

Fläche: 22.072 km²

Bevölkerung: 7,837 Mio.

Regierungssitz: Jerusalem

Staatsoberhaupt:
Reuven Rivlin

Regierungschef: Benjamin Netanjahu

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Israel-Reiseseite


Fotostrecke
Israels gezielte Tötungen: Raketen, Gift und Schokolade
Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
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Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
DPA
Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
DPA
Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
AP
Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
AP
Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
DPA
Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
REUTERS
Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.