Hamas-Miliz im Gaza-Streifen Kalaschnikow-Magazin auf dem Wohnzimmertisch

Milizenführer Abu al-Abed bereitet sich auf das Schlimmste vor: Einen palästinensischen Bruderkrieg. Sein Wohnzimmer ist seine Kommandozentrale. Auf dem Sofa sitzen Kassam-Kämpfer, um Befehle entgegenzunehmen. Derweil spielt sein vierjähriger Sohn im Hintergrund am Computer.

Aus Gaza berichtet Ulrike Putz


Gaza - Abu al-Abed ist ein stiller Mann. Keiner, der kämpferische Reden schwingt. Keiner, der hasserfüllt nur darauf wartet, gegen den Feind loszuschlagen. In seinem Zuhause im Jebalia-Flüchtlingslager im Norden von Gaza-Stadt starrt er sorgenvoll auf seinen Couchtisch, während er die Lage der palästinensischen Nation analysiert: "Wenn ich ehrlich bin, dann könnten die nächsten Wochen schlimmer werden, als alles, was jemals zuvor war", sagt al-Abed.

Schwer bewaffnete Kassam-Kämpfer: Ist ein Bürgerkrieg in den Palästinensergebieten noch zu verhindern?
AP

Schwer bewaffnete Kassam-Kämpfer: Ist ein Bürgerkrieg in den Palästinensergebieten noch zu verhindern?

Vor ihm liegen das Magazin einer Kalaschnikow, neben ihm auf dem rotsamtenen Sofa zwei Walkie-Talkies, aus denen ab und an Sprechfunk quäkt. Abu al-Abed ist der Kommandant der Kassam-Miliz von Nord-Gaza. 500 Kämpfer des militanten Flügels der Hamas bereiten sich in diesen Stunden unter seiner Ägide auf das Schlimmste vor - einen palästinensischen Bruderkrieg.

Es ist Samstagnachmittag, draußen geht über den unverputzten Häuschen und Verschlägen des Stadtviertels die Sonne unter. Vor wenigen Stunden hat der Palästinenserpräsident Mahmud Abbas angekündigt, Neuwahlen abhalten zu wollen. Die Hamas-Regierung hat ihre Anhänger aufgerufen, nach dem Nachmittagsgebet dagegen auf den Straße zu protestieren. Die Zeichen stehen auf Sturm im Gaza-Streifen.

Im Machtkampf zwischen der ordentlich gewählten Regierung der radikalislamischen Hamas und der gemäßigten Fatah, die trotz ihrer Wahlniederlage im Januar ihren Führungsanspruch nie aufgegeben hat, ist die letzte Runde eingeläutet. "Abbas Rede mit der Forderung nach Neuwahlen war der Wendepunkt. Damit hat er grünes Licht für weitere Eskalationen, für mehr Chaos gegeben", sagt Abu al-Abed. Im Hintergrund spielt sein vierjähriger Sohn am Computer, zwei Töchter im Grundschulalter bringen Kaffee.

Immer wieder klopft es an der Tür, die Männer des Kommandanten schauen vorbei. Die meisten kommen, um sich letzte Instruktionen zu holen, einer will nur schnell einen Teppich borgen: Während der Kämpfer auf dem Steinfußboden hinter der Couch ein Gebet nachholt, das er vorhin verpasst hat, schweigen die anderen. Abu al-Abed spielt nachdenklich mit dem Kalaschnikow-Magazin. "Von unserer Seite wird keine organisierte Gewalt ausgehen, aber wir sind jederzeit bereit, uns zu verteidigen", sagt er, nachdem sich der fromme Milizionär verabschiedet hat.

Die Kämpfer der Fatah würden einem dasselbe sagen, doch der Kassam-Offizier möchte einen Unterschied hervorgehoben wissen: "Für die Hamas darf nur kämpfen, wer ideologisch auf Linie ist, sich unserer Disziplin unterwirft und Befehlen bedingungslos gehorcht." Nicht umsonst hieße Hamas übersetzt "Begeisterung".

Immer noch eine allerallerletzte Warnung

Tatsächlich sind die Kassam-Brigaden bekannt für ihre straffe Führung, der sich nach israelischen Schätzungen etwa 10.000 Männer unterordnen. Der militante Flügel der Fatah kann im Gaza-Streifen auf weniger Kämpfer zurückgreifen, setzt sich aber aus Dutzenden Splittergruppen, Polizei- und Sicherheitseinheiten zusammen, die sich teils untereinander bekämpfen: Das macht die Fatah-Miliz de facto unkontrollierbar und deshalb umso gefährlich.

Beide Milizen sind gut bewaffnet, beide verfügen über Raketen- und Granatwerfer, Minen und ein üppiges Arsenal an Maschinengewehren nebst Munition, gibt Abu al-Abed zu Protokoll. "Aber wir haben zusätzlich die eine Waffe, die stärker ist als all die anderen: Unseren Willen."

Ihre Entschlossenheit hatten die bewaffneten Hamas-Anhänger bereits am Freitag demonstriert. Zu Hunderten hatten Kassam-Männer schwer bewaffnet und vermummt die Straßen von Gaza besetzt: Eine Demonstration der Stärke, die Palästinenserpräsident Mahmud Abbas einschüchtern sollte. Dass er sich dadurch nicht hat davon abbringen lassen, Neuwahlen anzuberaumen, liegt in der Logik des Polit-Pokers, bei der jede Seite derzeit bis zum Äußersten reizt. Denn auch wenn der Ton zwischen beiden Palästinenser-Fraktionen immer schärfer, die Drohungen immer konkreter werden: Noch hat keine Seite die Verhandlungen gänzlich abgebrochen. Bislang hält das Gleichgewicht des Schreckens, bei dem die Hamas Gaza dominiert, die Fatah aber im Westjordanland das Sagen hat. Der allerletzten Warnung ist bislang immer noch eine allerallerletzte gefolgt.

Entscheidend ist in diesen Tagen, in denen Palästina in einen Bruderkrieg schlittern könnte, das Kleingedruckte: So hat Abbas zwar Neuwahlen angekündigt, aber sich eine Hintertür offen gelassen. Sollten sich Fatah und Hamas doch noch auf eine Einheitsregierung aus Technokraten einigen, könnte er die Forderungen nach Wahlen dann doch noch fallen lassen, ohne das Gesicht zu verlieren.

Ähnliches war zu beobachten, als sich am Samstagabend Tausende aufgebrachte Hamas-Anhänger vor dem Parlament in Gaza versammelten: Hamas-Sprecher Ismail Rudwan waren deutlich bemüht, es der aufgeputschten Menge Recht zu machen und den Inhalt der Abbas-Rede gebührend zu schmähen. Gleichzeitig vermied er es aber, Abbas als möglichen Verhandlungspartner völlig unmöglich zu machen. Abbas sei nur ein Hase, der eine Gruppe von Löwen vorstünde, war die Formulierung, die Rudwan wählte: Der Präsident sei schwach und falsch beraten worden, die wahren Schuldigen seien anderswo zu suchen.

Stillstand bei den Verhandlungen für eine Einheitsregierung

Um den Konflikt zu verstehen, der sich in diesen Tagen in den palästinensischen Gebieten zuspitzt, muss man über ein Jahrzehnt zurückgehen. Nach Einrichtung der palästinensischen Selbstverwaltung 1994 dominierte die Fatah zwölf Jahre lang das politische Leben im Westjordanland und dem Gaza-Streifen. Mit Jassir Arafat als Übervater Palästinas an der Spitze errichtete sie einen Verwaltungsapparat, der zunehmend von Korruption zerfressen wurde und seine Aufgaben vernachlässigte. Soziale Leistungen wie Bildung und Gesundheitsversorgung wurden zunehmend von den Wohlfahrtseinrichtungen der Hamas erbracht, die die Wahlen im Januar dieses Jahres denn auch mit knapp 60 Prozent der Stimmen gewann.

Die Weigerung der gewählten Hamas-Regierung, internationale Forderungen nach der Anerkennung Israels und der Absage an den bewaffneten Kampf zu erfüllen, führte dazu, dass die Geberländer ihre Zahlungen einstellten. Seitdem ist die Palästinensische Autonomiebehörde, deren Haushalt bis zu 70 Prozent aus Hilfsleistungen bestückt wird, de facto zahlungsunfähig.

Präsident Mahmud Abbas drängte angesichts der immer schwierigeren Situation der Palästineser, die teils seit Monaten keine Gehälter mehr erhalten haben, auf die Bildung einer nationalen Einheitsregierung. Nur eine Regierung, in der auch die gemäßigte Fatah eine Stimme habe, werde von Israel als Verhandlungspartner anerkannt, nur die Bildung eines gemischten Kabinetts werde die Geberländer dazu bewegen, den Geldhahn wieder aufzudrehen, so sein Argument.

Die Hamas hat der Bildung einer Einheitsregierung prinzipiell zugestimmt. Die Verhandlungen kamen jedoch zum Stillstand, als keine der beiden Parteien den Anspruch auf den Posten den Finanz- und Innenministers, also den Anspruch auf die Verwaltung des Geldes und die Hoheit über die Sicherheitskräfte, aufgeben wollte. Seitdem herrscht Stillstand.

Im Jebalia-Flüchtlingslager knackt ein Lautsprecher, der Muezzin singt die Aufforderung zum Nachmittagsgebet: Gott ist groß. Es gibt keinen Gott außer Gott. Mohammed ist Gottes Prophet. "Es wird Zeit, zu gehen", sagt Abu Al Abed. Erwartet er, dass es nach dem Gebet zu Gefechten zwischen der Kassam und Fatah-Milizen kommen wird? "Wir werden sehen, was Gottes Wille ist", sagt der Kommandant. "Komme, was wolle, die Miliz ist bereit."



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