Hamas-Sieg im Gaza-Streifen Palästina zerfällt in zwei Teile

Die Hamas feiert die "Befreiung" des Gaza-Streifens von den "Kollaborateuren" der Fatah. Schon diese Sprache zeigt, dass neben die räumliche Trennung der beiden Gebiete eine ideologische getreten ist - mit möglicherweise gravierenden Folgen für die palästinensische Sache.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Es ist die neue, von Hass erfüllte Rhetorik der Hamas-Kämpfer, die offenbart, wie tief die Kluft zwischen ihnen und ihren Landsleuten von der Fatah geworden ist: Von einer "zweiten Befreiung" des Gaza-Streifens sprach ein Hamas-Sprecher, nachdem die Kämpfer der islamistischen Organisation mit der Stadt Rafah heute eine weitere, entscheidende Ortschaft im Gaza-Streifen unter ihre Kontrolle brachten. Die erste Befreiung, das war der Abzug der israelischen Armee aus dem Landstrich am Mittelmeer vor nicht einmal zwei Jahren - die "Brüder" von der Fatah warf er damit in eine Schublade mit den verhassten Besatzern.

Hamas-Kämpfer nach der Eroberung der Geheimdienst-Zentrale im Gaza-Streifen: Jetzt wird aufgeräumt, zeigt schon die Rhetorik der Hamas
REUTERS

Hamas-Kämpfer nach der Eroberung der Geheimdienst-Zentrale im Gaza-Streifen: Jetzt wird aufgeräumt, zeigt schon die Rhetorik der Hamas

Andere taten es ihm gleich. Auf der Website der Qassam-Brigaden, des bewaffneten Arms der Hamas, werden die Fatah-Leute als "Kollaborateure" bezeichnet, die gemeinsame Sache mit den USA und Israel machten. "Die Epoche der Gerechtigkeit und der Herrschaft des Islams hat begonnen", tönte Hamas-Sprachrohr Islam Schahawan im eigenen Radiosender.

Jetzt wird aufgeräumt, so lautet der Tenor der Hamas - der ganze angestaute Hass auf die früheren Alleinherrscher bricht sich Bahn. So ermordeten Hamas-Milizionäre Fatah-nahe Polizisten heute per Kopfschuss, berichteten Agenturen. Sicher, auch die Fatah führt Krieg und tötet - aber es scheint, als sei der Furor auf Seiten der Islamisten um einiges größer.

Hamas im Gaza-Streifen, Fatah im Westjordanland

Immer deutlicher wird angesichts dieser Konfrontation, dass die palästinensischen Gebiete ebenfalls auseinanderdriften - die ideologische Teilung hat eine räumliche Entsprechung: Hier der Gaza-Streifen, da das Westjordanland. Fatah-Funktionäre, hieß es heute, seien bereits über die Grenze nach Ägypten geflohen, wenn sie sich nicht gleich "ergeben" hätten. In Ramallah hingegen, einer Fatah-Hochburg, wurden drei Hamas-Kämpfer verschleppt, und auch in anderen Städten des Westjordanlandes wurden islamistische Milizionäre verhaftet.

Es gab immer schon große Unterschiede zwischen dem "größten Freiluftgefängnis der Welt" direkt am Strand und dem hügeligen, von Olivenbäumen durchzogenen Westjordanland.

Im Gaza-Streifen beispielsweise leben seit 1948 vornehmlich Flüchtlinge aus jenen Teilen Palästinas, die heute in Israel liegen, sowie deren Nachfahren. In der Westbank dagegen sind die meisten Menschen wenigstens noch Bewohner ihrer eigenen Dörfer und Städte.

In Ramallah, Jericho, Bethlehem und anderswo leben viele Christen, sie stellen teils sogar die Mehrheit - im Gaza-Streifen gibt es sie kaum noch. In Taybeh, nördlich von Ramallah, gibt es eine Brauerei - im Gaza-Streifen haben islamische Eiferer sogar den Uno-Pub gestürmt und die Kinos geschlossen.

Im Gaza-Streifen leben zwei Drittel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze - im Westjordanland liegt die Wirtschaft zwar auch am Boden, aber nicht in vergleichbar desaströser Form. Dieser Umstand hat übrigens viel zur massenhaften islamistischen Radikalisierung im Gaza-Streifen beigetragen: Die Hamas verdankt ihren Aufstieg hier der Tatsache, dass sie jahrelang ein verlässliches Hilfswerk war. Die Fatah wiederum hat über die Jahre in beiden Teilen an Zustimmung verloren, weil sie selbstherrlich und korrupt regierte.

Aber auf der anderen Seite sind die Unterschiede keinesfalls total: Es gibt auch im Gaza-Streifen Fatah-Hochburgen und es existieren auch im Westjordanland Hamas-Enklaven. In Nablus sollte eine Frau besser nicht auf der Straße rauchen. Dafür kann man in Gaza-Stadt auch mit Hamas-Kämpfern ein Bier trinken, wenn sie wissen, wo man eines finden kann. Unter den Fatah-Kämpfern der Aqsa-Brigaden wiederum sind etliche, die ihre Militanz nach islamistischem Muster legitimieren und die anscheinend nicht mitbekommen haben, dass ihre Mutterorganisation, die Fatah, Israel anerkannt hat. Man könnte sie bei der Hamas vermuten, hört man sie reden.

Was macht Israel jetzt?

Es ist also aus mehr als einem Grund zu einfach und schablonenhaft, die palästinensischen Gebiete in "Hamastan" und "Fatahstan" einzuteilen. Das ändert aber nichts daran, dass viele Palästinenser den aktuellen Bruderkrieg nicht zuletzt deshalb für eine Katastrophe halten, weil er die räumliche Trennung zu zementieren und die vage ideologische Trennung zu verfestigen droht - und damit die Aussichten für die Zukunft schmälert.

Hanan Aschrawi, Ex-Bildungsministerin unter Jassir Arafat und heute unabhängige Abgeordnete, warnt vehement vor einem solchen Szenario: "Wenn man diese Separation nicht stoppt, dann werden die Chancen für einen lebensfähigen, palästinensischen Staat massiv reduziert."

Aschrawi gehörte in den neunziger Jahren zum Verhandlungsteam der PLO; schon damals wurde Wert darauf gelegt, dass zumindest das Reisen zwischen Westbank und Gaza-Streifen möglich bleiben müsse. Ein Korridor war lange Zeit eine der wichtigsten palästinensischen Forderungen. In den vergangenen Jahren, insbesondere seit Beginn der Zweiten Intifada 2000, ist Austausch wegen israelischer Abriegelungen kaum noch möglich. Die Parlamentsabgeordneten aus dem Gaza-Streifen wurden bei Sitzungen zumeist nur noch per Video zugeschaltet. Studenten aus Rafah oder Dschabalia im Gaza-Streifen, die Ende der Neunziger angefangen haben, in der Westbank zu studieren, haben ihre Familie teilweise bis heute nicht wiedersehen können.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.