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Hamas-Strategie: "Die Gewalt wird so oder so niemals enden"

Mussa Mohammed Abu Marsuk ist Vize der politischen Hamas-Führung im syrischen Exil. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärte er, dass die Einigung mit der Fatah über die Gründung eines Palästinenserstaats nicht die Anerkennung Israels bedeute. Hamas werde unbeirrt an der Gewalt gegen Israel festhalten.

SPIEGEL ONLINE: Israel hat dem politischen Hamas-Büro vorgeworfen, die Entführung des Soldaten Gilad Schalit angeordnet zu haben. Ist die Entführung hier von Damaskus aus befohlen worden?

Abu Marsuk: "Unsere Strategie ist erfolgversprechend"
Gabriela M. Keller

Abu Marsuk: "Unsere Strategie ist erfolgversprechend"

Abu Marsuk: Nein, das ist nicht wahr. Israel hat uns in ähnlichen Fällen schon oft falsch beschuldigt. Solche Entscheidungen sind nicht unsere Aufgabe; sie werden vom militärischen Flügel getroffen. Der militärische und der politische Flügel sind zwei Einheiten, die unabhängig voneinander arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die politische Führung wird vorher nicht einmal zu Rate gezogen?

Abu Marsuk: Wir sind ja hier keine Experten in militärischen Fragen. Wir wissen vorab nicht einmal von den militärischen Aktionen, wann oder wie sie stattfinden.

SPIEGEL ONLINE: Das würde ja bedeuten, dass es zwischen den Flügeln der Hamas keinerlei Abstimmung gibt.

Abu Marsuk: Doch, denn unser Vorgehen beruht auf derselben Strategie, und der ordnen sich alle unter. Und diese Strategie ist, der Besatzung Palästinas Widerstand zu leisten. Ein Teil der Hamas verfolgt dieses Ziel auf politischer und einer auf militärischer Ebene.

SPIEGEL ONLINE: Nun hat die Hamas dem sogenannten Gefangenenpapier zugestimmt, das eine Zwei-Staaten-Lösung vorschlägt. Heißt das, die Hamas ist nun bereit, den Staat Israel anzuerkennen?

Abu Marsuk: Mit dieser Einigung haben wir vor allem zugestimmt, den Widerstand im Gaza-Streifen und in der West Bank zu verstärken. Außerdem haben wir uns auf das Ziel verständigt, in diesen Gebieten einen palästinensischen Staat zu errichten.

SPIEGEL ONLINE: Bedeutet das nicht zwangsläufig, dass die Hamas auf dem übrigen Gebiet den israelischen Staat akzeptiert?

Abu Marsuk: Davon ist in dem Papier keine Rede. Es geht allein um die Zukunft unseres Volkes und darum, wie eine vereinte Regierung aus allen palästinensischen Fraktionen am Aufbau eines eigenständigen Staates arbeiten kann.

SPIEGEL ONLINE: Und wird nach Ansicht der Hamas daneben auch ein israelischer Staat existieren können?

Abu Marsuk: Die Hamas hat immer ganz klar gesagt: Wir werden die Besatzung niemals irgendwo hinnehmen, weil sie nicht rechtmäßig, nicht richtig und nicht gerecht ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Hamas hat dem Papier genau zu der Zeit zugestimmt, als die israelische Invasion begann. Hat die Hamas gehofft, dieses Zugeständnis könne die militärischen Schläge noch abwehren?

Abu Marsuk: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Die Hamas hat von Anfang an gesagt: 90 Prozent des Papiers sind gut. Wir wollten aber einige Änderungen durchsetzen. Zum Beispiel haben wir darauf bestanden, dass ein Absatz eingefügt wird, der besagt, dass wir die Rechtmäßigkeit der Besatzung niemals anerkennen werden. Außerdem wollten wir stärker herausstellen, dass die Palästinenser im Gaza-Streifen und der West Bank das Recht auf Widerstand haben. Als die Fatah diese Änderungen akzeptiert hatte, hat die Hamas dem Papier zugestimmt.

SPIEGEL ONLINE: Nach der Entführung des Soldaten hat Israel begonnen, den Gaza-Streifen zu bombardieren. Legt das nicht den Schluss nahe, dass solche Aktionen nur Gewalt gegen Palästinenser heraufbeschwören?

Abu Marsuk: Die Aggressionen der Israelis werden ohnehin niemals aufhören. Allein in den letzten zwei Wochen sind bei Angriffen elf palästinensische Kinder getötet worden. Jetzt geht es um einen Soldaten, der im Kampf gefangen genommen wurde. Und plötzlich stellt sich die ganze Welt hin und verlangt, er solle frei gelassen werden. Zur selben Zeit befinden sich mehr als 400 palästinensische Kinder in israelischen Gefängnissen. Nach denen fragt niemand.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man sich die Folgen anschaut, muss man wohl feststellen, dass die Gewalt gegen Israel dem palästinensischen Volk nicht wirklich weiterhilft.

Abu Marsuk: Doch, solche Aktionen sind hilfreich. Denn jetzt weiß jeder Israeli, dass es auf Gewalt immer eine Reaktion geben wird. Wenn Palästinenser getötet werden, werden auch Israelis getötet. Das soll jedem Israeli klar sein.

SPIEGEL ONLINE: Dass sich die gegenseitige Gewalt so jemals beenden lässt, ist kaum vorstellbar.

Abu Marsu k: Die Gewalt wird so oder so niemals enden. Wir stehen auf der schwächeren Seite und tun, was wir tun können. Die Palästinenser haben keine andere Wahl.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem hat sich Regierungschef Ismail Hanija jüngst deutlich diplomatischer gezeigt als die politische Führung in Damaskus. Das legt eine gewisse Uneinigkeit innerhalb der Hamas nahe.

Abu Marsuk: Nein, es gibt keine Spaltung, sondern nur verschiedene Herangehensweisen. Die Regierung, der militärische Flügel und das politische Büro, alle verfolgen dieselbe Strategie, nur arbeitet eben jeder entsprechend seiner Aufgaben.

SPIEGEL ONLINE: Nun ist die Hamas nicht mehr nur Terror- oder Widerstandsgruppe, sondern auch Regierungspartei. Finden Sie - in Anbetracht all des Chaos seit dem Wahlsieg - dass die Hamas diese Wandlung erfolgreich vollzogen hat?

Abu Marsuk: Wir hatten nie vor, uns zu wandeln. Das palästinensische Volk lebt unter Besatzung, also sind wir weiterhin eine Widerstandsbewegung. Das Volk hat uns gewählt, weil es nicht das Gefühl hatte, dass alle Verhandlungen der Fatah geholfen hätten, dem Ziel eines eigenen Staates näher zu kommen. Wir gehorchen dieser Wahl, aber wir haben uns nicht ausgesucht, an der Regierung zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Aber nun, da sie an der Regierung ist: Sollte die Hamas ihren Konflikten da nicht eher mit Verhandlungen als mit Anschlägen begegnen?

Abu Marsuk: Doch, natürlich. Auf der anderen Seite sind wir aber keine Regierung wie die irgendeines anderen, unabhängigen Staates. Wir sind eine Regierung unter Besatzung. Und die Aufgabe einer solchen Regierung ist, Widerstand zu leisten, auf jede mögliche Art und Weise. Ich denke, dass jeder einzelne Palästinenser Widerstand leisten sollte, und zwar so lange, bis es einen eigenständigen palästinensischen Staat gibt.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, auch die derzeitigen Militärschläge bringen die Hamas nicht dazu, ihre Strategie zu ändern.

Abu Marsu k: Nein. Ich denke, dass unsere Strategie erfolgversprechend ist und die Palästinenser schließlich auf den Weg bringen wird, ihren eigenen Staat aufbauen zu können.

Das Interview führte Gabriela M. Keller, Damaskus

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