Hamburger Teenager im Dschihad "Herzlichen Glückwunsch, Ihr Sohn ist jetzt im Paradies"

Ein Junge aus Hamburg reißt aus und schließt sich dem Dschihad an. Die "Hamburger Morgenpost" hat nun beschrieben, wie die Mutter auf makabere Weise von seinem Tod erfuhr.


Hamburg - Kurz nach seinem 18. Geburtstag konvertierte Ulf R. aus dem Hamburger Stadtteil Altona zum Islam. Ein schlanker blonder Junge, der als psychisch labil galt und aus schwierigen Verhältnissen stammte. Nach seinem Glaubenswechsel schmiss er die Ausbildung und haute ab in die Türkei, um im Nahen Osten neben anderen radikalisierten Islamisten zu kämpfen. Irgendwann klingelten Männer an der Haustür seiner Mutter in der Hansestadt. "Herzlichen Glückwunsch, Ihr Sohn ist jetzt im Paradies!", sagten sie ihr. Ulf R. ist tot, sollte das heißen.

So schildert die "Hambruger Morgenpost" einen besonders drastischen Fall. Der ominöse Besuch soll vor wenigen Wochen stattgefunden haben. Den Namen des Jungen hat die Redaktion verändert, ein Foto ist dazu abgedruckt, es zeigt ihn mit Sonnenbrille und Zigarette im Mund am Rand einer Rasenfläche, es stammt von Interpol. Nach Angaben der Zeitung kämpfen 40 radikalisierte Islamisten aus Hamburg derzeit in Syrien und im Irak für einen Gottesstaat. Gerade erst sollen vier weitere auf dem Weg in die Türkei abgefangen worden sein. Ihr Alter: 14 bis 17 Jahre.

Auch ein weiterer Fall eines radikalisierten jungen Mannes sorgt für Fassungslosigkeit. Im Interview mit dem "Süddeutsche Zeitung Magazin" bekannte sich der 22-jährige Erhan A. aus Kempten zu der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS). Er rechtfertigte die brutalen Morde des IS an Journalisten und sagte, er würde sogar seine Familie töten, wenn sie sich gegen den "Islamischen Staat" stellte. Nun sitzt er in Abschiebehaft. Bayerns CSU-Innenminister Joachim Herrmann sagte, der Mann habe "bei uns nichts zu suchen". Er werde schnellstmöglich in die Türkei ausgewiesen.

Offiziellen Angaben zufolge gibt es mehr als 400 deutsche Dschihad-Touristen, die nach Syrien gereist sind, und rund hundert radikale Heimkehrer. Bundesinnenminister Thomas de Mazière (CDU) stellte im vergangenen Monat jedwede Beteiligung an der Terrormiliz IS in Deutschland unter Strafe. Dazu zählen Propaganda in sozialen Netzwerken, Spendensammeln und das Anwerben von Kämpfern. Ein Verstoß kann bis zu zwei Jahre Gefängnis bedeuten.

Bereits vor dem Bekanntwerden des brutalen Vormarsches der IS-Kämpfer im Irak und Syrien hatten Radikalisierungen junger Menschen Schlagzeilen gemacht. Unter ihnen die damals 16-jährige Samra Kesinovic und die 15-jährige Sabina Selimovic. Die beiden Freundinnen aus Wien verschwanden im April. "Wir gehen nach Syrien, kämpfen für den Islam", sollen sie zuletzt im Internet unter anderem gepostet haben, die entsprechenden Seiten sind inzwischen vom Netz genommen.

Samra Kesinovic, 16 (links), Sabina Selimovic, 15,
Interpol

Samra Kesinovic, 16 (links), Sabina Selimovic, 15,

Kurz darauf gab es tatsächlich Indizien, dass die 15- und die 16-Jährige nach Syrien gereist sind. Per Flugzeug reisten sie von Wien nach Istanbul, später ging es weiter ins südtürkische Adana. Dort verliert sich die Spur. Wer den beiden die Tickets finanzierte, ist unklar. Vermutet wird, dass sie von Extremisten geködert wurden. "Wir beobachten eine zunehmende Zahl von Islamistinnen, die aus eigener Motivation in das Krisengebiet reist", hieß es damals in Sicherheitskreisen

Links das bekannte Bild, rechts ein Bild, mutmaßlich von Sabina, das von Interpol veröffentlicht wurde.
DPA/ Interpol

Links das bekannte Bild, rechts ein Bild, mutmaßlich von Sabina, das von Interpol veröffentlicht wurde.

Als besonders extrem gilt das Beispiel der 15 Jahre alten Gymnasiastin Sarah aus Konstanz, die im vergangenen November aus der elterlichen Wohnung verschwand und in Syrien den Kölner Islamisten Ismail S. heiratete. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg geht davon aus, dass die Jugendliche im Bürgerkriegsgebiet "an der Waffe ausgebildet wird", wie ein Staatsschützer der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" sagte.



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