Qaida-Mitglied Meziche Hamburger Islamist in Pakistan festgenommen

Er kannte die 9/11-Piloten, war eine Größe der Hamburger Islamisten-Szene und schloss sich 2009 in Pakistan al-Qaida an. Jetzt ist Naamen Meziche dort festgenommen worden. Fahnder erhoffen sich neue Erkenntnisse über den 11. September - und über deutsche Extremisten in der Region.

Naamen Meziche (Archivbild): "Top-Kader des Terror-Netzes al-Qaida"

Naamen Meziche (Archivbild): "Top-Kader des Terror-Netzes al-Qaida"

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Ankara/Berlin - Die pakistanische Polizei hat einen französischen Islamisten festgenommen, der jahrelang in Hamburg gewohnt hat und enge Kontakte zu den Todespiloten der Anschläge vom 11. September 2001 pflegte. Naamen Meziche, von pakistanischen Sicherheitskreisen zutreffend als "Top-Kader des Terror-Netzes al-Qaida" tituliert, war laut pakistanischen Angaben vor einigen Tagen in der Grenzregion zu Iran bei einer Anti-Terror-Operation aufgegriffen worden.

Der etwa 42 Jahre alte Meziche war im März 2009 mit mehreren Mitstreitern, inzwischen als sogenannte Hamburger Reisegruppe bekannt, in die Krisenregion gereist, hatte sich in einem Terrorlager der Qaida ausbilden lassen und wurde 2010 von einem hochrangigen Mitglied des Terrornetzwerks sogar für Anschläge in Europa ausgewählt. In der Grenzregion hatte er sich im Frühsommer 2010 konspirativ mit dem noch flüchtigen 9/11-Verschwörer Said Bahaji getroffen, das Mitglied der Hamburger Zelle gilt als einer der meistgesuchten Männer der Welt.

Deutsche Terrorfahnder haben die Nachricht über die Festnahme Meziches mit großem Interesse aufgenommen. Für sie gilt Meziche sowohl als enger Kontaktmann der Hamburger Terrorzelle, die direkt an den 9/11-Attacken in den USA beteiligt war, als auch als spätere Szene-Größe unter gewaltbereiten Islamisten in der Hansestadt. Auch der amerikanische Geheimdienst CIA würde den Dschihad-Veteran Meziche gern befragen.

Von den Vernehmungen, die der pakistanische Geheimdienst ISI derzeit durchführt, erhoffen sich die deutschen Ermittler und ihre amerikanischen Kollegen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE neue Erkenntnisse über die Rolle des Franzosen, der seit 1992 in Hamburg gewohnt hatte und sich dort fest in den Kreisen von gewaltbereiten Islamisten etablierte. Nach Angaben von Fahndern könnte er noch offene Fragen bei den Ermittlungen zum 11. September beantworten, wenn er mit den Behörden kooperiert.

Enger Kontakt zu Ramzi Binalshibh

Meziche gilt den Fahndern schon seit den verheerenden Terroranschlägen des 11. September als Mitglied der sogenannten Hamburger Zelle rund um den Todespiloten Mohammed Atta. Meziche kannte die Gruppe der späteren Piloten bereits lange vor den Anschlägen. Wie die jungen Männer betete er in der Al-Quds-Moschee. Vor allem zu dem 9/11-Logistiker Ramzi Binalshibh, der zurzeit im US-Gefangenenlager Guantanamo wegen seiner Beteiligung an den Jahrhundert-Attacken vor Gericht steht, hatte Meziche besonders engen Kontakt.

Trotz vieler Verdachtsmomente konnte die Justiz Meziche in Deutschland nie etwas nachweisen, nach den 9/11-Attacken blieb er unbehelligt, ein eingeleitetes Verfahren musste aus Mangel an Beweisen eingestellt werden. Weil Meziche als gefährlich galt, hatten Fahnder trotzdem weiter ein Auge auf ihn.

An seiner radikalen Gesinnung änderte sich nach den Attacken kaum etwas: Meziche war weiter regelmäßiger Gast in islamistischen Kreisen in der Hansestadt, wegen seiner guten Kontakte zu der Zelle der Todespiloten wurde er zu einer Art Star der Szene von neuen Jung-Islamisten, die wie Atta und Co. für ihre Religion auch ihr Leben opfern wollten.

Training mit Sprengstoff

Zwischenzeitlich wurde Meziche 2006 bei einer Reise nach Algerien von den dortigen Behörden inhaftiert, kam aber nach einer Generalamnestie wieder auf freien Fuß. Kaum aus dem Gefängnis entlassen, kehrte er nach Hamburg zurück und schloss sich dort seinen alten Islamisten-Kreisen an.

Es dauerte nicht lange, da entschlossen sich Meziche und einige andere Islamisten aus Hamburg, den Kampf gegen die Ungläubigen ab sofort in Afghanistan und Pakistan zu führen. Im März machte sich dann eine ganze Gruppe von jungen Männern auf den Weg in die Terrorlager der Qaida rund um Mir Ali in den Bergen der pakistanischen Region Waziristan.

In unmittelbarer Nähe der afghanischen Grenze ließen sich die Islamisten aus dem fernen Hamburg an der Waffe ausbilden, lernten den Umgang mit Sprengstoff und das harte Leben eines Terroristen. Heute wissen die Fahnder aus der Zeit in den Lagern ziemlich viel, denn einige der kampfwilligen jungen Männer kehrten später frustriert nach Deutschland zurück oder wurden in Pakistan festgenommen.

Wenn die Aussagen stimmen, kam Meziche den Größen des Terrors in Pakistan sehr nahe. So sagte einer seiner Kameraden später aus, die beiden hätten im Juni 2010 einen Mann kennengelernt, den die Qaida-Kämpfer in den Lagern ehrfurchtsvoll als "Außenminister" der Organisation titulierten. Im richtigen Leben heißt der Mauretanier Scheich Mohamad Younis, er galt vor seiner Festnahme vor einigen Monaten auch bei den Terrorfahndern als eine Art Militärchef des Extremistennetzes und soll mit Osama Bin Laden direkten Kontakt für Anschlagsplanungen gehabt haben.

Was der Qaida-Kader damals ausgeheckt hatte, versetzte wenig später die deutschen Sicherheitsbehörden in Aufruhr. So sollten die Gäste aus Deutschland mit ihren EU-Pässen den Terror nach Europa bringen. Bin Laden, das jedenfalls raunte der Scheich den ehrfurchtsvollen Terrorjüngern zu, habe das Projekt abgesegnet. Vorsorglich unterrichtete Younis seine Schüler in Pakistan schon einmal in verschlüsselter Kommunikation. Danach schickte er sie nach Iran, dort sollten sie eine Gesichtsoperation zur Tarnung erhalten.

Was sich wie das oft übertriebene Geschwafel auf diversen Propagandaseiten anhört, wurde von deutschen und internationalen Geheimdiensten sehr ernst genommen und führte schließlich zu den Terrorwarnungen, die der damalige Innenminister Thomas de Maizière Ende 2010 aussprach. Mittlerweile sind mehrere der damals beteiligten Dschihadisten in Haft. Zwischenzeitlich gab es auch Gerüchte, dass Meziche bei einem Drohnenangriff im Oktober 2010 getötet worden sei, doch die Meldung erwies sich als falsch.

In den vergangenen Monaten war es um die Kampfmoral von Meziche offenbar nicht mehr so gut bestellt. Mehrmals rief er bei Verwandten in Europa an und kündigte seine Rückkehr an. Vermutlich kamen die Geheimdienste dem Terrorverdächtigen so auf die Spur. Die Fahnder gehen davon aus, dass er nach intensiven Verhören durch den pakistanischen Geheimdienst ISI nach Frankreich abgeschoben wird.

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