Islamkritiker Hamed Abdel-Samad "Er bettelte, freigelassen zu werden"

Blass und eingeschüchtert sitzt der deutsch-ägyptische Autor Hamed Abdel-Samad in einem Kairoer Gerichtssaal. Sein Bruder erzählt SPIEGEL ONLINE, was dem Schriftsteller in den vergangenen Tagen seit seinem Verschwinden zugestoßen sein soll.

Von Theresa Breuer, Kairo und

Hamed Abdel-Samad: Eine private Fehde steckt hinter seiner Entführung
DPA

Hamed Abdel-Samad: Eine private Fehde steckt hinter seiner Entführung


Im Raum 927 des Nijabat Bulak, einem Gerichtsgebäude im Kairoer Stadtteil Sainhum, sitzt Hamed Abdel-Samad. Äußerlich sind keine Verletzungen sichtbar, doch der Schrecken der vergangenen Tage ist ihm anzusehen.

Regungslos und blass kauert der deutsch-ägyptische Schriftsteller auf seinem Stuhl - still, in sich zusammengefallen. Auf Ansprache reagiert er nicht. Dann wird die Tür des Raumes wieder geschlossen. Der 41-Jährige muss zu Protokoll geben, was mit ihm passierte, seit er am Sonntagmittag plötzlich verschwand.

Vor dem Verhörsaal wartet Mahmud Abdel-Samad auf seinen bekannten großen Bruder. Eine Zigarette nach der anderen zündet er sich an und erzählt SPIEGEL ONLINE, was dem Schriftsteller angeblich widerfahren ist.

"Mein Bruder wollte sich mit jemandem treffen", sagt Mahmud Abdel-Samad. Wen, das wollen die beiden bisher nicht verraten. Von seinem Hotel aus machte sich der Schriftsteller allein auf den Weg zu seiner Verabredung in Richtung des Al-Azhar-Parks. Den Bodyguard, der ihn normalerweise in Ägypten begleitet, ließ Hamed Abdel-Samad im Hotel zurück.

"Er bettelte und bettelte, freigelassen zu werden"

Der Deutsch-Ägypter hat unberechenbare Feinde. Erst vor einem halben Jahr hatten ihm Radikalislamisten gedroht wegen seiner Schriften. Die Extremisten halten ihn für einen Ketzer, sie fordern die Todesstrafe.

Abdel-Samads Leibwächter und sein Bruder waren deshalb sofort alarmiert, als sich der Schriftsteller am Sonntagmittag per Handy meldete und sagte: "Ich glaube, ich werde verfolgt." Bis Dienstagabend sollte dieser Anruf das letzte Lebenszeichen des Autors bleiben.

"Kurz nach dem Anruf hat ein weißer Minibus neben Hamed gehalten", erzählt sein kleiner Bruder: Vier Männer stiegen aus, ihre Gesichter mit Schals verhüllt. Sie packten Hamed Abdel-Samad und zogen ihm einen Sack über den Kopf. Dann stießen sie ihn in den Wagen und fuhren davon - stundenlang. Der 41-Jährige konnte nichts mehr sehen. Nur mühsam bekam er Luft durch zwei kleine Löcher im Sack.

"Er bettelte und bettelte, freigelassen zu werden", erzählt der Bruder. Die Entführer schnauzten ihn an. "Sie hatten den Akzent von Beduinen", sagt der Bruder. "Wir glauben, dass seine Geschäftspartner sie angeheuert haben."

Denn Hamed Abdel-Samad hat offenbar auch Feinde, denen es nicht um den Glauben geht, sondern um Geld. Der Schriftsteller hat eine Investition vorgenommen, die wohl schieflief.

"Er weiß nicht, was er da alles unterschrieben hat"

"Er hat in ein Unternehmen investiert, das Rohre und Wasseranlagen oder Ähnliches baut", berichtet Osama Assad, ein Freund des Schriftstellers. "Die Geschäftspartner sollten ihm die Rendite zahlen. Aber sie wollten es nicht oder konnten es nicht." Der Streit um die Schulden soll jetzt vor Gericht verhandelt werden. Um welche Summen es geht, ist unklar, von 241.000 Euro ist die Rede.

Die Entführer nahmen Hamed Abdel-Samad seine Uhr und seinen Schmuck ab, erzählt der Bruder. Sie zwangen den 41-Jährigen, Papiere zu unterschreiben. "Er weiß nicht, was er da alles unterschrieben hat", sagt Mahmud Abdel-Samad. Die ägyptische Polizei spricht davon, dass der Schriftsteller Schuldscheine unterzeichnet habe.

Am Dienstagabend, kurz nach sechs Uhr, setzten die Entführer Hamed Abdel-Samad aus. Ein vorbeifahrendes Auto nahm den Autor mit und brachte ihn zur nächsten Polizeistation. Dort wurde der deutsche Botschafter informiert. Seitdem hat Abdel-Samad immer jemanden aus der Botschaft an seiner Seite. Er wolle nun so schnell wie möglich zurück nach Deutschland, erzählt ein Freund.

Seine deutsche Staatsbürgerschaft, seine Bekanntheit in Deutschland, aber auch das Wissen um seine radikalislamistischen Feinde sind Hamed Abdel-Samad wohl zugute gekommen in dieser privaten Fehde. Sofort waren alle Stellen über das Verschwinden alarmiert, die Entführer bekamen den Druck der Verfolger zu spüren. "Das war wahrscheinlich seine Rettung", sagt sein Bruder. "Wer weiß, wann sie ihn sonst wieder freigelassen hätten."

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.