Entführungsopfer Abdel-Samad Das ist der Grund für den Hass der Islamisten

Der Publizist Hamed Abdel-Samad ist verschwunden. Die Polizei vermutet, dass ihn dubiose Geschäftspartner oder radikale Islamisten verschleppt haben. Der Sohn eines Vorbeters hatte den Islam mehrfach scharf kritisiert. Er sprach sogar von Faschismus.

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Islamkritiker Abdel-Samad: "Der islamische Faschismus ist sehr alt"
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Islamkritiker Abdel-Samad: "Der islamische Faschismus ist sehr alt"


Kairo - "Mein Zimmer thront über dem Nil, aber ich habe ihn bis heute Morgen nicht gesehen. Er scheint friedlich, aber ich fühle den Zorn, den er in sich trägt." Mit diesen Worten beginnt der letzte Facebook-Eintrag von Hamed Abdel-Samad. Der deutsch-ägyptische Politologe stellte diese Zeilen in arabischer Sprache am Sonntag um kurz nach 10 Uhr vormittags online, wenige Stunden später verliert sich seine Spur in der Nähe des Kairoer Azhar-Parks.

Die ägyptische Polizei geht davon aus, dass Abdel-Samad entführt wurde. Sein Bruder Mahmud nannte am Montagabend gegenüber dem Fernsehsender ONTV zwei mögliche Tätergruppen. Zum einen kämen Geschäftsleute in Frage, mit denen Hamed Abdel-Samad über einen größeren Geldbetrag streite. Zwölf Stunden lang sei er deshalb am Montag von den Beamten befragt worden, sagte der Bruder des Verschleppten. Die Ermittler gehen jedoch auch dem dringenden Verdacht nach, dass der Publizist von radikalen Islamisten entführt worden sein könnte.

Deren Zorn hat sich Abdel-Samad in den vergangenen Jahren mehrfach zugezogen. 2009 veröffentlichte er seine Autobiografie "Mein Abschied vom Himmel", die später auch in Ägypten erschien. Darin schildert er seine Kindheit als Sohn eines Imams in einem Dorf in der Nähe von Kairo. Schonungslos berichtet Abdel-Samad in dem Buch, wie er als Kind mehrfach von Jugendlichen vergewaltigt wurde und wie sexuelle Gewalt Teil der ägyptischen Gesellschaft geworden sei.

Abdel-Samad prophezeite den Untergang des Islams

Die Biografie ist auch die Geschichte eines jungen Muslims, der zwischenzeitlich in extremistische Kreise abrutscht, später aber mehr und mehr anfängt, die Widersprüche seiner Religion zu hinterfragen und sich immer weiter vom Glauben abwendet. In Ägypten erschien das Buch zunächst nur in kleiner Auflage, doch schon damals erhielt Abdel-Samad Morddrohungen und stand zwischenzeitlich unter Polizeischutz.

Im Jahr darauf legte der Autor nach. In einer Streitschrift prophezeite er den Untergang der islamischen Welt. "Der Islam ist eine Hochkultur im Niedergang", argumentierte er. Die Muslime leiteten aus ihrer Geschichte eine moralische Überlegenheit ab, dabei habe die islamische Welt der Menschheit derzeit weder wissenschaftlich noch kulturell wertvolle Beiträge zu liefern. Daraus hätten viele Muslime einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Westen entwickelt. Um den Anschluss an die Moderne zu schaffen, müssten die Muslime den Koran hinter sich lassen und die Schrift fortan nur noch als spirituelle Grundlage des Islam begreifen, forderte Abdel-Samad.

Daraufhin warfen ihm ägyptische Islamisten vor, ein Häretiker zu sein, sich also von der Lehre des Islam abgewendet zu haben. "Ich bin ein Häretiker im positiven Sinne", hielt Abdel-Samad seinen Gegnern in einem "Welt"-Interview entgegen. "Wir brauchen mehr von den Menschen, die den Islam und den Koran privatisieren. Es wird eine Reform in der islamischen Welt erst dann geben, wenn muslimische Häretiker unbehelligt auf der Straße laufen können."

Abdel-Samad selbst konnte das in seinem Geburtsland Ägypten spätestens seit Juni dieses Jahres nicht mehr. Auslöser war ein Vortrag von ihm in Kairo. Darin sagte er unter anderem: "Ich denke, dass der religiöse islamische Faschismus sehr alt ist. Er hat nicht mit dem Aufstieg des Salafismus oder der Muslimbrüder begonnen, sondern mit der Eroberung Mekkas." Toleranz gegenüber Andersgläubigen habe die muslimische Urgemeinde um den Propheten Mohammed nämlich nur geübt, solange die Muslime in Mekka nicht an der Macht waren. Damit stellte er die These auf, dass der religiöse Faschismus praktisch von Beginn an im Islam angelegt sei. Seine Kritik zielte somit weit über die damals noch regierenden Muslimbrüder hinaus.

"Die letzte Schlacht der Fanatiker hat begonnen"

Die Reaktion der Fanatiker ließ nicht lange auf sich warten - und bestätigte nur Abdel-Samads Haltung. Am 7. Juni rief der ägyptische Geistliche Mahmud Schaaban in einem Live-Interview mit dem Fernsehsender al-Hafis zur Ermordung des 41-Jährigen auf. Die Beweise seien eindeutig, Abdel-Samad sei ein Häretiker, der den Tod verdient habe. "Hört genau zu", sagte Schaaban in der Talkshow, "ich erlasse hiermit eine Fatwa (religiöses Gutachten, d.Red.), die - nachdem er mit den Beweisen konfrontiert worden ist - seine Ermordung erlaubt, falls es die Regierung nicht tut."

Ähnlich äußerte sich im selben Fernsehsender der salafistische Prediger Assem Abd al-Maged. Er erklärte, dass Abdel-Samad ein Abtrünniger sei, der den Propheten beleidigt habe. Auf ein solches Vergehen stehe der Tod. Zwei Wochen später sagte er der "taz": "Mir ist wichtig, den deutschen Medien zu Protokoll zu geben, dass ich nicht dazu aufgerufen habe, Abdel-Samad abzuschlachten." Er habe lediglich gefordert, ein Gesetz zu schaffen, "das hart mit solchen Leuten wie Abdel-Samad umgeht".

Der mit dem Tode bedrohte Autor tauchte anschließend unter. Nach dem Militärputsch gegen den islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi ging die Justiz gegen die Aufrührer vor. Der salafistische Fernsehsender al-Hafis wurde von den Behörden geschlossen, gegen Abd al-Maged wurde ein Haftbefehl ausgestellt. Abdel-Samad prophezeite in einem Gastbeitrag für SPIEGEL ONLINE: "Die letzte Schlacht der Fanatiker hat begonnen, und sie werden verlieren."

Doch offenbar sind die Fanatiker in ihrem Kampf gegen kritische Stimmen zum Äußersten bereit.



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