Afghanistans Ex-Präsident Karzai "Wir sind grandios gescheitert"

Der afghanische Ex-Präsident Karzai lobt den Einsatz Deutschlands am Hindukusch - und räumt gleichzeitig ein, dass er fast nichts gebracht hat. Die einzige Lösung für den Konflikt sei eine Einigung mit den Taliban.

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Ein Interview von


Hamid Karzai war der erste demokratisch gewählte Präsident der Islamischen Republik Afghanistan. Der Paschtune regierte das kriegserschütterte Land nach der US-geführten Invasion von Dezember 2001 für 13 Jahre. Der 60-Jährige verfügt bis heute über erheblichen Einfluss, vor allem bei den Stämmen im Süden Afghanistans.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE zeichnet Karzai ein düsteres Bild der Lage in seinem Heimatland. Die Zahl der Extremisten nehme kontinuierlich zu, die Nachbarstaaten nutzen das Land als Schauplatz für ihre geopolitischen Machtkämpfe. der Ex-Präsident wirft vor allem den USA vor, zu nachsichtig gegenüber Pakistan zu sein, dem wichtigsten Unterstützer der Taliban. Für die Rolle Deutschlands findet Karzai hingegen lobende Worte.

Seine politische Zukunft hält sich der frühere Staatschef offen. Eine Kandidatur bei den Präsidentenwahlen im kommenden Jahr schließt er nicht aus.

Zur Person
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    Hamid Karzai, 60, war von 2001 bis 2014 Präsident von Afghanistan. Er war damit der erste freigewählte Präsident in der Geschichte des Landes. Eine dritte Amtszeit untersagte ihm die afghanische Verfassung. Es ist jedoch möglich, dass er 2019 erneut für das höchste Staatsamt kandidiert.

Lesen Sie hier das ganze Interview mit Hamid Karzai:

SPIEGEL ONLINE: Der Krieg in Afghanistan ist aus Sicht des Westens verloren, trotzdem endet er nicht. Warum?

Hamid Karzai: Anfangs waren wir ja erfolgreich, nach der Tragödie des Angriffs auf das World Trade Center in New York, 2001. Die Taliban wurden vertrieben, die Frauen erhielten ihre Rechte zurück, Institutionen wurden aufgebaut. Dann aber ging es grandios schief. So viele Leben wurden zerstört. Die Zahl der Extremisten ist um ein Vielfaches gestiegen. Der "Islamische Staat" operiert inzwischen auch in Afghanistan. Wir sind gescheitert. Nur, das kann man den Leuten in Amerika oder Deutschland schwer erklären - nach all den Opfern, die sie gebracht haben.

SPIEGEL ONLINE: Was folgt aus der bitteren Erkenntnis?

Karzai: Die einzige Rettung gegen den Krieg ist eine politische Lösung. Ein Frieden, an dem wirklich alle beteiligt sind, auch die Taliban. Wir müssen alle zusammenkommen, Wir brauchen ein neues Abkommen. Anfangs hatten wir alle Nachbarn Afghanistans an Board, dazu den Westen, Russland, China, Saudi-Arabien, Iran. Diese Einheit war der Schlüssel zum Erfolg. Jetzt sind all diese Länder zu Rivalen geworden. Sie versuchen, sich in Afghanistan gegenseitig zu schaden. Den Preis dafür bezahlen die Afghanen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Lösung?

Karzai: Die Ironie der Geschichte ist, dass die USA immer wussten, dass die Taliban ihre sicheren Rückzugsgebiete in Pakistan haben. Trotzdem unterstützten sie die pakistanische Armee mit Milliarden Dollar, bis heute.

SPIEGEL ONLINE: Pakistan ist offiziell ein Alliierter des Westens.

Karzai: Die Amerikaner füttern die Hand, die ihre und unsere Soldaten sowie unzählige afghanische Zivilisten tötet. Das habe ich nie verstanden und hat mich sehr verärgert. Die Amerikaner sind ganz allein fixiert auf Afghanistan als Kampfgebiet. Das war und ist ein Fehler und sollte korrigiert werden. Die USA sollen kein Feind Pakistans sein, aber den Realitäten entsprechend aktiv handeln.

SPIEGEL ONLINE: Pakistan ist Afghanistans direkter Nachbar, Sie teilen eine 2430 Kilometer lange Grenze. Kann Ihr Land je Frieden machen mit Pakistan und umgekehrt?

Karzai: Wir müssen der Regierung in Pakistan die Sicherheit geben, dass Afghanistan nicht gegen sie benutzt wird. Umgekehrt darf Pakistan aber auch Afghanistan nicht als strategisches Hinterland gegen andere Länder missbrauchen. Im Gegenzug erhielte Pakistan die garantierte Unterstützung der gesamten Nachbarschaft. So könnte der Plan aussehen. Vielleicht sollte Afghanistan sogar einen strikt neutralen Status anstreben, wie die Schweiz oder unser Nachbar Turkmenistan.

SPIEGEL ONLINE: Spätestens seitdem die Taliban 2015 Kunduz überfielen, glauben die meisten Deutschen, Afghanistan sei ein hoffnungsloser Fall. Die Aufbauarbeit von über zehn Jahren wurde damals in wenigen Tagen zerstört.

Karzai: Das ist aber nicht euer Fehler. Ihr Deutschen habt euren Teil gemacht, nur die gesamten Rahmenbedingungen in Afghanistan passten nicht. Die Deutschen werden von den Afghanen bis heute sehr positiv wahrgenommen. Die deutschen Beiträge waren enorm wichtig, die wirtschaftlichen Zuwendungen, das Polizeitraining, die politischen Impulse.

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Krieg in Afghanistan: Geschichte eines Scheiterns

SPIEGEL Online: Ihr Verhältnis zu den Amerikanern gilt dagegen als tief zerrüttet. Vor wenigen Tagen kam überraschend der US-Botschafter in Kabul, John Bass, auf Sie zu. Können Sie sich eine Zusammenarbeit mit Präsident Donald Trump vorstellen?

Karzai: Durchaus, wie mit jeder anderen US-Regierung. Bei meinem Streit mit den Amerikanern geht es ausschließlich darum, wie sie diesen Krieg führen. Wenn sie ihren Ansatz ändern, können wir die besten Verbündeten sein.

SPIEGEL ONLINE: Im Mai 2019 wird in Afghanistan gewählt. Treten Sie gegen Präsident Ashraf Ghani an?

Karzai: Ich war ein demokratisch gewählter Präsident und dieses Erbe will ich nicht beschmutzen. Die afghanische Verfassung erlaubt nur zwei Legislaturperioden.

SPIEGEL ONLINE: Manche Juristen interpretieren die Verfassung so, dass ein Präsident nach zwei Legislaturperioden lediglich einmal aussetzen muss und dann erneut antreten darf.

Karzai: Falls es gar keine andere Lösung geben sollte und sich die politischen Lager einig sind, würde ich mich der Herausforderung nicht verschließen.

insgesamt 52 Beiträge
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aaaron 09.06.2018
1. Keiner hat auf Peter Scholl-Latour gehört.
Dieser Kenner der Region und der Weltpolitik hat das Scheitern des Westens in Afghanistan vorausgesagt, auch dass die Zahl der Extremisten sich durch die Intervention vervielfachen würde. Die deutschen Regierungen glaubten es besser zu wissen und die Abgeordneten des Bundestages auch. Sie sitzen ja in ihren sicheren Büros. Seit 2002 ist die Bundeswehr in Afghanistan und verlor bisher über 50 Soldaten. Hunderte sind traumatisiert. Wie hoch der Blutzoll unter den Afghanen ist, weiß keiner genau. Vom Nation Building redet inzwischen niemand mehr. Es ist Zeit, diesen sinnlosen, teuren und blutigen Einsatz zu beenden.
rieberger 09.06.2018
2. Wann kapieren die Politiker das: Krieg ist Scheiße
Wie viele deutsche Soldaten mussten für nichts ihr Leben lassen? Frage: Wer hat das zu verantworten? Antwort: Alle Parlamentarier, die im Bundestag für den unsinnigsten aller denkbaren Einsatz gestimmt haben!
josho 09.06.2018
3. Ja, ja - die Wahrheit ist bitter....
...aber das war von Beginn an für alle klar, die nicht verblendet waren von der Aussage: "Deutschland wird am Hindukusch verteidigt". Alles umsonst! Zutreffendes Zitat Karzai hierzu: "Nur, das kann man den Leuten in Amerika oder Deutschland schwer erklären - nach all den Opfern, die sie gebracht haben". Man muss es aber erklären und endlich aufhören so weiter zu machen wie bisher!
stefan.martens.75 09.06.2018
4. Das scheitern war vorprogrammiert
Dieses Land kennt nichts als Familie, Clan, Religiösen Extremismus und KRIEG. Jeder Ansatz da einzumarschieren und westliche Werte zu implementieren musste zwangsläufig scheitern.
ihawk 09.06.2018
5. Kernproblem in Afghanistan
Die USA streben die absolute Kontrolle in Afghanistan an - werden sie aber nie bekommen. Deutschland sollte sich meines Erachtens diesem politischen Unsinn in Afghanistan entziehen. Im Kern geht es von Anfang an um Öl- und Gas-Pipelines bzw. die Kontrolle über dieselben ... unter der Kontrolle der Amerikaner werden diese aber nie gebaut werden, da die Amerikaner die Rechte der Großgrundbesitzer missachten.
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