Anschlagsserie in Afghanistan: Karzai wirft Nato-Geheimdiensten Versagen vor

Bis in den frühen Morgen brauchten die Sicherheitskräfte, um die Angriffsserie der Taliban in Afghanistan niederzuschlagen. Präsident Hamid Karzai gibt die Schuld für die Attacken der internationalen Schutztruppe. Tatsächlich spricht viel für ein Versagen der Geheimdienste.

Afghanische Sicherheitskräfte in Kabul: Ausdrückliches Lob von Karzai Zur Großansicht
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Afghanische Sicherheitskräfte in Kabul: Ausdrückliches Lob von Karzai

Dubai/Kabul - In Afghanistan hat die Aufarbeitung der jüngsten Angriffserie der Taliban in Kabul begonnen. Während einer Kabinettssitzung nach den kriegsähnlichen Zuständen sagte Präsident Hamid Karzai am Montag, das Einsickern der Kommandos bis nah an das schwer gesicherte Zentrum von Kabul und andere Städte des Landes sei eindeutig "ein Versagen unserer Geheimdienste aber vor allem der Nato". Das Scheitern müsse nun umgehend untersucht werden, forderte Karzai laut einer schriftlichen Erklärung aus dem Palast.

Die harschen Bemerkungen Karzais, der bei der Gelegenheit den Mut, die Opferbereitschaft und die Durchsetzungsfähigkeit seiner eigenen Sicherheitskräfte ausdrücklich lobte, markiert deutlich das gestörte Verhältnis zwischen dem Präsidenten und den Einheiten der Nato-Schutztruppe.

Stunden nach den Äußerungen, die sofort für viele Nachfragen von internationalen Reportern im Palast von Karzai sorgten, versuchte man sich dort in Relativierungen. "Es gab Fehler bei uns und bei unseren Partnern", sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE, "darüber hat der Präsident heute auch persönlich mit dem Chef der Isaf-Truppen gesprochen". So hätten die internationalen Truppen schlicht bessere technische Möglichkeiten, Planungen der Taliban aufzudecken. Tatsächlich aber, so jedenfalls die Deutung von westlichen Diplomaten, hatte Karzai seine Kritik an der Nato absichtlich platziert, da solche Bemerkungen innenpolitisch in Afghanistan für ihn von Vorteil sind.

Bei der Nato herrschte Schulterzucken über die glasklare Schuldzuweisung des Präsidenten. "Es ist immer leicht, unseren Geheimdiensten Versagen vorzuwerfen", sagte ein US-Sprecher der Schutztruppe SPIEGEL ONLINE, "doch selbst die besten Dienste können solche Attacken nicht immer verhindern." Bei den Diplomaten herrschte über Karzais Kommentare hingegen wieder einmal Kopfschütteln.

Eine Rakete verfehlte die deutsche Botschaft nur knapp

Die Operationen der Taliban hielten afghanische und internationale Sicherheitskräfte bis zum Morgen in Atem. Zwei kleine Kommando-Trupps aus jeweils einer Handvoll Kämpfern hatten ab Sonntagmittag das Botschafts- und Regierungsviertel in Kabul mit einer ganzen Salve von Raketen angegriffen und gleichzeitig das Parlament im Westen der Stadt attackiert. Auch wenn die Sprecher der afghanischen Regierung schon am Sonntag immer wieder den Sieg über die Terroristen verkündet hatten, gab es die ganze Nacht weitere Schusswechsel. Erst am Morgen wurden die letzten Angreifer nahe des Parlaments eingekreist. Am Ende töteten die afghanischen Soldaten, stets unterstützt durch internationale Ausbilder, fast alle Angreifer. Offiziell war in Kabul von mindestens 36 toten Terroristen die Rede.

Abgesehen von den Attacken in Kabul, bei denen eine Rakete die deutsche Botschaft nur knapp verfehlte, gab es im ganzen Land ähnliche Operationen. In mindestens vier anderen Provinzen attackierten kleine Gruppen von Terroristen afghanische Armee- und Regierungseinheiten, in einigen Fällen konnten die Angriffe erst durch den Einsatz von Nato-Kampfhubschraubern beendet werden.

Gleichzeitig stürmte ein Kommando der Taliban im Nordwesten Pakistans ein Gefängnis und befreite rund 400 Gefangene, viele davon Fußsoldaten der Taliban und Sympathisanten der Radikalislamisten. Allein der gleichzeitige Start aller dieser verschiedenen Missionen zeigt, dass es sich offensichtlich um eine lang geplante Großoperation handelte.

Neben dem öffentlichen Lob für die Leistung der afghanischen Sicherheitskräfte, die in der Tat entschieden und weitaus koordinierter agierten als noch bei ähnlichen Attacken im vergangenen Jahr, stellte sich wegen der Vielzahl der Vorfälle auch bei westlichen Diplomaten Skepsis an der Wirksamkeit der Geheimdienstarbeit ein - sowohl bei den Afghanen als auch bei den westlichen Nationen. "An so vielen Orten gleichzeitig zuzuschlagen, erfordert eine enorme Logistik", so ein Kenner des Landes am Montag, "doch wenn die Taliban einige hundert Kämpfer mobilisieren, sollten wir und die Afghanen das eigentlich mitbekommen".

Nicht nur die Nato selbst hat im Land ganze Heerscharen von Geheimdienstlern stationiert, abseits des Militärs betreibt jede Nation - allen voran freilich die USA - noch einen riesigen Bereich mit technischer und menschlicher Aufklärung. Dass all diese Stäbe von den Vorbereitungen der Attacken nichts mitbekommen haben, kann durchaus als Versagen gewertet werden.

Die Isaf hält an ihren Abzugsplänen fest

Für weitere Fragen sorgten auch Berichte über Festnahmen und vereitelte Anschlagspläne. So wurde in Kunduz in der Nacht zum Sonntag eine Gruppe von Angreifern vor der Tat aufgegriffen. In Kabul stellte der afghanische Geheimdienst ein Kommando, das einen der Vize-Präsidenten töten wollte. Diplomaten fragen sich nun, warum diese Hinweise nicht auch zur Verhinderung der anderen Attacken führten.

Allgemein hieß es in Kabul am Montag nur, die Angriffe würden aller Wahrscheinlichkeit nach auf das sogenannte Haqqani-Netzwerk, das von Pakistan aus operiert, zurück gehen. Angeblich haben die Sicherheitskräfte einen Attentäter lebend gefasst, er soll seine Zugehörigkeit zu dem Netzwerk gestanden haben. Die Taliban paktieren lose mit der Terrorgruppe, sie rühmten sich nach den Attacken mit der guten Planung der Einsätze und kündigten für die kommenden Monate weitere Angriffe an.

Die Nato-Sprecherin Oana Lungescu sagte, das Militärbündnis werde trotz der jüngsten Gewalt nichts an ihren Abzugsplänen ändern. "Das war nicht die erste solcher Attacken, und ich erwarte nicht, dass es die letzte war. Aber solche Angriffe ändern die Übergabe-Strategie nicht", sagte Lungescu. An dem Zeitplan, der eine vollkommene Übergabe der Verantwortung für die Sicherheit an die afghanischen Sicherheitskräfte bis Ende 2014 vorsieht, werde festgehalten.

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton und Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilten die Angriffsserie "auf das Schärfste". Ähnlich äußerte sich die Bundesregierung. Der Sprecher des Auswärtigen Amts, Andreas Peschke, warnte allerdings davor, aus den Angriffen voreilige Schlüsse zu ziehen. Aufgrund der Vorfälle allein könne nicht auf eine Verschlechterung der Sicherheitslage geschlossen werden.

Regierungssprecher Steffen Seibert betonte: "Nur eine politische Lösung, nicht Gewalt, kann Frieden in Afghanistan bringen."

mgb/syd/AFP/dpa

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Karzai
Montanabear 16.04.2012
Zitat von sysopREUTERSBis in den frühen Morgen brauchten die Sicherheitskräfte, um die Angriffsserie der Taliban in Afghanistan niederzuschlagen. Präsident Hamid Karzai gibt die Schuld für die Attacken der internationalen Schutztruppe. Tatsächlich spricht viel für ein Versagen der Geheimdienste. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,827836,00.html
Wenn es nach Karzai gegangen waere, gaebe es keine internationale SChutztruppe mehr in Afghanistan. Was will er denn nun ? Vielleicht macht er sich einmal die Muehe, zu erforschen, was er denn nun will : Afghanistan den Afghanen oder weiterhin eine Schutzruppe ? Der Mann ist ueberarbeitet - oder so...
2. Abgesehen...
intenso1 16.04.2012
Zitat von MontanabearWenn es nach Karzai gegangen waere, gaebe es keine internationale SChutztruppe mehr in Afghanistan. Was will er denn nun ? Vielleicht macht er sich einmal die Muehe, zu erforschen, was er denn nun will : Afghanistan den Afghanen oder weiterhin eine Schutzruppe ? Der Mann ist ueberarbeitet - oder so...
Abgesehen davon, ist das Versagen des Geheimdienstes nichts neues. Wenn man die vielen Falschmeldungen der letzten 50 Jahre betrachtet, die angeblich auf Berichten der Geheimdienste basierten, kann man schon an die Sinnhaftigkeit der Geheimdienste zweifeln.
3.
ProInternet 16.04.2012
die Besatzer sollen früher abziehen. Einen Nutzen zum Kampf gegen die Taliban haben die nur beschränkt, wie dieser Vorfall wieder zeigt. Nur beim Abschlachten von Frauen und Kindern sind die Nato-Mörder Spitze. Wo ist jetzt der Widerspruch? Ach, mal wieder jointrauchend auf dem Sofa gesessen und den Status als Pisa-Deutscher "ich weiß alles besser" gepostet?
4.
king_pakal 16.04.2012
Zitat von intenso1Abgesehen davon, ist das Versagen des Geheimdienstes nichts neues. Wenn man die vielen Falschmeldungen der letzten 50 Jahre betrachtet, die angeblich auf Berichten der Geheimdienste basierten, kann man schon an die Sinnhaftigkeit der Geheimdienste zweifeln.
Die Aufgabe des Geheimdienstes ist in erster Linie seine Existenzberechtigung aufrecht zu erhalten.
5.
HuHa 16.04.2012
Karzai wettert gegen die Geheimdienste der NATO, die in SEINEM Land nicht genug Ergebnisse zutage gebracht haben? Das ist ja wohl das größte Armutszeugnis, das er sich und seinen Landsleuten überhaupt ausstellen kann. Einen westlichen Agenten bei den Taliban einzuschleusen, dürfte schwer bis unmöglich sein; es muß schon ein waschechter Afghane sein, damit die Tarnung nicht sofort auffliegt. Da sind die neuen afghanischen Sicherheitsbehörden selber gefragt; wer sonst sollte das hinbekommen? Wer hat Beziehungen zu den Stammesältesten und traditionellen Würdenträgern auf dem Land? Karzai oder die NATO? (Oder keiner von beiden?) Karzai regt sich also letztendlich nur über sein eigenes Versagen auf. Was war gleich noch der Grund, der uns in diesen Morast, der sich da Afghanistan nennt hineingezogen hat? Weiß das noch irgendwer?
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Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staatsoberhaupt:
Ashraf Ghani Ahmadsai

Regierungschef: Abdullah Abdullah

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