Verfahren gegen "Hürriyet"-Starjournalistin "Erdogans Retterin" ist plötzlich Staatsfeind

Die Journalistin Hande Firat bewahrte in der Putschnacht Präsident Erdogan durch ein Interview vor dem Sturz. Nach einem Artikel über das türkische Militär wird ihr nun vorgeworfen, eine Unterstützerin des Aufstands zu sein.

Hande Firat
AFP

Hande Firat

Von , Istanbul


Die Putschisten standen kurz vorm Sieg. Sie hielten die Bosporusbrücke in Istanbul besetzt. Kampfjets bombardierten das Parlament. Recep Tayyip Erdogan war verschwunden. Es hieß, der Staatschef sei auf der Flucht, als der Sender CNN-Türk in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 zu Hande Firat ins Studio nach Ankara schaltete. Sie habe den Präsidenten am Telefon, sagte Firat. Erdogan rief in dem Gespräch mit ihr seine Anhänger zum Widerstand gegen das Militär auf. CNN-Türk sendete live.

Das Interview, sagen Regierungspolitiker, habe die Wende gebracht. Tausende Menschen zogen auf die Straße. Am nächsten Morgen war der Aufstand niedergeschlagen. Firat selbst wurde über Nacht zur bekanntesten Journalistin der Türkei. "Erdogans Retterin" nannten sie die Medien. Der Dogan-Konzern beförderte sie zur Ankara-Büroleiterin der "Hürriyet", der auflagenstärksten türkischen Tageszeitung. Ihr Buch über den Putsch, "24 Stunden", wurde zu einem Bestseller.

Es schien nur eine Frage der Zeit, bis Firat, 42, zur Chefredakteurin der "Hürriyet" aufsteigen würde. Nun aber ist ihre Karriere vorerst jäh beendet - durch einen einzigen kritischen Beitrag.

In der Samstagsausgabe der "Hürriyet" vor einer Woche hatte Firat unter der Überschrift "Unruhe im Militärhauptquartier" über Konflikte innerhalb der Streitkräfte berichtet. Militärangehörige seien unzufrieden unter anderem darüber, dass Erdogan den Generalstab bei der Entscheidung, das Kopftuchverbot für Soldatinnen aufzuheben, nicht einbezogen habe.

Erdogan tobte, als der Artikel erschien. Er unterstellte Firat, einen Putsch herbeischreiben zu wollen. "Die Schlagzeile ist eine Unverschämtheit", sagte er. "Niemand hat das Recht, die staatlichen Institutionen gegeneinander auszuspielen."

Die "Hürriyet" entschuldigte sich umgehend für einen "redaktionellen Fehler". Chefredakteur Sedat Ergin trat von seinem Posten zurück. Erdogan aber scheint sich damit nicht zufrieden zu geben. Die Regierung geht nun auch gegen Aydin Dogan, den Eigentümer der "Hürriyet", vor. Der Medienmogul musste sich am Mittwoch vor Gericht wegen vermeintlichen Ölschmuggels rechtfertigen.

Präsident Erdogan im Interview mit CNN-Türk in der Putschnacht
Getty Images

Präsident Erdogan im Interview mit CNN-Türk in der Putschnacht

Dogan ist einer der reichsten Männer der Türkei. Ihm gehören neben der "Hürriyet" und CNN-Türk auch Energie-, Bau- und Immobilienfirmen. Die Dogan-Medien galten lange Zeit als kritisch gegenüber Erdogan. In den vergangenen Jahren aber ist Dogan der Regierung entgegengekommen. Er hat zahlreiche linke, liberale Journalisten durch staatsnahe Kommentatoren ersetzt. Erdogan aber ist das offensichtlich nicht genug.

Der Fall Firat zeigt wieder, mit welcher Obsession die türkische Regierung gegen Journalisten vorgeht. Ein Text genügt, um vom "Retter" zum Staatsfeind zu werden. Seit dem Putschversuch vom vergangenen Sommer wurden 170 Medienhäuser geschlossen, mehr als 150 Journalisten verhaftet. Die Repressionen treffen inzwischen auch Kritiker aus dem Ausland. Der Türkei-Korrespondent der "Welt", Deniz Yücel, sitzt seit vergangenem Montag in Untersuchungshaft. Erdogan nannte ihn am Freitag einen "deutschen Agenten" und "PKK-Vertreter".

Der Journalist und Schriftsteller Hasan Cemal hat sich inzwischen in einem offenen Brief an Aydin Dogan gewandt. "Diese Regierung mag dich nicht", schrieb er. "Egal, ob du kapitulierst, ob du dich verbeugst wie vor einem Sultan. Nichts wird sich ändern. Erdogan wird nach immer noch mehr fragen."

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aggelbagg 04.03.2017
1. lol
Ist das der Herr, der Deutschland Unterdrückung von Meinungsfreiheit und mangelnde Demokratie vorwirft?
Cluedo 04.03.2017
2. Nichts als eine weitere Bestätigung dafür, dass ....
... Erdogan in seinem Wahn jedes Maß verliert wie ein despotischer mittelalterlicher Duodezfürst, der sich in seinem selbst geschaffenen goldenen Käfig überall von Verschwörungen und Intrigen umgeben wähnt und unentwegt nur noch "Verrat, Verrat" krächzt. Dabei ist er selbst im Augenblick dabei, der Türkei nun auch wirtschaftlich massiv zu schaden, nachdem er ihren Ruf politisch ohnehin schon genügend ruiniert hat. Es wäre an der Zeit, dass die Türken sich dieser Altlast entledigen.
wusel8 04.03.2017
3. So ist das halt
Erdogan ist ein Neurotiker. So wie andere auch.
passagenpassant 04.03.2017
4. Der absolute Wahnsinn.
Aber es hat halt Methode. Wenn der verblendete Despot erstmal seine Reform durchdiktiert hat, werden wir noch sehr viele weitere erschreckende "Maßnahmen" erleben. Man kann wirklich kaum glauben, dass intelligente Menschen diesem Weg folgen. Erdogan rückt die Türkei zurück ins Mittelalter, die Einwohner werden dafür fürchterlich büßen müssen.
Atheist_Crusader 04.03.2017
5.
Bei diesem Regime weiß man echt nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll. Zustände wie in der Sowjetunion. Ein Wort der Kritk und schon wird man vom Helden der Arbeiterkl... des Türkentums zum neuen Staatsfeind. Derweil hetzt man im Ausland, weil die diesem Irrsinn auch nicht noch eine Bühne bieten wollen. Aber die Mehrheit des tumben Wahlvolkes hält zu ihm. Man will sich wieder stark fühlen, wichtig, respektiert. Das geht nicht wenn man Kritiker reden lässt, die Schuld der Vorfahren zugibt oder sonst irgendwem die Rechte einräumt die man für sich selbst beansprucht. Ich weiß auch nicht, worauf die Bundesregierung wartet. Eine Verbesserung der Lage ist nicht im Mindesten zu erwarten. Gibt man der türkischen Regierung nach, feiert sie das als Sieg - zeigt man Widerstand, inszeniert sie sich als Opfer und wird dafür gefeiert. Die Kanzlerin sollte schlicht jeden Erdogan.Anhänger auffordern auch bitteschön in dem Land zu leben das ihr Idol gerade in den Dreck fährt und dann sämtliche nicht-essenziellen Verbindungen kappen. Inklusive Geldströme. Ich hab es sowas von satt mir von diesem autokratischen Kinderzirkus auch noch Mist anhören zu müssen. Wenn Deutschland mit seinen Minderheiten halb so mies umspringen würde wie die Türkei, hätten wir jetzt eine Million inhaftierte Türken und jeden Tag eine neue Kriegserklärung aus Ankara. Lassen wir den Irren auf dem Trocknen sitzen. Wenn es wider Erwarten aufwärts gehen sollte mit dem Land - schön für sie. Wenn erwartungsgemäß alles zusammenbricht, deren Problem. Können ruhig mal die Früchte ihrer Dummheit ernten. Mussten wir auch schon.
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