US-Handelsstreit mit Kanada Plötzlich beste Feinde

Mehr als 150 Jahre lang waren sie beste Nachbarn, doch jetzt liegen sich Kanada und die USA in den Haaren. Der Zollstreit mit Trump hat die Beziehungen vergiftet - und die Kanadier in eine Sinnkrise gestürzt.

Trump und Trudeau
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Trump und Trudeau

Aus Toronto berichtet


Mit Donald Trump will Toronto schon länger nichts mehr zu tun haben. Die letzte Spur des US-Präsidenten beseitigte Kanadas größte Stadt vorigen Sommer. "Hotel Adelaide" steht heute an dem Skyscraper in der Downtown, unten lärmen Bauarbeiter, oben im 30. Stock öffnet sich der weite Blick über die Millionenmetropole. Klassikmusik säuselt.

Das war mal Torontos Trump Tower. Doch wie so viele Trump-Projekte war auch dieses eine Mogelpackung: schlecht geplant, schlecht finanziert, schlecht durchgeführt. Trump ließ sich schließlich mit sechs Millionen Dollar auszahlen, und im Juli 2017, nach Dauerprotesten vor der Tür, montierten sie seinen Namen vollends ab.

"Gott sei Dank", sagt ein Hotelpage und deutet auf die geschmackvollen Ledersessel. "Sonst wäre das hier jetzt alles Kitsch und Gold."

Zumal sich die Animosität zwischen Kanada und Trump ja längst nicht mehr nur auf dubiose Deals beschränkt. Der Handelsstreit, seine Tiraden gegen Premier Justin Trudeau, die erzwungene Neuverhandlung des Nafta-Abkommens und jetzt auch die drakonische US-Flüchtlingspolitik haben die einst besten Freunde heillos entfremdet.

"Die Beziehungen sind auf einem gefährlichen Tiefpunkt angelangt", klagt Kanadas größte Zeitung "Globe and Mail", die in Toronto verlegt wird.

Und sie dürften nun noch weiter absacken. Als Reaktion auf Trumps Stahl- und Aluminiumzölle erhebt Kanada fortan Vergeltungszölle auf zahllose US-Produkte, gültig ab Sonntag - dem Canada Day, dem Nationalfeiertag hier.

Es ist die Kulmination monatelanger Proteste gegen Trump, auch hier in Toronto. So marschierten Tausende neulich zum US-Konsulat und zur City Hall, einem bekannten Sechzigerjahre-Hochhaus, an dem Touristen vor einem Kanada-Schriftzug posieren.

Trump mit seinem Zolldekret
DPA

Trump mit seinem Zolldekret

Der Widerstand ist bis in den Alltag zu spüren. Etwa beim Gourmet-Festival "Eat Together", das Diversität und Inklusivität betont, zwei Markenzeichen Kanadas. "Was gerade an der US-Südgrenze passiert, ist verachtenswert", sagt Elaine Smith, eine junge Angestellte, über Trumps Migrantenkrise. "Und was denkt er sich bloß bei den Zöllen?"

Selten zeigen sich die konfliktscheuen Kanadier so offen empört. Zugleich sind sie tief verunsichert: Kein Staat ist enger mit den USA vernetzt, nicht nur im Handel, sondern auch in Sicherheits- und Militärfragen sowie auf kultureller Ebene. Was tun?

"Egal, was wir von Trump halten, wir müssen mit ihm leben", sagt Andrew Coyne, ein Kolumnist der Zeitung "National Post", die ebenfalls in Toronto erscheint. Trump habe im Handelsstreit rundum unrecht, aber auch "die Macht, uns enorm zu schaden".

Eine brenzlige Lage vor allem für Justin Trudeau, der innenpolitisch schon genug am Hals hat. Seit Trumps Wahl übt er den diplomatischen Seiltanz, begleitete Ivanka Trump sogar zur Broadwayshow "Come From Away" über Kanadas Gastfreundschaft nach dem 11. September 2001. Die ersten direkten Gespräche mit Trump verliefen auch noch gut, inklusive eines jovialen Antrittsbesuchs im Weißen Haus im Februar 2017.

Trudeau bei Trump im Weißen Haus
REUTERS

Trudeau bei Trump im Weißen Haus

Doch es half nichts, Trump bleibt Trump. US-kanadische Traditionen interessieren ihn ebenso wenig wie wirtschaftliche Realitäten: So beschwört er ein Handelsdefizit mit Kanada, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Und die Behauptung, Kanada gefährde die nationale Sicherheit der USA, empfinden sie hier als historischen Vertrauensbruch.

Auf der langen Liste der kanadischen Strafzölle finden sich nun nicht nur 156 Stahl- und Aluminiumprodukte aus den USA, sondern auch Waren wie Joghurt, Kaffee, Ketchup, Haarspray, Klopapier, Spülmaschinen, Segelboote, Schlafsäcke und Spielkarten. Viele sind eher symbolisch, andere zielen auf Trumps Republikanerfreunde - Gurken aus Wisconsin (dem Staat von Paul Ryan), Bourbon aus Kentucky (dem Staat von Mitch McConnell).

Es gibt zudem noch persönlichere Maßnahmen. Der Reiseblogger Mike Morrison hat zum Beispiel seinen nächsten USA-Trip abgesagt. "Wir haben ein paar Hundert Dollar verloren, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich da noch Spaß haben werde", sagt er. "Das Restgeld geben wir lieber in Kanada aus."

"Buy Canadian": Der Stadtrat von Halton Hills, einem idyllischen Vorort von Toronto, riet allen Bürgern und Geschäften, den Kauf von US-Produkten "ganz zu vermeiden, sofern kanadische Alternativen verfügbar sind". Trumps Zölle seien "ein Affront", hieß es in dem Beschluss. "Wenn man mit einem Tyrannen wie Trump zu tun hat", fügt Bürgermeister Rick Bonnette hinzu, "muss man aufhören, alles einfach einzustecken".

Der Canada Day - der diesmal den 151. Geburtstag der Nation markiert - soll davon jedoch unbeeinträchtigt bleiben. Auch in Toronto wird es Feuerwerke, Paraden und multikulturelle Straßenfeste geben. Ein Hauptmotto: "Versöhnung."

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keksen 30.06.2018
1.
Es erstaunt mich von Tag zu Tag mehr, dass viele US-Amerikaner nicht bemerken, wie ihr Präsident das internationale Ansehen ihres Staates ins bodenlose sinken lässt und mit seiner riskanten (vorsichtig formuliert) Wirtschaftspolitik wahrscheinlich ungemeinen Schaden anrichten wird.
loboloco 30.06.2018
2. Dieser. . .
Kommentar passt wohl heutzutage nicht nur hier... Trump zerschlägt nichts weniger als die von Generationen austarierte, aufgebaute Nachkriegsordnung der wir bis heute Frieden & Wohlstand zu verdanken haben... wer ist Nutznießer?!
karl-der-gaul 30.06.2018
3.
Ja ja der böse Donald aber der so sympathische Justin kann ruhig 275% Zoll auf USA Milch Produkte setzen und das war schon vor den Streit und das ist anscheinend ok. Heuchlerisch würde ich meinen. Donald zeigt immer wieder wie uneben und unfair die Handelsabkommens sind, siehe 2% USA gegen 10% D für Autos. Ich hab noch nichts gelesen das die Amerikaner kanadische Produkte boykottieren, ich würde Justin raten die Amerikaner nicht aufzuwecken und seine kanadischen Produkte auch vermeiden wie die von Pitzke beschriebene Hetze auf USA Produkte von der Bevölkerung.
DJ Bob 30.06.2018
4. Jesus
Ach je haben wir hier auf SPON "so viele" Experten für kanadisch-amerikanische Beziehungen?? Ich bin wiederrum erstaunt wieviele Experten wir hier in Deutschland haben!!! Die amerikansich-kanadische Beziehungen sind seit 1776 nicht ohne "Konflikte" hervorgegangen. "The War of 1812" Of auch die "zweite unabhängikeitsbewegung" genannt war auch eine "Fehleinschätzung" der "neue Amerikaner" das die Kanadier ihre " Freiheit" vom Mutterland England wollten. Aber da wir soviele "Experten" hier haben lasse ich mal denen das Wort! :-) Auch wenn es "uns" nicht gefällt die Kanadier werden sich eher an die USA "anlehnen" als an Deutschland!!! Ich glaube nicht das Deutschland ein Sicherheitsgarantie für Kanada abgeben kann im Bezug auf Russland zum Beispiel bei den "arktische Streitigkeiten" LoL Und was kann Deutschland Kanada bieten? Noch mehr Porsche oder VW ins land importieren? Ich kenne einige Kanadier...Ihre Mentalität ist denen "south of the border" so nicht verschieden!!! Selbst der englische Akzent ist für Europäer fast unmöglich von "standardamerikanisch" zu unterscheiden. Natürlich gibt es den Frankophonen Quebec! Die wiederum haben einen besonderen Verhältnis zu den nordliche Bewohner von Maine Und wenn sich "einige" Kanadier aufregen über Trumps Politik im Bezug auf die Grenze Mexikos kann ich nur sagen das gerade Kanada froh ist einen Grenzschutz ein paar tausend Meilen südlicher zu haben!! Warum solllten die sich um ihre "Pfründe" weniger sorgen machen?? Und auch bei den Kanadier gibt es einen ausgesprochenen "Red neck" Kultur Die ist natürlich viel kleiner als ihr amerik. Gegenstück '"south of the border" Denn die meisten Kanadier die politisch mitbestimmen wohnen in Großstädten Aber ich darf daran erinnern das zb der grösste Rodeo der Welt jährlich in Calgary stattfindet??? Und diese Menschen in Alberta haben mehr "gemein" mit ihre "Vettern" in Montana als in Frankfurt Germany *g* Also wird "O' Canada" sicherlich nicht Frau Merkel folgen Allerdings kann der kanadische PM einem Leid tun mit so einen wie Trump Hoffen wir bei den "Midterms" in den USA das Trump auf die "spur" gebracht werden kann
quark2@mailinator.com 30.06.2018
5.
Das Verrückte ist, daß die USA gerade selbst den einzigen Prozeß in Gang setzen, der auf Dauer die Hegemonie bricht (mal vom Aufstieg Chinas abgesehen). Trump schafft es gerade, daß sich alle anderen gegen die USA vereinen, von Russland und China über Europa bis hin zu Kanada und Mexiko. Er antagonisiert sogar UK, obwohl das nun wirklich sein Trumpf sein könnte. Es ist verrückt, aber wenn die USA nicht bald wieder zum üblichen Teile und Herrsche zurückfinden, dann werden sie ihre Dominanz vielleicht eher los als zu erwarten war. Dumm nur, daß solche Umbrüche für die Masse der Leute kaum je viel Gutes bedeuteten. Insofern kann man nur hoffen, daß die sich da drüben schnell wieder einkriegen.
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