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Haschisch aus Nahost: Im Tal des Roten Libanesen

Von Ulrike Putz, Beirut

Zehn Jahre lang war das berühmte Haschisch aus dem libanesischen Bekaa-Tal vom Markt verschwunden. Jetzt wagte man im Windschatten der politischen Stürme in Beirut erstmals wieder, Cannabis anzubauen. Die Saat ging auf: In diesen Tagen wird eine Rekordernte eingefahren.

Beirut - Das Politbarometer des Dorfvorstehers ist hüfthoch, wiegt sich erntereif im Wind und sondert kräftige Düfte ab. "Es war ein wirklich gutes Jahr für Haschisch weil es so ein schlechtes Jahr für den Libanon war", sagt Abu Ali. Im Frühjahr, als die Bauern seines 8000-Seelen-Dorfes sich entscheiden mussten, was sie anbauen, hätten sie sich die politische Lage ihres Landes angeschaut - und beschlossen, dass es wieder an der Zeit für Hanf sei, erläutert er seine Analyse.

Zehn Jahre lang hätten die Bauern der fruchtbaren Bekaa-Ebene im West- Libanon kaum noch Cannabis angebaut. Zu groß war die Gefahr, dass die Felder kurz vor der Ernte von der Polizei niedergebrannt werden. "Dieses Jahr haben alle darauf gesetzt, dass die Sicherheitskräfte mit anderen Dingen beschäftigt sein werden", sagt Abu Ali, der seiner Gemeinde seit neun Jahren vorsteht. "Und wir haben das Spiel gewonnen." Vor zwanzig Tagen sei die Polizei zwar gekommen, aber die Bauern hätten sie mit Waffengewalt aus ihren Hanf-Feldern vertrieben. "Wir haben über ihre Köpfe geschossen, da lagen die Polizisten plötzlich flach zwischen den Haschisch-Pflanzen", erinnert sich der 39-Jährige herzlich lachend.

Das Ausmaß des Drogenanbaus war im Libanon schon immer eine Messlatte für das Wohlergehen des Landes, ähnlich wie in Afghanistan. Je weniger staatliche Kontrolle und je größer die wirtschaftliche Not, desto mehr verlegt sich die Landbevölkerung auf lukrativere Feldfrüchte als Kartoffeln und Zwiebeln.

Der "Rote Libanese" ist seit den 60er Jahren berühmt

Der Grundstein der Legenden, die sich um das als "Roter Libanese" berühmte Hasch aus dem Bekaa-Tal ranken, wurde in den wilden 60ern gelegt, in denen Größen wie Alain Delon und Romy Schneider in der libanesischen Sommerfrische lokale Produkte rauchten. Die Zeit des Drogenhandels im großen Stil brach ein Jahrzehnt später an. Zwischen 1975 und 1990, in den Jahren des libanesischen Bürgerkriegs, wucherte im Bekaa-Tal nicht nur der Hanf. Auf der etwa 50 Kilometer langen und 20 Kilometer breiten Hochebene zwischen dem Libanon- und dem Antilibanon-Gebirge blühten Schlafmohnfelder bis zum Horizont. Die Zedernrepublik stand nicht nur für Haschisch erster Güte, sie war auch einer der großen Rohstoff-Lieferanten für die europäischen Heroin-Küchen.

Mit dem Ende des Krieges und dem wirtschaftlichen Aufschwung der Jahre unter Präsident Rafik Hariri endete der Goldrausch in der von der schiitischen Hisbollah kontrollierten Bekaa-Ebene – bis zu diesem Jahr, in dem ein innenpolitischer Kalter Krieg, eine anhaltende Serie von Politmorden und der Kampf gegen eine Qaida-nahe Extremisten-Gruppe Polizei, Armee und Geheimdienste in Atem gehalten hat.

Auf 400.000 Quadratmetern haben die Bewohner von Abu Alis Dorf in dieser Saison Cannabis angepflanzt, das entspricht der Fläche von etwa 60 Fußballfeldern. Sie sind nicht die einzigen. Auch wenn Abu Ali den Namen seines Dorfes lieber nicht veröffentlicht haben will - die Namen von mindestens zwölf schiitischen sowie christlichen Nachbardörfern, die dieses Jahr eine schöne Hanfernte einfahren, gehen ihm leicht über die Zunge.

Die Bauern sehen geruhsamen Wochen entgegen: Ist die Ernte in den nächsten Tagen eingebracht, müssen die Pflanzen erst einmal trocknen. Auf welche Weise die THC-haltigen Pflanzenteile dann im Dezember gesiebt, zerbröselt und zu Paste und Platten verarbeitet werden, kann Abu Ali deshalb heute nicht vorführen. Wie die Rüttelsiebe und Pressen aussehen, sollen die Besucher auf dem Rückweg von den Feldern aber gerne sehen. Die Maschinen stehen in einem Schuppen und unter Obstbäumen an der Dorfstraße - der Handwerker, der mit Ausbesserungsarbeiten beschäftigt ist, führt vor, wie es geht.

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Haschisch aus dem Libanon: Gute Zeiten für die Hanfbauern
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