Hass auf Hillary Clinton: "Wie stoppen wir die Zicke?"

Von , Washington

Hass-Filme, Sexismus, Spott über eine Falten-Frau im Weißen Haus: Fanatische Gegner von links, rechts, im Internet und Fernsehen leben ihren Hass auf Hillary Clinton aus - um ihre Präsidentschaftskandidatur endgültig zu ruinieren. Barack Obama polarisiert viel weniger. Und nutzt das geschickt aus.

Washington - Die Titelheldin ist denkbar schlecht getroffen. Das ist aber auch gewollt. "Hillary. The Movie", heißt der Streifen, der gerade in einigen US-Kinos läuft - und eine ganze Abfolge von Clinton-Gruselbildern enthält.

Screenshot von "Hillary - The Movie": Wächsernes Gesicht, schrille Stimme

Screenshot von "Hillary - The Movie": Wächsernes Gesicht, schrille Stimme

Hillary mit seltsam wächsernem Gesicht, Hillary mit schriller Stimme, Hillary mit verwischtem Make-up. Dazwischen tritt eine Armada angeblicher Clinton-Kenner auf, die eine Überzeugung zusammenschweißt: Hillary Clinton ist eine Art Teufel in Menschengestalt. Von Ehrgeiz zerfressen, verschlagen. Durchtriebener gar als "Watergate"-Schurke Richard Nixon, wie einer der Filmprotagonisten mit entsetztem Gesicht in die Kamera flüstert.

90 Minuten lang reiht sich Vorwurf an Vorwurf in dem Streifen, den der rechte Aktivist David Bossie mitproduziert hat. Bossie verfolgt das Ehepaar Clinton schon seit den neunziger Jahren in erbittertem Hass. Soeben hat er den Obersten Gerichtshof in Washington angerufen, um seinen Film während der US-Vorwahlen intensiv bewerben zu können - was eigentlich gegen die Auflagen der Wahlgesetze verstößt.

Aber Bossies Fans machen Druck. Bei einem Wahlkampfauftritt von John McCain hatte eine von ihnen nur eine Frage an den republikanischen Präsidentschaftsbewerber: "Wie stoppen wir die Zicke?"

McCain lächelte.

Hillary Clinton zieht in beiden Parteien, im Internet und sogar in etablierten Medien so viel Hass auf sich wie keiner ihrer Rivalen. Dick Morris - einst im Weißen Haus für Clintons Umfragen zuständig, bis er über eine Affäre mit einer Prostituierten stürzte - begleicht auf Fox News regelmäßig alte Rechnungen. "Hillary lügt und täuscht. Sie wird alles versprechen, wenn es ihr nützt", wettert er.

Der konservative Talkmaster Rush Limbaugh spottet, niemand wolle eine Frau im Präsidentenamt altern sehen. Und quiekt angewidert über Clintons Falten. Ein Reporter des Kabel-Senders MSNBC hat soeben live auf Sendung Clinton vorgehalten, ihre Tochter Chelsea bei Wahlkampfauftritten vorzuführen wie ein Zuhälter sein bestes Mädchen.

Deren politischer Rivale Barack Obama nutzt die Hass-Welle geschickt. In der vergangenen Woche erinnerte er ausdrücklich an Clintons Unbeliebtheit in der Bevölkerung - in Umfragen sagen bis zu 47 Prozent der US-Bürger, sie hätten eine schlechte Meinung von ihr. Obamas Kommentar: "Sie kann das Land nicht einen."

Warum ist der Hass auf die ehemalige First Lady so groß? Und wieso spricht kaum einer von Sexismus - angesichts so scharfer Attacken auf die erste ernsthafte Bewerberin fürs Weiße Haus?

Die Gründe sind vielschichtig. Hillary Clinton ist nicht erst im Wahlkampf zu einer so polarisierenden Figur geworden. Sie ist es seit dem Amtsantritt ihres Mannes 1992.

Damals trat das Paar mit dem Slogan "Zwei zum Preis von einem" an. Eine Provokation, bedeutete das doch eine mitarbeitende, emanzipierte First Lady - was es bis dato so nicht gegeben hatte.

Hillary Clinton verstrickte sich dann allerdings in den Wirren einer gigantischen Gesundheitsreform und sah sich einer Vielzahl von Skandalvorwürfen ausgesetzt. Es ging um angebliche Bereicherung (Whitewater-Affäre), angeblichen Amtsmissbrauch (Travelgate-Affäre), gar um Mordvorwürfe (der mysteriöse Selbstmord ihres Vertrauten Vincent Foster).

Zwar überstand sie all dies - doch zu einem hohen Preis. Aus der politischen Mitbestimmerin wurde eine klassische Präsidentengattin, die Perlenkette trug und Erziehungsbücher schrieb. Sogar als sie 2000 schließlich selber in den US-Senat einzog, konzentrierte sie sich zunächst auf Anbiederung beim einstigen Feind. Sie umgarnte erzkonservative Senats-Haudegen beim trauten Kaffeeplausch.

Doch für die meisten Clinton-Hasser blieb sie eine kalte Machtfrau. Selbst dass sie sich vom ertappten Ehebrecher Bill demütigen lassen musste, legen sie ihr als Beleg für einen berechnenden Charakter aus. Es sei doch klar, dass Hillary nur bei Bill geblieben sei, weil er versprechen musste, später für sie Wahlkampf zu machen. Eine Argumentation, die übrigens auch unter US-Feministinnen häufig zirkuliert.

Gerne wird die These in rechten Kreisen noch mit saftigen Verschwörungstheorien und übelster Nachrede garniert. Schon 2005 schaffte es der Autor Edward Klein in seinem Buch "Die Wahrheit über Hillary", Hillary eine Lesbe zu nennen, ohne irgendeine Grundlage dafür zu haben - einfach nur, um sie restlos zur Hassfigur für Konservative machen. Angesichts des "Gender-Feminismus" müsse man gar nicht lesbisch sein, um "Lesbe" zu sein, schrieb er. Heute wird diese perfide Argumentation in rechten Kreisen mit der Latrinenparole auf die Spitze getrieben, Hillarys Lesbengeschichten hätten Bill in die Arme anderer Frauen getrieben.

Ist Amerika einfach nicht bereit für starke Frauen in politischen Führungspositionen? Dagegen spricht, dass sich etwa Nancy Pelosi, die demokratische Vorsitzende des US-Kongress, niemals einer vergleichbaren Hexenjagd ausgesetzt sah. Die bekannte Kolumnistin Maureen Dowd hat gestern in der "New York Times" die sexistischen Angriffe gegen Clinton verdammt - aber kritisiert auch, diese setze ihr Geschlecht taktisch als Ausrede für Fehler ein und sei im Wahlkampf mit dem Erbe ihres Mannes verschmolzen.

"Wenn Hillary scheitert, ist es ihr Versagen, nicht unseres", schreibt Dowd, selbst eine Kämpferin für mehr Frauenrechte.

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