Hatz auf Schwarzafrikaner in Libyen Mörderisches Missverständnis

Sie stammen aus den ärmsten Staaten Afrikas, haben sich leidlich in Libyen durchgeschlagen - und flüchten nun vor den Rebellen: Seit Gaddafi brutale Söldner ins Land geholt hat, stehen Schwarzafrikaner unter Generalverdacht, mit dem Diktator zu paktieren. Einige wurden offenbar schon getötet.

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AP

Hamburg - Ibrahim Zachariah ist 22, Flucht gehört zu seinem Leben. Das erste Mal trieb ihn die Armut aus seiner Heimat. Er kehrte Ghana den Rücken, um Geld für seine Mutter und die jüngere Schwester zu verdienen. In Libyen verdingte er sich als Stahlbetonbauer. Jetzt, drei Jahre später, ist er wieder zu Hause, aus Angst vor libyschen Rebellen, wie er sagt.

Die vergangenen Wochen seien die Hölle gewesen, erzählte Zachariah der australischen Journalistin Clair MacDougall. "Zum Schlafen behielt ich meine Straßenschuhe an, immer bereit, davonzulaufen." Vor den Baracken seines Baubetriebs in Bengasi seien Tag und Nacht Schüsse gefallen. Eines Nachts hätten Regimegegner die Räume gestürmt und alles niedergebrannt, Kleidung und Geld mitgenommen. Zachariah floh, schaffte es bis zur ägyptischen Grenze, schließlich in den Hafen von Accra.

Verfolgt man die Berichte von Menschenrechtlern und Augenzeugen, ist das Schicksal des jungen Ghanaers kein Einzelfall. Die Situation für Hunderttausende afrikanische Wanderarbeiter in Libyen hat sich dramatisch verschlechtert. Viele fürchten den Tod in Libyen - weniger durch Gaddafis Truppen, sondern durch libysche Aufständische, die gewöhnliche Gastarbeiter aus Ländern südlich der Sahara fälschlicherweise für Kämpfer des Diktators halten. Berichte über blutrünstige Söldner, die im Auftrag Gaddafis Regierungsgegner töten, stacheln die Wut an.

In der Wüste erstochen

Im Bürgerkrieg stehen schwarze Wanderarbeiter stellvertretend für das verhasste Regime, das sich mit seinen Ölmilliarden brutale Söldner kauft. Immer mehr Übergriffe werden bekannt, in einigen Städten soll an mutmaßlichen Söldnern Lynchjustiz verübt worden sein.

  • Die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" (HRW) untersucht einen Vorfall von fünf Afrikanern, die nahe der Stadt Brega gefangen genommen und von der Bevölkerung brutal misshandelt worden sein sollen. Dem Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der Uno (OCHA) zufolge wurden Ende Februar zwei Afrikaner in Bengasi gelyncht.
  • "Al-Dschasira" zeigte Amateur-Aufnahmen einer Menschenmenge, die einen Schwarzafrikaner anscheinend zu Tode prügelte. Echtheit und Verortung der Aufnahmen sind ungeprüft, doch Aggressionen gegen schwarze Wanderarbeiter sind Beobachtern zufolge unbestritten: "Niemand mit einem schwarzen Gesicht ist mehr sicher", kommentierte eine Dschasira-Reporterin in Bengasi die Lage.
  • Der Afrika-Service der "Deutschen Welle" interviewte Augenzeugen aus libyschen Städten im Osten des Landes. Viele Afrikaner verschanzen sich demnach in ihren Unterkünften, aus Angst davor, auf die Straße zu gehen. Sie würden beschimpft, bespuckt, mit Steinen beworfen. Einige sollen von aufgebrachten Gaddafi-Gegnern aus ihrer Wohnung gezerrt und gefangen genommen worden sein.
  • Der "Christian Science Monitor" spricht von "Hunderten" afrikanischen Wanderarbeitern, die von libyschen Zivilisten verfolgt und geschlagen wurden - als unmittelbare Reaktion auf Gerüchte, Gaddafi habe ein Heer Schwarzafrikaner angeheuert, das das libysche Volk niedermetzeln soll.
  • Die Online-Zeitung "Somalilandpress" berichtet von mindestens fünf Somalis in Libyen, die in Tripolis und Bengasi von Anti-Gaddafi-Mobs exekutiert wurden. Dutzende Arbeiter aus Äthiopien, Eritrea, Ghana, Nigeria, dem Tschad, Mali und Niger seien getötet, einige in der Wüste zusammengetrieben und erstochen worden. Rund 200 afrikanische Arbeiter würden derzeit von Rebellen in Gefangenschaft gehalten, schreibt das Portal. Für die Zahlen gibt es bislang keine offizielle Bestätigung.

Rassismus in Libyen ist kein neues Phänomen, es gibt regelmäßig Attacken auf Schwarzafrikaner in Gaddafis Staat. Der Bürgerkrieg habe eine neue Welle des Hasses ausgelöst, sagt Jean-Philippe Chauzy von der "Internationalen Organisation für Migration" (IOM). Er ist seit sechs Tagen ist im Transitlager "Shusha", einer Zeltstadt an der libysch-tunesischen Grenze. Allein am Sonntag seien 3000 neue Menschen angekommen, viele erschöpft und verängstigt.

"Ich habe Stunden über Stunden damit verbracht, Geschichten über Verfolgungen und Gewalt zu hören. Auf dem Weg zum Checkpoint wurde vielen schwarzen Wanderarbeitern alles abgenommen, Mobiltelefon, Geld, Essen", sagt Chauzy SPIEGEL ONLINE. Ein junger Mann, "offensichtlich traumatisiert", erzählte, seine Wohnung in Libyen sei von Aufständischen in Flammen gesetzt worden.

Sündenbock in der Krise

Das nordafrikanische Land mit seiner relativ stabilen Wirtschaft ist seit Jahrzehnten ein Magnet für Tagelöhner und Arbeitsnomaden, etwa eineinhalb Millionen Gastarbeiter arbeiten in der Ölindustrie, als Stahlschmiede, Stuckateure oder Bauarbeiter. Ebensolang versorgte Gaddafi die Diktaturen Westafrikas und südlich der Sahara mit Millionen. Die Arbeiter aus Äthiopien, Eritrea, Ghana, Tschad, Mali oder Niger müssen jetzt, beim Aufstand des Volkes gegen seinen Machthaber, für die Afrika-Bündnisse Gaddafis büßen.

HRW-Krisenleiter Peter Bouckaert macht teilweise überzogene Berichte über brutale Söldner für die Übergriffe auf Schwarze verantwortlich - zweifelte die Präsenz von schnell rekrutierten Kurzzeit-Killern generell an: Informationen über in Libyen aktive Söldner könne er nicht bestätigen, sagte er vergangene Woche. Am Montag ließ er über Twitter verlauten, die Organisation habe mitnichten die Existenz von Söldnern bestritten. In mehreren Fällen seien anstelle vermeintlicher Söldner aber reguläre Soldaten der libyschen Armee involviert gewesen.

"Einfach nur nach Hause"

Verwirrungen wie diese zeigen, wie unübersichtlich die Lage im Krisenland noch immer ist. "Selbst direkt an der Grenze bekommen wir nur einen Mini-Ausschnitt dessen mit, was wirklich in Libyen passiert", sagt Flüchtlingshelfer Chauzy am Telefon. Im Hintergrund hört man Rufe des Anfeuerns, eine Gruppe Bangladescher spielt Cricket. Dank der guten körperlichen Konstitution der vorwiegend männlichen, jungen Arbeiter und der schnellen internationalen Hilfe blieb eine humanitäre Katastrophe bislang aus. "Niemand ist hungrig, niemand ist durstig, sie wollen einfach nur nach Hause", sagt Chauzy.

Mehr als 213.000 Menschen sind seit Beginn der Unruhen aus Libyen geflohen. Rund 110.000 kamen nach Tunesien, über 90.000 gingen nach Ägypten und über 3000 nach Niger. Ein Großteil der nach Tunesien Geflüchteten konnte bereits den Heimweg antreten, mit Flugzeugen oder Schiffen unter anderen der deutschen Marine. Doch einige Schiffsmannschaften haben den strikten Befehl, nur Bürger bestimmter Länder an Bord zu lassen. Tausende von afrikanischen Migranten wissen zudem nicht, wie sie überhaupt aus Libyen herauskommen sollen. Uno-Flüchtlingskommissar António Guterres zeigte sich besorgt: "Bisher haben es nur sehr wenige afrikanische Gastarbeiter bis zur Grenze geschafft."

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outdoor 08.03.2011
1. Genau das
Genau das hatte ich vorausgesehen. Flugverbotszone, damit die G. Gegner weiter Schwarzafrikaner abschlachten können?
born47 08.03.2011
2. Wie schon vermutet
Also doch Völkermord nur eben an Menschen mit schwarzer Hautfarbe durch die friedlichen Demonstranten die Meinungsfreiheit, Menschenrechte, Demokratie und freie Wahlen fordern. Natürlich in unserem Sinne wo Guantanamo, Irak und Afghanistan für uns völlig ausreichend für andere sind.
outdoor 08.03.2011
3. Nichts neues
Das hat nichts mit den Söldnern zu tun, solche Pogrome gab es auch schon im September 2000. Damals wurden afrikanische Gastarbeiter von libyschen Arbeitslosen angegriffen. Immerhin wurden von diesen Angreifern 331 Täter angeklagt, dies dürfte dieses Mal nicht der Fall sein. http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Libyens#
Pilsator 08.03.2011
4. Ja, jetzt staunt ihr, was?
So sind sie nun mal, die vom SPIEGEL und anderen blinden Medien herbeigeschriebenen "Demokraten" in Arabistan.
Over the Fence, 08.03.2011
5. Es gibt keine saubere Lösung
Zitat von outdoorGenau das hatte ich vorausgesehen. Flugverbotszone, damit die G. Gegner weiter Schwarzafrikaner abschlachten können?
Keine Flugverbotszone, damit G. weiter Zivilisten bombardieren kann? Ich denke auch nicht, daß sich G.'s Getreue derzeit sonderlich um das Wohl der Schwarzafrikaner kümmern, ob mit oder ohne diese Flugverbotszone. Diese Menschen sind zwischen die Fronten geraten. Daran hat aber hauptsächlich G. schuld, denn der rekrutiert ja offenbar Söldner in Schwarzafrika, und nicht die Rebellen.
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