Raketen-Fehlalarm in Hawaii Panik auf Knopfdruck

38 Minuten lang dachten die Hawaiianer, sie würden Ziel eines Atomangriffs. Der Fehlalarm offenbart, wie anfällig die Warnsysteme sind - und wie leicht es wäre, in eine nukleare Katastrophe zu stolpern.

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Sie rannten panisch über die Straßen, auf der Suche nach einem Bunker. Sie suchten in Parkhäusern Zuflucht, im Keller, in der Badewanne. Sie mussten entscheiden, was sie zurückließen, wen sie schnell noch mal anriefen und wen nicht. Sie hofften, dass die Atomwaffen ihr Ziel verfehlten. Sie beteten.

Endlose 38 Minuten dauerte der Raketen-Fehlalarm am Samstag auf Hawaii. 38 Minuten Todesangst, von der ersten SMS ("Dies ist keine Übung") bis zur Entwarnung ("Es besteht keine Raketenbedrohung"). Millionen Menschen waren überzeugt, dass ihr letzter Tag gekommen sei. Ted Daul und seine Frau, die "USA Today" zufolge gerade beim Frühstück saßen, umarmten sich in einem - wie sie glaubten - letzten Stoßseufzer und sagten sich, "wie sehr wir uns lieben".

"Keine Übung": Falsche Raketenwarnung
AP

"Keine Übung": Falsche Raketenwarnung

Als alles vorbei war und Honolulu sich mit Mai Tais betrank, wichen die Endzeit-Liebesbekundungen schnell der Wut. Wie konnte das bloß geschehen?

Menschliches Versagen, sagte Gouverneur David Ige: "Ein Angestellter drückte den falschen Knopf." Bei so was blinke zwar immer erst eine Warnung ("Sind Sie sicher?"), ergänzte Vern Miyagi, Hawaiis oberster Katastrophenschützer - doch der Knopf sei "trotzdem gedrückt" worden.

Das Weiße Haus streute zunächst nur zusätzliche Konfusion: Es sei eine "Übung" gewesen. Präsident Donald Trump - der die Nation eigentlich beruhigen sollte, aber am Samstag lieber Golf spielte - äußerte sich erst 30 Stunden später, am Sonntagabend, indem er den Schwarzen Peter anderen zuschob: "Das war eine Sache des Bundesstaats." Auch Ajit Pai, der Chef der Kommunikationsbehörde FCC, machte "die Regierung von Hawaii" haftbar.

Aber hinter dem "katastrophalen Irrtum" ("The Atlantic") steckt viel mehr. Der Fehlalarm von Hawaii offenbart, wie anfällig die Warnsysteme sind, wie unzuverlässig die Behörden, wie hilflos ausgeliefert die Leute. Und wie leicht es künftig wäre, aus Versehen, durch Sabotage oder durch Hacking in einen Atomkrieg zu stolpern, indem ein missverstandener Fehlalarm zu einer fatalen Fehlreaktion führt - gerade in Zeiten von Fake News und Nordkoreakrise.

Zumal Trump als leichtgläubig und leicht erregbar gilt, den Zitterfinger am sprichwörtlichen Atomknopf. "Wir könnten alle tot sein, wenn Trump via Twitter einen Gegenschlag befohlen hätte", schrieb der Anwalt Bradley Moss, seinerseits auf Twitter. "Ich sorge mich enorm, wie Trump eine echte Krise managen würde, bei der das keine Übung ist oder ein einfacher Fehler", warnte der Sicherheitsexperte Naveed Jamali im TV-Sender MSNBC.

82 Prozent der Amerikaner fürchten einen Atomkrieg

Da stehen sie kaum allein. Die Amerikaner sind so nervös wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr. 82 Prozent fürchten einen Atomkrieg - doch nur 40 Prozent trauen Trump zu, eine solche Konfrontation zu meistern. Und nun hat sich schon die erste Schutzphase des Undenkbaren als porös entpuppt.

Das Integrated Public Alert and Warning System (IPAWS) ist nicht an moderne SMS und Smartphones angepasst und hatte bisher keine Rückrufprozedur. Der Fehler wurde offenbar sofort bemerkt - doch es dauerte mehr als eine halbe Stunde und bedurfte einer Genehmigung der US-Katastrophenschutzbehörde Fema, bis der Alarm wieder einkassiert war.

Im Ernstfall bräuchten ballistische Raketen 13 Minuten von Nordkorea bis Hawaii. Das jedenfalls haben sie den Hawaiianern in den letzten Monaten eingebläut, bei regelmäßigen Luftschutzübungen, die mit den wachsenden Spannungen zwischen Pjöngjang und Washington immer ernster wurden.

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Fehlalarm: "Katastrophaler Irrtum"

Doch trotz allen Warntheaters bleiben die USA überraschend unvorbereitet. Nach dem Fehlalarm von Hawaii rotierten Trumps Berater im West Wing und in Florida, wo der Präsident wie so oft sein lässiges Wochenende verbrachte. Die hektische Reaktion, so das Magazin "Politico" unter Berufung auf US-Regierungskreise, habe einen "besorglichen" Mangel an Vorsorge enthüllt.

Trumps Stabschef John Kelly habe 2016 zwar eine Raketenschutzübung in die Wege geleitet, damals als Heimatschutzminister. Seine Nachfolgerin Kirstjen Nielsen habe sie jedoch nie vollendet. "Die US-Regierung hat diese Pläne seit 30 Jahren nicht getestet", zitierte "Politico" einen hochrangigen Beamten. "All die neuen Gesichter, die im Situation Room um den Tisch sitzen, haben kaum Ahnung, was in einem solchen Szenario ihre Rolle wäre."

Dabei wird dieses Szenario immer naheliegender. Im Juni warnte Senator John McCain, Russland habe eine "Cyberwaffe" entwickelt, die Amerikas Strom- und Telekommunikationsinfrastruktur "zum Erliegen bringen" könnte. Ähnliche Unkenrufe kamen vom NSA-Chef Mike Rogers. Ein Hackerangriff auf das IPAWS wäre also nicht so abwegig - mit potenziell verheerenden Folgen. Solche Beinahe-Katastrophen gab es in der Geschichte ja schon oft.

Wie ernst Trump selbst das Wohl der ihm fernen Insulaner im Pazifik nimmt, bewies er im August, als Nordkorea das US-Territorium Guam bedrohte, das noch näher an Asien liegt: Das, versicherte Trump dem Gouverneur Eddie Calvo, werde den Tourismus dort "verzehnfachen, ohne Ausgaben von Geld".

Im Video: So funktioniert der Raketen-Alarm auf Hawaii

REUTERS


insgesamt 97 Beiträge
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Seite 1
Kalleh 15.01.2018
1. Gewollte Angstmache
Heute ist die Aufgabe der Geheimdienste nicht, die Regierung mit Informationen zu versorgen, sondern die eigene Bevölkerung zu manipulieren und in Angst zu halten.
Bondurant 15.01.2018
2. Trump hat den Test bestanden
Also 38 Minuten Raketenalarm und The Donald hat nicht auf den Knopf gedrückt - wenn man bedenkt, dass die eigentliche Reaktionszeit für einen "Gegenschlag" bei weniger als 15 min liegt, hat sich Trump doch offensichtlich sehr besonnen gezeigt, oder nicht?
frenchie3 15.01.2018
3. Was ein Glück
daß Donnie beim Golfen war. Stellt Euch mal vor der hätte am Bürotisch gesessen und sein Smartphone in der Hand gehabt. Was mich persönlich betrifft: der Fehlalarm hat gezeigt daß es so oder so nix nutzt. Also besser keinen Alarm und 12-30 Minuten (jeh nach Quelle) weniger Panik vor der ultimativen Hautbräunung
SPONU 15.01.2018
4. Das Weisse Haus
...verfügt doch über einen privaten Kinosaal und der Präsident kann sich Filme anschauen. Ich empfehle "War Games" mit Matthew Broderick. Wenn das System plötzlich sagt man wird angegriffen kann das katastrophale Kettenreaktion auslösen. Und wer sagt eigentlich dass diese Alarmsystem gegen Hackerangriffe ausreichend geschützt sind (ich vermute garnicht)?
spon_2999637 15.01.2018
5. Twitter??? WTF???
"Wir könnten alle tot sein, wenn Trump via Twitter einen Gegenschlag befohlen hätte", schrieb der Anwalt Bradley Moss Ich hoffe doch sehr, dass niemand im Militär Twitter als validen Kommunikationsweg ansieht! Wie schnell so ein Account "weg" sein kann bzw. in fremder Hand sieht man ja sehr aktuell beim Spiegel: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Twitter-Account-von-Spiegel-Chefredakteur-gehackt-3940700.html
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