Pariser Terror-Komplizin Hayat Boumeddiene Religiös, folgsam, waffenaffin

Die französischen Ermittler jagen Hayat Boumeddiene, die Freundin des Pariser Geiselnehmers Amedy Coulibaly. Was war ihre Rolle bei den Attentaten? Sicherheitskräfte gehen davon aus, dass sie nach Syrien geflohen ist - schon vor den Anschlägen.

Screenshot der Website der französischen Zeitung "Le Monde" (www.lemonde.fr)
Le Monde

Screenshot der Website der französischen Zeitung "Le Monde" (www.lemonde.fr)

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Es gibt ein Foto aus dem Jahr 2010, da kniet Hayat Boumeddiene schwarz verschleiert, den Rücken leicht zurückgelehnt, auf einem Strohfeld in Südfrankreich. In der Hand hält sie etwas ungelenk eine kleine Armbrust. Auf einem weiteren Bild ist sie von vorn zu sehen. Sie zielt mit dem Pfeil direkt auf den Fotografen.

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Heft 3/2015
Anschlag auf die Freiheit

Ganz Frankreich sucht derzeit nach der dunkelhaarigen Gefährtin des Attentäters und Geiselnehmers Amedy Coulibaly. Doch welche Rolle spielte die 26-Jährige wirklich bei den Anschlägen von Paris, die 17 Menschenleben forderten und Frankreich in den Ausnahme- und die Welt in den Alarmzustand versetzte?

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Nach dem Tod der drei Geiselnehmer ist sie die einzige Überlebende aus dem bisher bekannten Tatverdächtigenkreis, die Hoffnung durch sie etwas über die Hintermänner zu erfahren, ist entsprechend groß.

Die Polizei hat Boumeddiene zur Fahndung ausgeschrieben und warnt, sie könne "bewaffnet und gefährlich" sein. Sie und Coulibaly sollen mit den beiden Attentätern Chérif und Said Kouachi, die den Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" verübten, in Verbindung gestanden haben.

Die französische Zeitung "Le Monde" berichtet am Samstagabend, dass eine Frau mit dem Namen Hayat Boumeddiene bereits am 2. Januar einen Flug von Madrid nach Istanbul genommen haben soll. Diese Person habe am 8. Januar die Grenze nach Syrien überschritten. Dies habe ein Angehöriger der türkischen Sicherheitskräfte bestätigt, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Man versuche nun, die Frau aufzuspüren. "Le Parisien" berichtet, die 26-Jährige sei auf dem Flug in Begleitung eines Mannes gewesen, dessen Bruder den Geheimdiensten bekannt ist. Boumeddiene sei im Besitz eines Rückflugtickets für den 9. Januar gewesen. Die Reise habe sie aber nicht angetreten.

Inzwischen ist einiges bekannt, was die junge Frau schwer belastet:

  • Am Freitag berichtete der französische Oberstaatsanwalt François Molins, Boumeddiene habe innerhalb eines Jahres 500 Telefongespräche mit der Ehefrau des Terroristen Chérif Kouachi geführt. Ihre Gesprächspartnerin Izzana Hamyd ist seit Mittwoch in Polizeigewahrsam und wird befragt. Über den Inhalt der Telefonate ist bisher nichts bekannt, auch nicht, ob sie abgehört wurden.
  • Das Auto, mit dem Amedy Coulibaly an den Ort der Geiselnahme an der Porte de Vincennes im Osten von Paris fuhr, ist auf Boumeddienes Namen registriert.
  • Seit mehreren Jahren ist die junge Frau bei der Polizei aktenkundig. Im Jahr 2010 wurde sie im Zusammenhang mit dem Fluchtversuch eines Hauptverantwortlichen der Pariser Metro-Attentate aus dem Jahr 1995, Aït Ali Belkacem, von der Polizei befragt. Schon damals zeigte sie großes Verständnis für islamistische Attentate. Dem Nachrichtenportal "20minutes" zufolge verwies sie ungerührt auf all "die Unschuldigen, die von den Amerikanern getötet werden".

Am 26. Juni 1988 kommt Boumeddiene in Villiers-sur-Marne im Nordosten Frankreichs zur Welt. Sie ist eines von sieben Kindern. Im Alter von sechs Jahren verliert sie ihre Mutter und wird laut "Le Parisien" zwei Jahre später in die Obhut der Behörden gegeben, weil der als Lieferant arbeitende Vater mit der Erziehung der Kinder überfordert ist.

Ab 2009 trägt sie auch auf der Arbeit ausschließlich den Niqab, was ihr die Entlassung als Kassiererin einbringt. Eine Nachbarin sagte dem Sender BFMTV, sie sei stets "von oben bis unten komplett verschleiert" gewesen.

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Terror in Frankreich: Zugriff in der Dunkelheit

Was praktizierte Religiösität und theologische Bildung betrifft, scheint sie ihrem Freund Coulibaly überlegen gewesen zu sein. Der sei "nicht wirklich religiös", soll sie den Ermittlern gesagt haben - ob aus taktischen Gründen, ist allerdings unklar. Er habe sich gern amüsiert und soll angeblich den Gedanken getragen haben, eine zweite Ehefrau zu nehmen.

"Er ist nicht der Typ, der die ganze Zeit im traditionell muslimischen Gewand herumläuft", so Boumeddiene weiter. Auch die Moschee habe er nicht jeden Freitag zum Gebet aufgesucht. "Amedy ist da, je nachdem, ob er viel zu tun hatte oder nicht, hingegangen, ich würde sagen, so alle drei Wochen." Coulibaly selbst sagte den Polizisten laut "Le Monde": "Ich versuche, mit der Religion voranzukommen, aber ich mach das langsam."

Überhaupt scheint der Geiselnehmer zu diesem Zeitpunkt wenig Interesse an ideologischen Finessen zu zeigen. Auf die Frage, was er über die Unstimmigkeiten zwischen Sunniten und Schiiten wisse, sagte der den Ermittlern: "Ich weiß gar nichts. Ich zerbreche mir nicht den Kopf darüber, das ist Zeitverschwendung."

Der Kontakt zu dem "Charlie Hebdo"-Attentäter Chérif Kouachi soll bereits seit 2010 bestanden haben. Gemeinsam besuchten die beiden Männer Djamel Beghal, einen wegen Terrorismus verurteilten Salafisten der Takfir-Bewegung, in Südfrankreich. Hayat Boumeddiene erklärte der Polizei, sie sei zweimal mitgefahren und habe sich dort im Armbrustschießen geübt.

Vor etwa einem Jahr soll Hayat Kontakt zu ihrem Vater Mohamed gesucht haben. Im Juli 2009 hatte sich das junge Paar in einer religiösen Zeremonie trauen lassen, sie wollte ihm davon berichten. Weil sie nach Mekka reisen wollen, sei es ihr ein Anliegen gewesen, sich mit ihm zu versöhnen, zitiert der "Parisien" einen Bekannten des Vaters. Mohamed sei froh gewesen, sie zu sehen, habe das Paar nach der Rückkehr aus Mekka noch vom Flughafen abgeholt, aber dann nie wieder etwas von der Tochter gehört.

Als er von der Fahndung nach Hayat erfuhr, begab sich Mohamed Boumeddiene sofort auf die nächste Polizeidienststelle, um auszusagen. "Er stand unter Schock", erzählte sein Bekannter. "Er konnte überhaupt nicht glauben, dass sie mit dieser Geschichte in Verbindung steht."

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christophe007 10.01.2015
1. neue Nachrichten
Laut französischer Medien soll sie sich jetzt - noch vor den Anschlägen - im Ausland befinden.
Abronzius 10.01.2015
2. Spon -Verdachtsbewertung
Ja , sie gehört zur Islamistenszene, aber für den Verdacht einer Mittäterschaft an den Morden gibt es keine Anhaltspunkte, schon gar nicht zureichende im Sinne eines Anfangsverdachtes. Ich gehe davon aus, daß die französischen Strafverfolgungsbehörden über weiteres Verdachtsmaterial verfügen, über das aus ermittlungstaktischen Gründen nichts verlautbart wird, um den Ermittlungszweck nicht zu gefährden.
sintgund 10.01.2015
3. Ich frage mich immer noch
...wie man als jemand, der militärisch ausgebildet und entsprechende Militär-Kleidung tragend (also nicht Alltagsklamotten) an so einem Tag seinen Ausweis einsteckt und dann noch so lose in die Hosentasche, dass er im Fluchtauto rausfällt. Sowas riecht eigentlich nach dem Legen einer falschen Spur.
ms66 10.01.2015
4. schon irgendwie seltsam
die Parallelen zum Fall Zschäpe ...
kopp 10.01.2015
5. Laut Le Monde von heute ist die Dame in Syrien
'Hayat Boumeddiene, la compagne d'Amedy Coulibaly, le preneur d'otages de la porte de Vincennes, s'est envolée pour Istanbul le 2 janvier, d'où elle aurait rejoint la Syrie le 8, selon nos informations.'---- H. Boumeddiene ist am 2. Januar nach Istanbul geflogen, von wo sie am 8.1.15 nach Syrien weiter gereist ist. (le Monde, 10.1.15)
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