Heftige Gefechte in Gaza Israelische Bomben treffen Uno-Zentrale und Pressehochhaus

Kämpfe mitten in Wohngebieten, Panik in der Bevölkerung, noch viele Kilometer entfernt hört man lauten Bombendonner - Israel verschärft die Offensive im Gaza-Streifen. Fernsehsender und Uno melden, auch ihre Gebäude seien getroffen worden.


Gaza/Tel Aviv - Israel verschärft seine Offensive im Gaza-Streifen trotz der internationalen Friedensbemühungen. Bodentruppen marschierten weit in die südlichen Stadtviertel von Gaza-Stadt ein. Panzer standen nach Augenzeugenberichten nur noch eineinhalb Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

Das israelische Militär hat das Uno-Hauptquartier in der Stadt Gaza beschossen. Diese Meldungen bestätigten Mitarbeiter der Vereinten Nationen der Nachrichtenagentur dpa am Telefon. Die Uno-Hilfsorganisationen stellten vorerst alle Tätigkeiten im Gaza-Streifen ein. Ein Sprecher sagte, das Gebäude des Flüchtlingshilfswerks UNHCR sei von drei mutmaßlichen Phosphorbomben getroffen worden. Drei Uno-Mitarbeiter wurden verletzt.

Der Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte, er sei "empört" über den Beschuss und sagte, die Zahl der palästinensischen Opfer sei "nicht hinnehmbar". Am Donnerstagmittag berichtete Ban, dass der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak sich bei ihm für den Beschuss des Uno-Gebäudes entschuldigt habe.

Laut al-Dschasira wurde auch ein Krankenhaus des Palästinensischen Roten Halbmondes getroffen, in dem sich 500 Verletzte und Kranke aufhalten sollen. Einwohner von Gaza-Stadt berichteten dem Sender per Telefon, dass sie unter Atembeschwerden litten, was sie auf den vermuteten Einsatz von Phosphorbomben zurückführten.

Ein von der Nachrichtenagentur Reuters und Fernsehsendern genutztes Gebäude in Gaza-Stadt wurde von einer Explosion erschüttert. Reporter sagten, mindestens ein Kollege des TV-Senders Abu Dhabi sei verletzt werden. Reuters-Reportern zufolge ging die Detonation offenbar auf den Einschlag einer israelischen Rakete oder Granate im 13. Stock des Al-Schuruk-Turms im Stadtzentrum zurück. Laut dem arabischen Satellitensender al-Dschasira gab es zwei Verletzte, einen Monteur und einen Fotografen von Abu Dhabi TV.

Israelische Soldaten lieferten sich den Berichten zufolge erbitterte Kämpfe mit palästinensischen Kämpfern, die Granaten und Panzerabwehrraketen abfeuerten. Nach Angaben der Augenzeugen schossen die Panzer auch Geschosse in Richtung von Wohnhäusern ab, während die Luftwaffe Angriffe flog. Eine Panzerkolonne bezog Stellung in einem Park inmitten des Stadtteils. Hunderte von Familien flohen vor den Gefechten. Für 11 Uhr Ortszeit (10 Uhr MEZ) hatte das israelische Militär eine vierstündige Feuerpause angekündigt. Kurz nach diesem Zeitpunkt seien die Kämpfe aber noch weitergegangen, berichteten Augenzeugen.

Im ganzen südlichen Stadtgebiet brannten demnach zahllose Wohnungen und Autos. Unter der Bevölkerung in den Hochhäusern im Stadtteil Tall al-Hawa brach Angst und Panik aus. Menschen riefen von Balkonen um Hilfe. Ambulanzen und Sanitäter konnten das Gebiet wegen der schweren Kämpfe nicht mehr erreichen. Tausende Einwohner fliehen laut Presseberichten aus den besonders umkämpften Bezirken von Gaza-Stadt.

Israelische Panzer rückten auch in zwei weitere Stadtteile von Gaza vor, al-Tschudschaija und Seitun, von wo ebenfalls Kämpfe gemeldet wurden. Die Luftwaffe flog zudem Angriffe im Norden des Gaza-Streifens. Dort wurde nach Angaben von Ärzten eine Mutter mit ihren drei Kindern getötet.

Noch in gut 15 Kilometern Entfernung konnten SPIEGEL-Reporter den Gefechtslärm hören. Einem freien Mitarbeiter von SPIEGEL ONLINE in Gaza zufolge gab es in diesem Feldzug bisher noch keine so massiven Angriffe.

Radikale Palästinenser feuerten erneut Raketen auf den Süden Israels ab. Nach Angaben der israelischen Armee schlugen am Morgen 14 Raketen in Israel ein. Opfer gab es nicht, in der Stadt Sderot wurde ein Haus beschädigt.

Israel hat in den vergangenen Tagen die Luft- und Bodenangriffe verstärkt, um die islamistische Hamas zur Annahme einer Waffenruhe zu zwingen. Das Hamas-Politbüromitglied im Exil, Mohammed Nassal, sagte am Donnerstag dem Nachrichtensender Al-Arabija, seine Organisation werde keinesfalls auf die israelische Forderung nach einer zeitlich unbegrenzten Waffenruhe eingehen.

In die diplomatischen Bemühungen schaltete sich indes auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier ein, der am Donnerstag mit israelischen Spitzenpolitikern zusammentraf.

als/yas/AFP/Reuters/dpa



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