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Heiliger Krieg in Malakand: Angriff der Ur-Taliban

Von Joachim Hoelzgen

Die englischen Kolonialtruppen nannten ihn den "verrückten Mullah von Malakand". Mit Stammeskriegern, die schon Winston Churchill beeindruckten, zettelte er Aufstände im damaligen Britisch-Indien an. Historiker sehen verblüffende Parallelen zu den Taliban von heute.

Im Juli des Jahres 1897 versammelten sich im Nordwesten der damaligen Kronkolonie Britisch-Indien Tausende von Stammeskriegern, um eine Lehmziegel-Festung der Malakand Field Force zu belagern – eine Elite-Einheit der englischen Krone, die sich aus drei Brigaden und mehreren Bataillonen indischer Sikh-Soldaten zusammensetzte.

"Wir werden fast jede Nacht von den Fanatikern angegriffen," schrieb während einer Kampfpause der Oberst William Hope Meiklejohn in einem Brief an Maud, seine Ehefrau. Die befand sich in dem hochgelegenen Bungalow-Städtchen Murree im Pundschab, wo sich englische Offiziersfamilien gern von der Hitze der großen indischen Tiefebene erholten.

Maud war im sicheren Murree gerade von einem zweiten Kind entbunden worden, sorgte sich aber sehr über das Schicksal ihrer vier Jahre alten Tochter Meg, die Oberst Meiklejohn bei sich in dem Fort behalten hatte. Die Sorge war mehr als begründet, da die Stammeskrieger Gefangene meist an Ort und Stelle massakrierten. Und diesmal, so hatte es den Anschein, rückten sie auch ohne Rücksicht auf eigene Verluste vor.

Ein Geistlicher namens Mullah Mastun hatte die Stämme der sogenannten Malakand Agency, eines gebirgigen Distrikts nahe der Grenze zu Afghanistan, zum Heiligen Krieg gegen die ausländischen Truppen aufgerufen. Die Fremden müssten aus Malakand und ganz Indien vertrieben werden, forderte der Mullah, der seinen Turbankämpfern das Paradies versprach, falls sie im Kampf als Märtyrer getötet würden.

Die Engländer nannten den Prediger "Mad Mullah of Malakand", ohne allerdings verhindern zu können, dass die Rebellion der Stammeskrieger immer weiter um sich griff. In den großen Clans brodelte Zorn, weil 1893 eine Grenze zwischen den Stammesgebieten und Afghanistan festgelegt wurde, die sogenannte Durand-Linie. Sie war nach dem damaligen Außenminister Britisch-Indiens, Sir Henry Mortimer Durand, benannt worden und durchschnitt das Siedlungsgebiet und die Weidegründe der großen Stämme, die damals wie heute dem Volk der Paschtunen angehören.

Die Malakand Field Force sollte bewaffnete Überfälle durch paschtunische Krieger vereiteln, die hin und wieder bis in die Tiefebene jenseits des Indus vorgestoßen waren. Sie zündeten dort die Ernte der Bauern an und machten Brunnen unbrauchbar, indem die Marodeure sie mit Steinen anfüllten. Und immer wieder attackierten sie Außenposten der englischen Kolonialarmee.

Blaupause für den Taliban-Krieg von heute

An die Belagerung des Forts in Malakand erinnert man sich nun wieder in Großbritannien, weil seltene Fotos und Dokumente aus jener Zeit bekannt geworden sind. Die BBC hat sie auf ihrer Webseite verbreitet – dank des 82 Jahre alten Pensionärs Ben Tottenham, der die Fundstücke aufbewahrt und fein säuberlich geordnet hatte. Sie gehörten Tottenhams Frau Susan, die 1984 starb. Sie war die Tochter der damals noch kleinen Meg, die mit ihrem Vater, dem Obersten Meiklejohn, in der Festung ausgehalten hatte.

Die Erinnerungsstücke sind auch wegen ihres aktuellen Bezugs wertvoll und interessant. Sie zeigen nämlich, dass im Hexenkessel des umkämpften südlichen Afghanistan und in den Stammesgebieten des heutigen Pakistan alles schon einmal da gewesen war. Ein englisches Expeditionsheer kämpfte bereits 1880 bei Maiwand gegen die Paschtunen – und verlor. Und heute sind es die Taliban, das Frankenstein-Monster der Stammesgebiete und Afghanistans, die erneut britische Truppen in deren Stützpunkten belagern.

Die Parallelen zwischen damals und heute seien verblüffend, meint auch der Familienhistoriker Ben Tottenham, der früher Beamter in der englischen Exportbehörde war. "Sie zeigen, dass schon die Vorgänger der Taliban so rücksichtslos waren wie diese," sagt er und verweist auf die Unterlagen. Damals wie heute sei es ihnen darum gegangen, "die ungläubigen Fremden zu vertreiben".

Einschüchterung und Abnutzung

Ähnlich wie jetzt in der afghanischen Provinz Helmand, die von britischen Truppen gegen die Taliban verteidigt wird, hatten es die paschtunischen Stammeskrieger in Malakand auf einen Krieg der Einschüchterung und Abnutzung abgesehen. "Welle auf Welle von Kämpfern erschienen in der Dunkelheit und kletterten laut schreiend über Hindernisse, angestachelt vom donnernden Lärm ihrer Kriegstrommeln," beschrieb etwa der Historiker und Autor Michael Barthorp das Geschehen vor dem Fort.

Die britischen Offiziere und Mannschaften aber hielten dagegen – und das "gegen zwar tapfere, aber wahnwitzige Angreifer, denen die eigenen Verluste gleichgültig zu sein schienen," fasst der Historiker zusammen.

Die kleine Meg Meiklejohn war in der Festung von einer Kinderschwester betreut worden – "von Mrs. Shedwell, der Frau eines Sergeanten", fand Ben Tottenham heraus. Zu den Pflichten der Kinderschwester zählte, deren Mutter in Murree schriftlich zu beruhigen.

"Liebe Frau Meiklejohn," notierte sie einmal. "Ich schreibe Ihnen in Eile, um Sie wissen zu lassen, dass es Miss Meg gut geht, obwohl es so heiß ist. Machen Sie sich bitte keine Sorgen, denn wir sind hier doch ziemlich sicher."

Ein Kriegsreporter namens Churchill

Ben Tottenham lächelt, wenn er den Brief kommentiert. "Rückschauend muss man sagen, dass sie die Lage ganz schön untertrieben hat," sagt er. Tottenham kann sich auf einen prominenten Beobachter des Stammesaufstandes berufen: den jungen Winston S. Churchill, der als Kriegsreporter für den Londoner "Daily Telegraph" und den indischen "Allahbad Pioneer" aus Malakand berichtete.

Churchill, damals 22 Jahre alt, schrieb gut ein Dutzend Malakand-Artikel, für die er jeweils ein Honorar in Höhe von fünf Pfund erhielt. Das schien ihm zu gefallen, denn in einer Mitteilung an seine Mutter kam er zu dem Schluss: "Nur Strohköpfe schreiben nicht für Geld."

Die Paschtunen und deren frühe Version vom Heiligen Krieg – "mit der Aussicht auf Plündern und das Paradies" – studierte Churchill damals schon genau, wobei ihm die Ur-Taliban wegen ihrer Rückwärtsgewandtheit auch Leid taten. Denn offenkundig glaubten die Krieger, die englischen Truppen in den Forts seien die einzigen, über die der "Sirkar" verfüge, wie sie Britanniens Kolonialverwaltung nannten.

"Sie nahmen nicht gewahr, dass die Welt nun mit Nachrichten von der Belagerung nur so summte; dass sich aus England Offiziere und Soldaten auf den Weg machten; dass aus dem Süden Indiens Munitionszüge nach Norden rollten; dass in London Finanziers darüber nachdachten, ob die Rebellion den Goldpreis beeinflusse und dass Politiker all das zu ihren Gunsten wenden wollten," schrieb der spätere Kriegspremier.

Die enge Sicht der Stammeskrieger war die einer Sonderwelt. "Sie hatten keine Vorstellung von der Moderne. Die Paschtunen sahen nur die Forts am Malakand-Pass und die Hängeseilbrücke am nahen Fluss," resümierte Churchill.

Ein neuartiges Gewehr brachte den entscheidenden Vorteil

Ihr Kampfeswille ebbte ab, weil die Ernte eingebracht werden musste und Mullah Mastun, den sie für unantastbar hielten, bei einer weiteren Attacke auf das Fort verwundet wurde. Ein anderer Mullah, auch das ein böses Zeichen, kam ums Leben. Und schließlich besaßen die Verteidiger mit einem neuen Gewehr samt Patronenmagazin die entscheidende Waffe im Vergleich zu den altertümlichen Vorderladern der Paschtunen.

Für Oberst Meiklejohn war die Niederschlagung der Revolte aber nicht beendet. Im Sommer des darauffolgenden Jahres zog er wieder über den Pass von Malakand, um mit seinen Truppen einer Festung beizustehen, die von neuem umzingelt worden war. Meiklejohn sprengte den Belagerungsring, wurde zum Brigadegeneral ernannt und später von Königin Victoria zum Ritter geschlagen. Drei Offiziere der Malakand Field Force erhielten das Victoria-Kreuz, Englands höchste Kriegsauszeichnung für besondere Tapferkeit.

Aber auch die Armee der Sahibs erlitt hohe Verluste. Churchill berichtete von 245 Gefallenen allein in einer der drei Malakand-Brigaden. Die Turbankrieger hatten inzwischen ihrerseits viele der neuen Gewehre zusammengeraubt und erwiesen sich damit "als tapfere und schwer zu bekämpfende Feinde", fand Winston S. Churchill. Sein Fazit lautet wie ein aktueller Kommentar zur heutigen Lage in Afghanistan: "Man darf den Gegner nie geringschätzen. Jede Nation, die in den Krieg zieht, muss diese Erkenntnis aufs Neue machen."

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Kampf gegen die Briten: Die Krieger von Malakand

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