Buchauszug aus "Plötzlich Pakistan" Heirat aus Liebe? Besser nicht!

Die Ehe ist in Pakistan so eine Sache. Liebe? Wichtiger sind die Eckdaten des Partners: Herkunft, Glaube, Geld. Korrespondent Hasnain Kazim ist mit einer Deutschen verheiratet. Dafür feiern ihn Wildfremde auf der Straße.

Hochzeit in Pakistan (Archivbild): Kann auch mal einen Monat dauern
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Hochzeit in Pakistan (Archivbild): Kann auch mal einen Monat dauern


Vier Jahre lang hat Hasnain Kazim für SPIEGEL ONLINE und den SPIEGEL als Korrespondent aus Pakistan berichtet. Er erlebte ein atemberaubendes Land voller Widersprüche, zuletzt immer mehr geprägt von einem konservativen Islam. Seine Erfahrungen hat er in "Plötzlich Pakistan - Mein Leben im gefährlichsten Land der Welt" niedergeschrieben. Lesen Sie hier einen Auszug aus seinem neuen Buch.

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Liebe ist nicht so wichtig. Das ist der größte Unterschied zwischen einer westlichen und einer pakistanischen Hochzeit. Denn die Liebe, lautet die Überzeugung, kommt später ganz von alleine und wächst mit der Partnerschaft.

Überhaupt unterscheiden sich westliche und pakistanische Eheschließungen sehr voneinander. Bei einer westlichen gibt es typischerweise eine Feier, vielleicht auch zwei: eine nach der standesamtlichen Trauung, eine nach der kirchlichen. Es kommen vielleicht hundert Gäste, bei einer sehr großen Gesellschaft sind es auch mal dreihundert. Es geht fröhlich zu, oft bis in die Morgenstunden. Die Feierlichkeiten konzentrieren sich auf ein Wochenende, danach ist alles vorbei.

Eine pakistanische Hochzeit kann schon mal einen Monat dauern. Das Fest hat einen so hohen Stellenwert, dass Familien sich dafür häufig hoch verschulden. Selbst arme Familien scheuen sich nicht, Hunderte Menschen zu bewirten - und wenn sie Schulden in Höhe mehrerer Jahresgehälter aufnehmen müssen. Reiche Familien lassen sich das Fest auch schon mal hunderttausend Euro und mehr kosten.

Man heiratet nicht aus Liebe, sondern aus Notwendigkeit. Eine Ehe ist auch nicht die Vereinigung von zwei Menschen, sondern der Zusammenschluss von zwei Familien. Es geht um gemeinschaftliche Zukunftssicherung, nicht um individuelles Glück. Das Wohlergehen der Gruppe wird höher geschätzt als die Freiheit des Einzelnen.

Vielleicht will man weg aus Pakistan, und der künftige Partner ist im Besitz eines ausländischen Passes. Ein amerikanischer, kanadischer, britischer, australischer, deutscher Pass ist immer von Nutzen in Pakistan, eine Ausreiseversicherung für schwierige Zeiten.

Aber selbst wenn der oder die Auserwählte eine fremde Staatsangehörigkeit hat, stammt er oder sie ursprünglich auch aus Pakistan, denn natürlich heiratet man nur jemanden, der einen Bezug zu diesem Land hat. Jemanden, der gute Chapatis, Fladenbrote, genauso zu schätzen weiß und das gleiche Verständnis von Familie hat.

Man heiratet unter seinesgleichen, da muss man auf Feinheiten achten: Muslim ist schließlich nicht gleich Muslim, und neben den religiösen gibt es noch die kulturellen und ethnischen Identitäten. Manchmal sind Letztere sogar stärker als die religiösen.

Damit gewährleistet ist, dass die Tochter oder der Sohn auch wirklich den richtigen Partner bekommt, suchen ihn am besten die Eltern für ihr Kind aus. Das Prinzip heißt "arrangierte Ehe" und ist der Gegenentwurf von "Liebesheirat". Es geht um den Ausbau von familiären Strukturen, um die Sicherung von Einfluss und Macht, es soll zusammenwachsen, was zusammengehört, die Reichen bleiben unter Reichen, die Armen unter Armen.

Die passende Frau darf auch per Annonce gefunden werden

Eheanbahnung ist eine komplizierte Angelegenheit. Eine spätere Scheidung ist keine Option, zu beträchtlich wäre der Ansehensverlust, zu groß die Schande. Manchmal schalten verzweifelte Eltern - nie die potenziellen Ehepartner selbst - eine Kleinanzeige in einer Tageszeitung: "Wir suchen für unseren Sohn, Ingenieur, Punjabi, hellhäutig und groß gewachsen, eine gutaussehende, fürsorgliche Punjabi-Frau aus einer oberen Mittelschichtsfamilie. Unser Sohn besitzt die Greencard und wird vielleicht in den USA leben." Oder: "Für unseren Sohn, Major der Armee, suchen wir eine gebildete Paschtunin. Sie sollte sich um eine große Familie kümmern und gut kochen können."

Sich zu verlieben und ohne Zustimmung der Eltern zu binden, womöglich mit jemandem aus einer anderen sozialen Schicht oder, schlimmer noch, aus einer anderen Religion, gilt als selbstsüchtig, geradezu vulgär und beschämend. Romantik ist verpönt. In Filmen darf es sie natürlich geben, aber bitte nur dort. Es gibt eine Ausnahme: wenn ein Pakistaner es schafft, eine weiße Frau zu heiraten. Dann ist er ein Held. Weiße Frauen gelten als begehrenswert, und so mancher Pakistaner hält sie für verrucht und zu allem bereit.

Absurde Fragen im Buchladen

Wenn meine Frau Janna und ich in Pakistan unterwegs waren, nickten mir manchmal wildfremde junge Männer zu. Es gab anerkennende Blicke, es fehlte nur, dass sie mir auf die Schulter klopften. Ich musste mich daran gewöhnen, dass sie mich für einen echt coolen Typen hielten, der es geschafft hatte, sich eine Weiße zu angeln.

An einem heißen Sommertag flüchteten wir nach dem Wochenendeinkauf in das Buchgeschäft Saeed Book Bank in Islamabad. Die Klimaanlagen liefen, und so konnte man sich, von Büchern umgeben, von den Einkaufsstrapazen erholen. Ich trug die Einkäufe, Janna schlenderte durch die Gänge, auf der Suche nach einem Buch.

Ein junger Verkäufer kam auf mich zu. Mit leiser Stimme fragte er mich: "Entschuldigung, darf ich dich etwas fragen?"

"Klar, was gibt's?"

"Was zahlt dir diese Frau eigentlich?"

Was jemand verdient, fragt man in Pakistan ziemlich ungeniert. Aber dass mich ein Verkäufer so direkt ansprach, irritierte mich doch. Es dauerte ein paar Sekunden, bis mir klar wurde, worauf er hinauswollte: Er hielt mich für einen pakistanischen Bediensteten, für denjenigen, der Madam herumkutschiert und ihre Einkaufstaschen trägt.

"Geh am besten zu ihr und frag sie", antwortete ich.

Er schaute mich erwartungsvoll an.

"Vielleicht kannst du auch gleich eine Gehaltserhöhung für mich durchsetzen."

Nun guckte er irritiert.

"Mensch, das ist meine Frau! Wofür soll die mich bezahlen?"

Er grinste peinlich berührt, hielt sich die Hand vors Gesicht und schüttelte den Kopf.

"Sorry, Sir, sorry. Ich wusste nicht … Ich hätte nicht gedacht, dass …"

Ohne seinen Satz zu Ende zu führen, drehte er sich um und verschwand.

Ein paar Wochen später traf ich ihn wieder im Geschäft. Er kam langsam auf mich zu, und ich sah, dass ihm etwas auf dem Herzen lag.

"Sir", fing er an, denn mit dem Duzen war es für ihn jetzt vorbei, "entschuldigen Sie, aber darf ich Sie noch einmal etwas fragen?"

Was jetzt wohl wieder kam?

"Ist Ihre Frau eigentlich Muslimin?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Und Sie sind richtig verheiratet, mit Trauschein und so?"

Ich nickte.

Er guckte mich mit offenem Mund an. Man sah ihm an, dass für ihn eine Welt zusammenbrach: ein Pakistaner, ein Muslim, wie er annahm, der mit einer Weißen verheiratet war und nicht dafür gesorgt hatte, dass seine Frau zum Islam konvertierte!

"Aber das geht doch nicht!"

"Nun ja, wir haben vor ein paar Jahren geheiratet, in Deutschland …"

"Ach, in Deutschland!", unterbrach er mich. "Dann ist mir alles klar. Hier in Pakistan wäre das nicht denkbar, Sie als Pakistaner und dann mit einer Ausländerin, die nicht einmal Muslimin ist."

Manche wohlmeinenden Pakistaner, ebenfalls meist Fremde, ließen mich wissen, es sei gut, dass ich eine Deutsche geheiratet hätte, denn deutsche Ehefrauen seien treu und loyal. Ich hörte das über die Jahre mindestens 20-mal. Diese Begriffe fielen immer im Zusammenhang mit deutschen Frauen.


Lust auf mehr "Plötzlich Pakistan"? Hier geht es zu einem weiteren Kapitel: "Der alte Mann und die Jahrhundertflut"

Gespräch mit einem Jungen, der sich in die Luft sprengen will: Mehr aus "Plötzlich Pakistan"

Lesungstermine

    Stade
    Montag, 28. September 2015
    Buchpremiere mit Hasnain Kazim
    Zeit: 20 Uhr
    Ort: Buchhandlung Friedrich Schaumburg, Große Schmiedestraße 27

    Saarbrücken
    Dienstag, 29. September 2015
    Lesung/Gespräch mit Hasnain Kazim
    Zeit: 19.30 Uhr
    Ort: Stadtbibliothek, Lesecafé, Gustav-Regler-Platz 1

    Heilbronn
    Donnerstag, 1. Oktober 2015
    Lesung/Gespräch mit Hasnain Kazim
    Zeit: 20 Uhr
    Ort: OSIANDER, Fleiner Str. 3


    wird fortgesetzt


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