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Helikopter-Einsatz in Libyen: Verwundbare Kampfmaschinen

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Sie fliegen tief, können Freund und Feind besser unterscheiden als Kampfjets - schon bald sollen Nato-Hubschrauber gegen Libyens Diktator Gaddafi zum Einsatz kommen. Doch sind sie das richtige Mittel? Die Maschinen sind hocheffizient. Aber auch ein leichtes Ziel.

Kampfhubschrauber im Libyen-Krieg: Mit "Apache" und "Tiger" gegen Gaddafi Fotos
AP

Hamburg - Frankreich und Großbritannien forcieren offenbar einen Kurswechsel im militärischen Vorgehen gegen die Streitkräfte von Machthaber Muammar al-Gaddafi: Schon ab dieser Woche sollen Kampfhubschrauber die Luftschläge unterstützen. Sie könnten präzise Attacken gegen die Regierungstruppen fliegen und damit die stockende Mission vorantreiben.

"Wir wollen genauere Treffer am Boden. Deshalb schicken wir Helikopter nach Libyen", erklärte Frankreichs Außenminister Alain Juppé in Brüssel. Aus dem britischen Verteidigungsministerium hieß es, eine Entscheidung sei bisher noch nicht gefallen. Auch die Nato konnte einen Kampfhubschrauber-Einsatz nicht bestätigen. Es befänden sich zwar zahlreiche Maschinen in der Krisenregion oder seien auf dem Weg dorthin - unter dem Befehl der Nato befänden sie sich zurzeit aber nicht.

Trotz dieser Einschränkungen verdichten sich die Anzeichen für einen baldigen Einsatz der Helikopter. Nach übereinstimmenden Meldungen britischer Medien sind für die Libyen-Mission insgesamt 18 Hubschrauber vorgesehen:

  • Zwölf französische "Tiger"- und "Gazelle"-Hubschrauber befinden sich seit Dienstag an Bord der "BPC Tonnerre" auf dem Weg nach Libyen.

  • Drei britische "Apaches" sind auf der "HMS Ocean" im südöstlichen Mittelmeer eingetroffen. Die Besatzung hat auf Zypern für den Einsatz trainiert.

  • Ein weiterer "Apache" soll Ende der Woche in der Krisenregion eintreffen.

  • Zwei "Apaches" stehen in Großbritannien auf Abruf bereit.

Nach Ansicht von Benjamin Barry, Militär-Analyst beim Internationalen Institut für strategische Studien (IISS) in London, erhöht der Einsatz von Hubschraubern die Schlagkraft der westlichen Truppen dramatisch. "Die Maschinen können viel tiefer und deutlich langsamer operieren als Kampfflugzeuge. Ihre Raketen und Kanonen machen sie zu Präzisionswaffen, während Flugzeuge eher großflächig bombardieren", sagte Barry SPIEGEL ONLINE. Opfer unter der Zivilbevölkerung, vom Gaddafi-Regime immer wieder medienwirksam dokumentiert, könnten mit solch genau koordinierten Aktionen minimiert werden.

Exakte Attacken gegen Luftabwehr möglich

Besonders gegen mobile Einheiten der Gaddafi-Armee, die häufig ihren Standort wechseln, könnten die Hubschrauber entscheidende Luftschläge landen, so Barry. Entsprechende Erfahrungen habe man bei zahlreichen "Apache"-Einsätzen in Afghanistan gemacht. Obwohl große Teile der libyschen Luftabwehr als zerstört gelten, bergen gerade diese mobilen Waffensysteme noch immer ein großes Risiko für die Nato-Flugzeuge.

Aber selbst gegen Einzelpersonen, wie etwa Scharfschützen, können "Apaches" effektiv vorgehen. Auch dies hat der Afghanistan-Einsatz belegt, hier besonders in dichtbesiedelten Gebieten. Die Maschinen sind unter anderem mit sogenannten "Hellfire"-Raketen und 30-Millimeter-Geschützen bewaffnet.

Ein weiterer Vorteil der Kampfhubschrauber: Genauso wie die französischen "Tiger"-Modelle sind die "Apache"-Maschinen mit moderner Nachtsichttechnik ausgerüstet, so dass Attacken auch im Schutz der Dunkelheit möglich sind. "In Kombination mit Flugzeugen und bewaffneten Drohnen erweitern die Hubschrauber die Angriffsoptionen des Westens enorm", fasst Analyst Barry zusammen.

Militärexperten sehen in dem Hubschrauber-Einsatz eine vorbereitende Maßnahme für künftige Operation am Boden. Tatsächlich hat Frankreich bereits durchblicken lassen, dass Elitesoldaten immer häufiger auch Missionen auf libyschem Gebiet durchführen werden. Vor allem bei der Sichtung von Zielen für Luftangriffe leisten geheime Aufklärungstrupps schon heute wertvolle Dienste. Gesicherte Angaben über die Stärke der am Boden eingesetzten Einheiten gibt es aber nicht.

Hubschrauber schweben in großer Gefahr

Im schlimmsten Fall könnte die Entsendung der Hubschrauber tatsächlich schon bald einen Bodeneinsatz erzwingen: eine Rettungsmission, wenn nämlich ein Helikopter über libyschem Staatsgebiet abstürzen oder abgeschossen werden sollte. Das Risiko eines solchen Vorfalls ist beträchtlich. Die größten Vorteile der Hubschrauber - langsames Manövrieren und die Fähigkeit zum extremen Tiefflug - machen die Maschinen zu Zielen für die Luftabwehr Gaddafis.

Mehr noch: Ihre geringe Flughöhe bringt die Hubschrauber in Reichweite tragbarer Waffensysteme oder sogar einfacher Handfeuerwaffen. "Gerade die 'Apaches' sind zwar in der Lage, hinter großen Gebäuden oder in Bodensenken Schutz zu suchen, anfällig für Luftabwehr sind sie trotzdem", so Militäranalyst Barry.

Wie sensibel die Hightech-Fluggeräte im Einsatz reagieren können, zeigte zuletzt die US-Mission, die zur Tötung des Top-Terroristen Osama Bin Laden führte. Bei der nächtlichen Aktion musste das Spezialkommando der Navy Seals einen Hubschrauber zurücklassen. Nach US-Angaben versagte der Helikopter aus technischen Gründen den Dienst. Hartnäckig hält sich jedoch die Vermutung, dass ein Beschuss der Bin-Laden-Wachen die Notlandung provoziert haben könnte.

Am dramatischsten wurden die Grenzen der modernen Kampfhubschrauber wohl während der "Schlacht von Mogadischu" aufgezeigt. Zwei tieffliegende US-amerikanische "Black Hawk"-Hubschrauber wurden 1993 über der somalischen Stadt abgeschossen. Getroffen wurden sie durch tragbare Raketenwerfer, wie sie ähnlich noch heute von der libyschen Armee verwendet werden.

18 Mitglieder einer US-Spezialeinheit kamen bei dem missglückten Einsatz ums Leben. Der Vorfall in der ostafrikanischen Metropole lieferte Hollywood-Regisseur Ridley Scott die Vorlage für das Kriegsdrama "Black Hawk Down" - und war einer der Auslöser für den Abzug der US-Truppen aus Somalia.

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insgesamt 158 Beiträge
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1. Titel
thrasybulos 25.05.2011
Zitat: "Ihre geringe Flughöhe bringt die Hubschrauber in Reichweite tragbarer Waffensysteme oder sogar einfacher Handfeuerwaffen." Naja, einfache Handfeuerwaffen verfügen über zu wenig Feuerkraft, um die recht starke Panzerung von Tiger und Apache zu durchschlagen. Zum Teil sind diese beschußsicher gegen Kaliber 23mm! Viel gefährlicher sind tragbare Systeme vom Typ "Stinger" oder vergleichbare russische Systeme. Das haben die Sowjets schon in Afghanistan feststellen müssen. Sollten die westlichen Hubschrauber in größerer Zahl abgeschossen werden, wird man, vermute ich, den Einsatz dieser abblasen.
2. Oh je
LDaniel 25.05.2011
Zitat von sysopSie fliegen tief, können Freund und Feind besser unterscheiden als Kampfjets - schon bald sollen Nato-Hubschrauber gegen Libyens Diktator Gaddafi zum Einsatz kommen. Doch sind sie das richtige Mittel? Die Maschinen sind hocheffizient. Aber auch ein leichtes Ziel. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,764638,00.html
Was für "Experten" wurden denn da befragt? Auf einmal ist ein MH-60, der Bodentruppen absetzt und dafür länger in der Luft/auf dem Boden stehen muss ein Kampfhubschrauber? Apache und Tiger sind gegen Kleinwaffen gepanzert, wendiger und müssen nicht lange an schwierigen Stellen stehen zum Be-/Entladen. Was bei Mogadishu und bei Bin-Laden der Fall war... . Sicher, eine Stinger KANN hier gefährlich werden, aber die Chancen einen Kampfhubschrauber mit einer RPG zu treffen liegen irgendwo in der Nähe von nem Lottogewinn...
3. Bodentruppen
leser_81 25.05.2011
"Militärexperten sehen in dem Hubschrauber-Einsatz eine vorbereitende Maßnahme für künftige Operation am Boden." Na viel Spaß ! Hat man denn aus dem Destaster aus Afghanistan und Irak gar nix gelernt? Diese Leute wollen keine Westlichen Truppen dort (außer ein paar Rebellen) Die Lage ist immer noch sehr unübersichtlich und mir scheint, dass die Rebellen zunehmend weniger werden. Wieviele junge Soldaten sollen denn noch für ausländische Interessen ihr Leben sinnlos im Krieg verlieren ? Wacht endlich auf !
4. Collateral Murder
spon-1247816947957 25.05.2011
Wie gut und effizient solche Waffensysteme arbeiten hat bereits Wikileaks unter dem Titel "Collateral Murder" trefflich dokumentiert. Einfach mal googeln.
5. Freund und Feind unterscheiden
Ohli 25.05.2011
Zitat von sysopSie fliegen tief, können Freund und Feind besser unterscheiden als Kampfjets - schon bald sollen Nato-Hubschrauber gegen Libyens Diktator Gaddafi zum Einsatz kommen. Doch sind sie das richtige Mittel? Die Maschinen sind hocheffizient. Aber auch ein leichtes Ziel. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,764638,00.html
Dann dürfen wir uns bald wieder auf Videos wie diese "freuen"?. http://www.stern.de/politik/ausland/wikileaks-video-von-us-einsatz-los-lass-uns-schiessen-1556472.html
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Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

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