Völkermord an Herero und Nama Streit über Gedenkakt zur Rückgabe historischer Gebeine

In dieser Woche werden 15 Schädel und Knochenteile, die deutsche Kolonialisten in Namibia raubten, zurückgegeben. Um den Festakt und eine Mahnwache davor gibt es nun Ärger.

Zwei Schädel aus dem früheren Deutsch-Südwest-Afrika bei einer Rückgabe in Berlin (2011)
DPA/ Berliner Kurier

Zwei Schädel aus dem früheren Deutsch-Südwest-Afrika bei einer Rückgabe in Berlin (2011)


Am Mittwoch werden zum dritten Mal sterbliche Überreste von Herero und Nama aus der deutschen Kolonialzeit, die Anfang des 20. Jahrhunderts nach Deutschland gebracht wurden, an die namibische Regierung übergeben.

Doch über den offiziellen Festakt in Berlin ist nun ein Streit zwischen deutschen Aktivisten und der namibischen Regierung entbrannt: Die Teilnahme einer Gruppe der Initiative "Völkermord verjährt nicht" steht nach SPIEGEL-Informationen auf der Kippe.

In einer E-Mail der namibischen Botschaft vom Freitag, die dem SPIEGEL vorliegt, heißt es, Namibias Regierung mache "von ihrem demokratischen Recht Gebrauch", den Wunsch auf Teilnahme von 44 Mitgliedern der Gruppe zurückzuweisen. Es gehe darum "den würde- und respektvollen Ablauf" des Festakts zu wahren, heißt es im Absageschreiben des Botschafters.

Hintergrund ist offenbar eine von den deutschen Aktivisten organisierte Mahnwache am Mittwoch vor der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin, in der der eigentliche Festakt stattfinden soll. Der Gruppe waren zuvor 25 Plätze in der Kirche angeboten worden, die versuchte Anmeldung von 44 Teilnehmern wurde dann am Freitagnachmittag negativ beschieden. Mahnwachen sind am Mittwoch auch in München und Leipzig geplant.

Bei dem offiziellen Festakt am Mittwoch werden 15 Menschenschädel, Knochenteile und ein Skalp übergeben. Die meisten Stücke stammen aus einer anthropologischen Sammlung des Berliner Universitätsklinikums Charité, weitere Stücke aus Sammlungen in Jena, Greifswald und Witzenhausen.

Bereits 2011 und 2014 waren sterbliche Überreste an eine namibische Delegation zurückgegeben worden. In Deutschland liegen aber noch Tausende Schädel und anderen Knochen aus deutschen Kolonien in Afrika und Asien. Sie wurden von sogenannten Rasseforschern und Sammlern gekauft oder gestohlen und lagern nach wie vor an deutschen Museen, Kliniken oder in Privatsammlungen.

Kopp: Übergabe müsste "im Bundestag stattfinden"

Das Berliner Bündnis "Völkermord verjährt nicht" kritisiert außerdem Form und Ort der Übergabe an eine namibische Regierungsdelegation. Sie müsse "im Bundestag stattfinden und von einer offiziellen Entschuldigung für Deutschlands koloniale Unrechtsherrschaft" begleitet werden, sagte der Berliner Historiker Christian Kopp vom NGO-Bündnis.

Herero in Ketten unter deutscher Kolonialherrschaft (Bild vermutlich aus dem Jahr 1914)
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Herero in Ketten unter deutscher Kolonialherrschaft (Bild vermutlich aus dem Jahr 1914)

Kopp forderte zudem staatliche Entschädigungen an die Hinterbliebenen des Vernichtungskriegs, den deutsche Kolonialtruppen von 1904 bis 1908 im damaligen Deutsch-Südwest-Afrika gegen die Volksgruppen der Herero und Nama führten.

Bereits am Montag trifft sich eine Delegation unter Leitung der namibischen Kulturministerin Katrina Hanse-Himarwa zu politischen Gesprächen in Berlin. Die deutsche Regierungsseite vertritt Michelle Müntefering, Staatsministerin für internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt.

Berliner Justizsenator lädt Herero-Aktivisten ein

Parallel dazu besuchen Herero- und Nama-Aktivisten, sowie der Historiker Christian Kopp und der Menschenrechtsanwalt Wolfgang Kaleck den Berliner Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne). Auch dort sollen der Völkermord und die Rückgabe von Gebeinen Thema sein.

Ebenfalls in Berlin sein wird Herero-Chief Vekuii Rukoro mit Anhängern, die Gruppe ist bislang nicht am Versöhnungsprozess der offiziellen namibischen Seite mit Deutschland beteiligt sind. Rukoro hatte deshalb die Bundesrepublik Anfang 2017 vor einem US-Zivilgericht in New York auf Entschädigung und auf eine Beteiligung an den Gesprächen verklagt.

Die offiziellen Gespräche über eine Anerkennung des Völkermords und um eine mögliche Entschuldigung zwischen Bundesregierung und namibischer Regierung sind seit geraumer Zeit festgefahren. Aktuelle deutsche Position: Man erkenne einen "historischen Völkermord" an, lehnte Reparationszahlungen aber bislang entschieden ab. Dafür fehle die völkerrechtliche Grundlage, argumentiert die Bundesregierung.

Im Jahr 1904 hatte der damalige deutsche Gouverneur der Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika, Lothar von Trotha, die Vernichtung des Volksstamms der Herero angeordnet. Mindestens 60.000 Herero wurden daraufhin getötet. Diese hatten es zuvor gewagt, sich in dem heutigen Namibia gegen Landraub und Willkürherrschaft der deutschen Kolonialherren aufzulehnen.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels hieß es, die Ausladung der Aktivisten durch die namibische Botschaft beziehe sich auch auf den gewählten Herero-Repräsentanten Vekuii Rukoro. Vom Festakt ausgeschlossen sind allerdings die Aktivisten der Gruppe "Völkermord verjährt nicht". Wir haben die entsprechenden Stellen und die Überschrift angepasst.

cht/AFP



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