Hilferuf im TV Entführte Hassan fordert Abzug der Briten aus Irak

Sie sitzt vor einer weißen Wand, schlägt die Hände vors Gesicht, weint. Die im Irak entführte Britin Margaret Hassan hat in einem Video an Großbritanniens Premier Blair appelliert, seine Soldaten aus dem Irak abzuziehen. Außenminister Straw nannte die Aufnahme erschütternd. Der Forderung nachgeben will die Regierung nicht.


Margaret Hassan: Verzweifelte Bitte nach London
AP

Margaret Hassan: Verzweifelte Bitte nach London

Kairo/Bagdad - "Bitte helft mir, dies könnten meine letzten Stunden sein", sagte die 59-jährige Hassan von Weinkrämpfen geschüttelt in dem Video, von dem der arabische Fernsehsender al-Dschasira heute Ausschnitte zeigte. Sie forderte zudem den Abzug der britischen Armee aus dem Irak.

Hassan hat die britische und irakische Staatsbürgerschaft und war die Chefin des Irak-Einsatzes der Hilfsorganisation Care. Sie war am Dienstag in Bagdad auf dem Weg zur Arbeit verschleppt worden. Hassan lebt nach Angaben ihrer Organisation seit 30 Jahren im Irak. Sie ist mit einem Iraker verheiratet.

Ihr Mann, Tahsin Ali Hassan, sagte: "Ich weiß nicht, wer sie entführt hat, aber die Entführer sollten wissen, dass meine Frau fast ihr ganzes Leben für die irakische Bevölkerung gearbeitet hat und sich selbst als Irakerin bezeichnet."

In dem Video sagte Hassan, sie habe Angst, dass sie möglicherweise das Schicksal der britischen Geisel Kenneth Bigley teilen werde. Bigley, der ähnlich um sein Leben gefleht hatte wie Hassan, wurde von seinen Kidnappern geköpft, nachdem auch er die britische Regierung aufgefordert hatte, ihm zu helfen, indem sie den Forderungen der Entführer nachgibt.

Schon vor dem heutigen Video hatte der Fernsehsender al-Dschasira Aufnahmen von Hassan gezeigt, wie sie in einem Raum sitzt und sichtlich verängstigt wirkt. Zu den Bildern gab es keinen Ton. Der Sender gab an, eine Gruppe habe sich zu der Entführung bekannt, jedoch weder einen Namen genannt noch Bedingungen gestellt.

Hassan ist die achte Frau, die im Irak entführt wurde. Bisher kamen alle frei, erst kürzlich zwei italienische Helferinnen nach drei Wochen Geiselhaft. Mindestens 35 ausländische Geiseln wurden jedoch getötet, viele von ihnen wurden - wie Bigley - enthauptet.

Großbritannien lehnt Verhandlungen ab

Der britischen Regierung ist das Video bekannt, zu dem Appell an Blair Stellung nehmen wollte sie allerdings nicht. Die Rückzugsforderung wurde in London als ein erster Hinweis darauf gewertet, dass die Entführung der Britin politische Motive hat.

In Londoner Regierungskreisen wurde noch einmal betont, dass die britische Regierung Verhandlungen mit Entführern ablehnt. Bisher ist nicht bekannt, welche Gruppe für die Geiselnahme von Hassan verantwortlich ist.

Außenminister Jack Straw bezeichnete die Videobotschaft als "erschütternd". In einer in London veröffentlichten Erklärung forderte Straw die sofortige Freilassung Hassans. Er erklärte, er habe das größte Mitgefühl für die Familie der Entführten. "Wir hoffen, dass alle Iraker mit uns zusammen ihre sofortige Freilassung fordern."

Auch der irische Ministerpräsident Bertie Ahern appellierte an die Entführer, ihre Geisel freizulassen. Die Entführung Hassans sei ein "grausamer und schockierender Akt", hieß es in einem in Dublin veröffentlichten "persönlichen Appell" Aherns. Hassan wurde in Dublin geboren. Sie habe sich viele Jahre lang selbstlos für ihre Landsleute im Irak eingesetzt, erklärte Ahern. "Ich appelliere im Namen der Regierung und der Bevölkerung von Irland an die Geiselnehmer, sie sofort freizulassen."

Die britische Regierung hatte diese Woche beschlossen, mehrere hundert Soldaten auf Bitten der USA hin aus dem Süden des Irak in die amerikanische Zone zu verlegen. Die Einheiten sollen südlich von Bagdad stationiert werden und die GIs unterstützen.



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