Hilfsorganisationen in Syrien: Assads Feldzug gegen die Retter

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Tonnen von Hilfsgütern stehen in Homs bereit - doch das Rote Kreuz wird seit Tagen an der Zufahrt in die syrische Rebellenhochburg gehindert. Angeblich sollen die Helfer so vor Sprengsätzen bewahrt werden. In Wahrheit will die Assad-Armee offenbar keine Zeugen bei ihren "Reinigungsaktionen".

AFP

Damaskus - Bab Amr gleicht einer Geisterstadt. Verwackelte TV-Bilder zeigen ausgebombte Straßenzüge in der syrischen Widerstandshochburg. Der wochenlange Beschuss durch die Assad-Armee hat tiefe Wunden in dem Stadtteil von Homs hinterlassen. Doch der verlassene Eindruck täuscht: In Bab Amr leben noch immer Menschen, denen es inzwischen selbst am Nötigsten fehlt. Nahrung, Medikamente, Decken - alles ist inzwischen Mangelware in der ehemaligen Rebellenhochburg.

Dabei stehen genau diese Hilfsgüter bereit, nur wenige Kilometer von Bab Amr entfernt. Seit vier Tagen warten dort sieben Lastwagen des Internationalen Roten Kreuzes (ICRC) und des Roten Halbmonds auf die Erlaubnis, ihre rettende Fracht endlich in das Krisengebiet bringen zu dürfen. Doch die Soldaten der Assad-Armee bleiben hart: Das Viertel ist abgeriegelt - und daran wird sich vorerst auch nichts ändern.

Angesichts der verzweifelten Lage vieler Bewohner in Bab Amr ist die Begründung für diese Blockade zynisch: Aus Sicherheitsgründen müssen die Retter vorerst draußen bleiben, ebenso wie ihre 15 Tonnen Hilfsgüter. Überall im Viertel hätten die Rebellen Sprengsätze versteckt, bevor sie sich am vergangenen Donnerstag zurückzogen. Solange nicht alle Bomben entschärft seien, könne man einen Zugang nicht verantworten.

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Rotes Kreuz in Homs: Schikane gegen die Helfer
Damit stellen sich die Truppen vor Ort gegen die Anweisung der Assad-Regierung, die dem Roten Kreuz zumindest offiziell den Zutritt nach Bab Amr erlaubt hat. Komplett machte die Verwirrung eine Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur Sana am Montag, in der von "Reparaturarbeiten" im Viertel die Rede ist. Bei Sana hieß es: "Die Reparaturteams haben damit begonnen, die Straßen und Dienstleistungsbehörden wieder instandzusetzen sowie die Straßensperren zu entfernen, die von den Terroristen in dem Gebiet errichtet worden waren."

Erst die Erlaubnis, dann ein Zufahrtsverbot. Erst die Warnung vor Sprengsätzen, nun angebliche Straßenbauarbeiten: Internationale Beobachter gehen jedoch von einem taktischen Verwirrspiel aus. Demnach will sich die syrische Armee dadurch unliebsame Zeugen ihrer Gewalttaten vom Leib halten. Schon während der Belagerung des Viertels hatten die Assad-Schergen angekündigt, Bab Amr nach einer Eroberung von Aufständischen "säubern" zu wollen.

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Krieg in Syrien: Schaukeln neben Gräbern
Nun sind diese "Reinigungsaktionen" - Verhaftungen, angeblich aber noch öfter Hinrichtungen - offenbar in vollem Gange. Immer wieder berichten geflohene Aufständische von Massakern innerhalb der Grenzen von Bab Amr. Erst wenn die Assad-Soldaten ihre grausige Mission erfüllt haben, so die Befürchtung, könnte der Hilfskonvoi eine Zufahrtserlaubnis bekommen. Die Augenzeugenberichte sind nicht zu verifizieren, da sämtliche Kommunikationsleitungen in den früheren Rebellenstützpunkten während der Schlacht um Bab Amr gekappt wurden.

Rotes Kreuz spannt Versorgungsring um Bab Amr

In ihrer Verzweifelung haben sich die Helfer des Roten Kreuzes auf eine neue Strategie verlegt - die Unterstützung der Flüchtlinge aus Bab Amr: "Wir versuchen nun, die angrenzenden Stadtteile zu erreichen. Dort sind viele Vertriebene aus Bab Amr untergekommen", sagte ICRC-Sprecher Hicham Hassan zu SPIEGEL ONLINE. Am Montag sei es gelungen, in zwei weitere Viertel in unmittelbarer Nachbarschaft vorzudringen. Auch hier seien die Beschädigungen an Häusern und Infrastruktur nach inzwischen rund elf Monaten Konflikt erheblich - wenn auch weniger katastrophal als in Bab Amr.

Der Frust bei den Rettern wächst angesichts der Dauerblockade ständig: "Wir haben inzwischen genug Hilfsgüter für mehrere tausend Menschen vor Ort. Nun geht es nur noch darum, die Bedürftigen auch zu erreichen. Besonders bei der medizinischen Erstversorgung sind die Zustände vor Ort dramatisch", so Hassan weiter. 17 internationale Mitarbeiter des Roten Kreuzes sind in Syrien im Einsatz, unterstützt von rund 50 lokalen Mitarbeitern des Roten Halbmonds.

Schnee in Homs - und weder Strom noch Heizung

Auch die internationalen Reaktionen auf das Vorgehen der syrischen Armee sind so eindeutig wie heftig. Der britische Premier David Cameron nannte die Zustände in Homs eine "Rückkehr zu mittelalterlicher Barbarei". Uno-Sonderbotschafter Kofi Annan warnte Syrien davor, "seinen gewalttätigen Weg weiterzugehen". Am 10. März wird Annan selbst nach Damaskus reisen, um vor Ort über ein Ende der Gewalt zu verhandeln.

Ahmet Davutoglu, türkischer Außenminister, verglich die Situation mit den Massakern des Balkankrieges in den neunziger Jahren: "Für mich sieht das immer mehr aus wie in Sarajevo oder Srebrenica. Das scheint die Richtung zu sein, in die sich die Lage in Syrien entwickelt." Serbische Einheiten hatten 1995 in Srebrenica rund 8000 bosnische Bewohner getötet. Auch damals konnte der westliche Protest ein Massaker nicht verhindern.

Noch gibt es keinen offiziellen Zeitplan, wann endlich Hilfslieferungen nach Bab Amr gebracht werden können. Klar ist jedoch, dass die Situation immer dramatischer wird. Das Stromnetz ist seit langem ausgefallen, die wenigsten Bewohner können Häuser und Wohnungen noch beheizen. Gleichzeitig lagen die Nachttemperaturen zuletzt unter dem Gefrierpunkt. Am Wochenende hat es in Homs geschneit.

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insgesamt 48 Beiträge
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1. Absolt inakzeptabel
citropeel 05.03.2012
Zitat von sysopTonnen von Hilfsgütern stehen in Homs bereit - doch das Rote Kreuz wird seit Tagen an der Zufahrt in die syrische Rebellenhochburg gehindert. Angeblich sollen die Helfer so vor Sprengsätzen bewahrt werden. In Wahrheit will die Assad-Armee offenbar keine Zeugen bei ihren "Reinigungsaktionen". Hilfsorganisationen in Syrien: Assads*Feldzug gegen die Retter - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819346,00.html)
Für mich ist die Weigerung Chinas und Russlands Assad am Mord an der syrischen Bevölkerung mittels einer Resolution zu hindern absolut inakzeptabel. Jedes machtpolitisches Taktieren ist einfach nur noch fehl am Platze.
2.
fussball11 05.03.2012
Ich wünschte man hätte sich damals nur annähernd so viel Sorgen um Falludscha gemacht . Waren die Rebellen in Falludscha von der gleichen Gesinnung wie die heute in Syrien? Ich weiß es nicht, Informationen sind heute trotz Internet Mangelware und man ist auf die vorgefertigten Meinungen der Medien angewiesen um dann zwischen den Zeilen zu lesen was wohl wirklich passiert. Eine Übung mit der unsere Mitbürger aus den neuen Bundesländern einfach mehr Erfahrung haben :-)
3. Bab Amr - das Srebrenica Syriens?
adal_ 05.03.2012
Zitat von citropeelFür mich ist die Weigerung Chinas und Russlands Assad am Mord an der syrischen Bevölkerung mittels einer Resolution zu hindern absolut inakzeptabel. Jedes machtpolitisches Taktieren ist einfach nur noch fehl am Platze.
In Wahrheit will die Assad-Armee offenbar keine Zeugen bei ihren "Reinigungsaktionen". (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819346,00.html) Nun, die Sicherheitsratsresolution - wäre sie zustande gekommen - hätte die Verbrechen wohl kaum verhindert. Immerhin haben die Chinesen und Russen die Gelegenheit verpasst, die Verbrechen des Regimes zu *ächten*. Sie haben sie damit indirekt gerechtfertigt und das Regime ermuntert, damit skrupellos fortzufahren.
4.
adal_ 05.03.2012
Zitat von fussball11Waren die Rebellen in Falludscha von der gleichen Gesinnung wie die heute in Syrien? Ich weiß es nicht
Aha. Sie wissen zwar nicht, was die syrischen Rebellen von den Falludscha-Brigaden im Irakkrieg unterscheidet, setzen sie aber trotzdem gleich.
5. Taktieren
tinosaurus 05.03.2012
Zitat von citropeelFür mich ist die Weigerung Chinas und Russlands Assad am Mord an der syrischen Bevölkerung mittels einer Resolution zu hindern absolut inakzeptabel. Jedes machtpolitisches Taktieren ist einfach nur noch fehl am Platze.
Dieses machtpolitische Paktieren bedeutet eben auch, dass man auch viele Tote in Kauf nimmt. Russland und China haben halt kein Problem, ihr wahres Gesicht zu zeigen.
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