Hillary 2008 Bremsklötze am Clinton-Express

Hillary Clintons Präsidentschaftskandidatur gerät ins Trudeln, bevor sie offiziell ist. Immer mehr Demokraten fürchten, dass die frühere First Lady unwählbar ist. Doch Clinton wird sich kaum beirren lassen - schließlich hat sie mehr Geld in der Wahlkampfkasse als jeder Rivale.

Von , New York


New York - Wer in den USA Präsident werden will, kommt an Jean Lloyd-Jones nicht vorbei. Die 76-jährige Parteiaktivistin mit dem Zuckerwattehaar gehört zum Urgestein der US-Demokraten in Iowa. Sie kämpfte vor vielen anderen für Bürgerrechte und Gleichstellung, gründete das Iowa Peace Institute und ist die bisher einzige Frau aus dem Midwest-Staat, die für den Senat kandidierte, wiewohl erfolglos.

Hillary Clinton: Abgekühlte Emotionen bei den Demokraten
REUTERS

Hillary Clinton: Abgekühlte Emotionen bei den Demokraten

Eine Niederlage prophezeit Lloyd-Jones nun aber auch Hillary Clinton, sollte die sich ums Weiße Haus bewerben. "Ich hoffe, dass sie nicht kandidiert", sagt Lloyd-Jones. "Ich weiß nicht, ob ich sie unterstützen würde." Denn Clinton, so fürchtet die Parteiveteranin, sei unwählbar, da "eine zu polarisierende Figur".

Das wäre zunächst nur eine Einzelmeinung in einer Oppositionspartei, die seit Jahren keine gemeinsame Stimme findet. Doch erstens ist Lloyd-Jones in Iowa wer, und zweitens maßt sich Iowa an, bei Präsidentschaftswahlen als erster Vorwahlstaat Kandidaten erheben oder zerstören zu können, bevor es richtig losgeht.

Und da stehen die Zeichen schlecht für "Madam Senator" Clinton, die frühere First Lady und, so schien es bisher zumindest, größte Hoffnungsträgerin ihrer Partei. Eine Umfrage der einflussreichen Lokalzeitung "Des Moines Register" ermittelte jetzt, dass die Iowa-Demokraten für 2008 jemand anderen bevorzugen: John Edwards, den alten Vize-Kandidaten von 2004. Für den erklärten sich in einer inoffiziellen Vor-Vorwahl 30 Prozent der Linken dort; Clinton verbuchte dagegen knapp 26 Prozent. Es ist das erste Mal überhaupt, dass ihr in der Sache einer den Rang abläuft.

"Clinton ist unvermeidlich"

Der kalten Dusche aus Iowa folgte eine zweite, landesweite Abkühlung. Das Harris-Institut veröffentlichte im Auftrag von CNN eine Umfrage, wonach fast jeder zweite Amerikaner (47 Prozent) in 2008 "ganz sicher nicht für Clinton stimmen" würde. Ihre Republikaner-Rivalen schnitten viel besser ab: Senator John McCain landete auf einer Negativ-Quote von nur 34 Prozent, der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani auf 30 Prozent.

Noch bevor sie offiziell ist, kommt Hillarys Clintons Präsidentschaftskandidatur ins Trudeln - nicht zuletzt bei den Demokraten selbst. "Ein Gefühl der Resignation, das fast an Fatalismus grenzt", stellte Tom Curry fest, ein Reporter des TV-Senders MSNBC, der sich bei "politisch aktiven Demokraten" nach Clinton umhörte. Die Retterin der Partei - plötzlich Nemesis?

Zwar ist es bis 2008 noch hin. Doch wo Image alles ist, können Unkenrufe schnell vernichten. Sicher, der "Clinton-Express", wie es Kolumnist Bob Herbert in der "New York Times" nannte, rast längst dahin. Kaum ein Demokrat zweifelt an ihrer Nominierung, trotz eines breiten Felds anderer Aspiranten, darunter die Senatoren Evan Bayh, Joe Biden und Russ Feingold, die Gouverneure Bill Richardson und Tom Vilsack sowie das Duo von 2004, John Kerry und John Edwards. "Clinton", sagt ein demokratischer Insider fast nörgelnd, "ist unvermeidlich."

Flirt mit Rupert Murdoch

Kandidieren ja - doch gewinnen? Die Parteifreunde zeigen sich immer skeptischer über Clintons tatsächlichen Siegeschancen. Bezeichnend war da eine neuliche Umfrage in ihrem Heimatstaat New York, wo Clinton enorm populär ist. 60 Prozent der Befragten sind dort demnach überzeugt, dass sie in den Ring steigen wird. Doch 66 Prozent aller Wähler - und 57 Prozent der Demokraten - glauben zugleich nicht, dass sie auch gewinnt.

Nicht nur Clintons Votum für den Irak-Einmarsch 2003, an dem sie bis heute festhält, und ihre Weigerung, sich den jüngsten Rufen nach einem Truppenabzug anzuschließen, vergrätzt die Linken. Hillary Clinton besetzt bewusst konservative Positionen: Etwa ihr jüngster Einsatz für einen Verfassungszusatz, der das Abfackeln des Sternenbanners verbieten soll. Oder ihr Flirt mit dem konservativen Medienzar Rupert Murdoch, der sich ihr als Spendensammler angedient hat. (Wobei schnell vergessen wird, dass Murdoch vor sechs Jahren auch Al Gore unterstützte.)

40 Millionen Dollar gesammelt

Clinton übt, worin ihr Gatte Meister war - die Kunst der "Triangulation", des exakten Vermessungswesens zwischen den politischen Polen. Sie zwinkert nach rechts, sie gurrt nach links. Im Senat ist sie für Spontan-Allianzen mit den Republikanern bekannt - zur Adoption, zum Datenschutz, zum Gesundheitswesen, wo sie sich mit Urfeind Newt Gingrich verbandelte.

Kein Wunder, dass sie kürzlich auf einer Tagung in Washington von Tausenden Demokraten ausgebuht wurde - während John Kerry Ovationen erhielt. Kein Wunder, dass Mark Warner, der beliebte Ex-Gouverneur von Virginia und ebenfalls ein möglicher Parteirivale für 2008, ihren landesweiten Appeal öffentlich anzweifelt. Kein Wunder, dass auch die alte Vasallen aus Hollywood abrücken, darunter George Clooney und Susan Sarandon, die sie als "große Enttäuschung" bezeichnet und in der Senatswahl ihren Konkurrenten unterstützt.

Doch Clinton geht es nicht um Sympathie, ihr geht es um Stimmen - ein klares Kalkül. Nur ein Drittel der Demokraten mag sich für sie erwärmen können, doch damit liegt sie trotzdem noch auf dem ersten Platz der parteiinternen Hitparade. Hinzu kommt, dass Clinton mit fast 40 Millionen Dollar bisher mehr als doppelt so viel in ihre Wahlkampfkasse gescheffelt hat wie jeder andere Rivale.



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