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Clintons Wahlkampfauftakt: Die Hochglanz-Kandidatin

Von , New York

AFP

Mit einer Kundgebung in New York ist Hillary Clinton offiziell in den US-Präsidentschaftswahlkampf eingestiegen. Der bis ins Detail inszenierte Auftritt zeigt: Sie will die Rivalen mit Pomp und Perfektion schlagen.

Roosevelt Island ist selbst vielen New Yorkern kaum bekannt. Dabei liegt es direkt in ihrer Mitte: Die schmale Insel im East River, nur per Seilbahn, U-Bahn oder eine enge Brücke erreichbar, bietet grandiose Ausblicke auf Manhattan. Der Norden besteht aus Mietskasernen, die Südspitze ist ein Park zu Ehren von Präsident Franklin Roosevelt, dem einstigen Architekten des amerikanischen Reform- und Sozialstaats.

Eine ideale Kulisse für die Demokratin Hillary Clinton. Als erste namhafte US-Politikerin überhaupt bemüht sich die Demokratin an diesem Samstag nach Roosevelt Island, um ihren Präsidentschaftswahlkampf anzustoßen. Bei der Kundgebung bleibt nichts dem Zufall überlassen. Es ist ein Vorgeschmack darauf, wie Clinton sich acht Jahre nach ihrem ersten Anlauf diesmal als perfekt produzierte Hochglanz-Kandidatin zu präsentieren sucht.

Wochenlang hat ihre Vorhut den Schauplatz ausgekundschaftet, hat den Widerstand der Anwohner ausgeräumt, die ein Kinderfest absagen mussten. Bühne, Rednerpult, die Tribüne für Claqueure und die Sternenbanner sind so gestaffelt, dass das neue World Trade Center dahinter zur symbolischen Fototapete wird (USA! USA!). Die Teleobjektive zur Linken, die den Gegenschnitt liefern, nehmen die Meisterwerke der Skyline ins Bild - Beispiele der Schaffenskraft Amerikas: Empire State Building, Chrysler Building, der restaurierte Uno-Campus.

Solches Kalkül ist Routine bei US-Wahlkämpfen. Doch Clinton treibt es auf die Spitze - vor allem so früh in diesem Rennen. Diese Kandidatin ist kein Underdog mehr: Der durchinszenierte Auftritt entblößt sie als aalglattes Markenzeichen eines Machtapparats. Die US-Newssender haben gar keine andere Wahl, als Clintons Choreografie mitzumachen.

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Clintons Wahlkampfauftakt: Pomp und Perfektion
Das Publikum auch nicht. Mehr als 5500 Menschen schwitzen und schwenken vorab verteilte US-Fähnchen, jubeln auf Kommando und scheinen zufrieden damit, den Bildhintergrund zu bilden. Es ist eine sehr jugendliche, sehr homogene, sehr weiße Masse, mit nur vereinzelt dunklen Gesichtern: Bis heute haben Clinton und nicht-weiße Wähler Berührungsängste.

Andere Fans sind von weit her angereist. "Sie hat so viel für Amerika geleistet", sagt Angelia Gordon, die mit einem Bekannten aus Florida gekommen ist. "Wir brauchen eine Frau mit Erfahrung im Weißen Haus." Gordons Tochter Olivia arbeitet als Terminplanerin für Clintons Team, "irgendwann wird sie selbst hier stehen und eine Rede halten".

Für die Studentin und Sozialarbeiterin Agata Dera ist dies der erste US-Wahlkampf, an dem sie aktiv teilnimmt. "Es gibt keine Alternative zu Clinton, alle anderen Demokraten sind zweite Wahl", sagt sie, während sie und ihre Freundin Carmen Perez vor der Skyline Selfies machen. "Und sie setzt sich für Schwulen- und Lesbenrechte ein."

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Aber auch das ist einkalkuliert - wie der Soundtrack. Zum Aufwärmen dröhnen Hits über die Wiese: "Happy", "Let's Get Loud", "Stronger" - mit dem Clinton-Mantra: "What doesn't kill you makes you stronger."

Dann erscheint sie: Klein, allein und im knallblauen Hosenanzug tippelt sie über den Laufsteg. "Wie meine Mutter", freut sich der New Yorker Aktivist Todd Fernandez, und die Menge skandiert: "Hillary! Hillary!"

"Wie wundervoll, bei euch zu sein!", ruft die und bewerkstelligt allein in den ersten drei Sätzen einen rhetorischen Rundumschlag - von ihren Jobs als Senatorin und Außenministerin über Roosevelts "Vision" und Barack Obamas Verdienste bis zur Präsidentschaft ihres Ehemannes, der absichtlich erst mal im Hintergrund bleibt. Damit ist die Erbfolge gezogen, in der sie sich sieht: Roosevelt, Clinton, Obama - Clinton II.

Schamlos instrumentalisiert sie die populistischen Schlüsselreize, die die Wähler locken sollen. Krankenschwestern, Müllmänner, Abtreibung, Schwulenehe, böse Republikaner, böse Hedgefonds-Manager. Ihr armer Großvater, ihr weniger armer Vater, ihre heldenhafte Mutter - und natürlich dauernd die Mittelklasse, wo der mythische Wähler lebt.

Die Außenpolitik bleibt außen vor. Am knackigsten ist der Verweis auf den 2. Mai 2011: "Ich saß im Situation Room, als wir Bin Laden kriegten."

Nach fast einer Stunde tritt dann doch der Rest der Familie auf: Bill und Chelsea Clinton nebst Schwiegersohn Marc Mezvinsky - ein Hedgefonds-Manager übrigens, aber wen stört das heute schon.

Perfekte Familie, perfekte Kandidatin - perfekter Auftakt? Am Ende kann die Regie nicht alles kontrollieren. Denn einer fehlt: New Yorks progressiver Bürgermeister Bill de Blasio lässt sich entschuldigen - er habe sich noch nicht für einen Kandidaten seiner Partei entschieden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
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1.
Celestine 13.06.2015
Hillary Clinton ist eine geniale, mitreißende Rednerin, welche die Menschen zu begeistern weiß. Damit hört meine Begeisterung dann auch schon auf, der Nickname "Bride of Frankenfood", der ihr im Mai von Umweltaktivisten in Iowa wegen der Nähe zu Monsanto verliehen wurde, sagt schon genug aus ...
2.
nils.s.hoffmann 13.06.2015
Mit Verlaub - was für ein einseitiger Artikel voller amerikakritischer Stereotype. Ich war bei der Veranstaltung, habe aber wie alle anderen, die ich dort wahrgenommen habe nicht "auf Kommando geklatscht", habe Zuhörerinnen und Zuhörer aller Ethnien gesehen und Frau Clinton im Gegensatz zum Autor auch dann zugehört, als sie über die Außenpolitik gesprochen hat. Dass Frau Clinton in ihrer Wahlkampf(!)rede natürlich auch Klischees bedienen würde, war mir vorher klar und im Gegensatz zum Autoren nehme ich es ihr alles andere als übel, dass sie in ihrer - wohlgemerkt - Wahlkampfrede über "böse Republikaner" schimpft. Dieser Vorwurf ist grotesk! Statt die üblichen Amerika-Klischees zu bedienen, hätte es dem Artikel gut zu Gesicht gestanden, die dezidiert "linken" Botschaften zu erwähnen, die so nicht unbedingt zu erwarten waren - ebenso wie zum Beispiel die Tatsache, dass junge Amerikaner - im Gegensatz zu Deutschen - sich für Politik ehrlich begeistern können. Aber das hätte ja nicht in die amerikakritische Mottenkiste gepasst. Schade, Herr Pitzke. Dieser Artikel ist mal wieder ziemlich daneben. Wenn Sie mit diesem Land ihre Schwierigkeiten haben, versuchen Sie es doch einmal mit Ironie statt dumpfer Klischees.
3. Et tu, spon?
gandhiforever 13.06.2015
Zwar ist Frau Clinton momentan haushohe Favoritin, doch wundert es mich, dass spon zwar mehrere der republikanischyen Mitbewerber bei Namen nennt, es aber unterlaesst, auf Bernie Sanders auf Demokratischer Seite hinzuweisen. Zufall? Schliesslich ist Bernies Gefolgschaft groesser als die eines jeden der GOP-Kandidaten.
4. Typische Inszenierung von Präsidentschaftskandidaten.
jan_swierczynski 14.06.2015
Nun die Themen, die sie anspricht sind ja nicht neu und im Moment akuter als jemals zuvor. Doch bezweifle ich, dass eine neue Präsidentenmarionette jedweder Couleur je in der Lage sein wird, eine vom Anspruch her richtige Politik wird umsetzen können. Ich denke es wird darauf hinauslaufen, wie es sich im Fall Obama am Ende auch abgezeichnet hat. Heisse Luft und sonst garnichts und am Ende der grosse Kater und die Ernüchterung. Die USA sind zwar formell noch eine Demokratie aber praktisch doch schon längst eine von mächtigen Konzernen durchseuchte Plutokratie. Sie bestimmen wo es lang geht, die Wähler werden weiterhin getäuscht und nicht mit involviert werden, deren Interessen werden nie gehört werden. Sie sind nur noch dazu da als Stimmvieh missbraucht zu werden um eine Scheindemokratie als schöne Fassade abzugeben. Die selbe Entwicklung erfahren wir hier in Europa mittlerweile auch. Ändern wird sich erst dann etwas wenn das Kartenhaus aus Lug und Betrug in sich zusammenfällt und die Not so groß wird, dass sich die Bevölkerung gegen die eigene verbrecherische Politelite auflehnt. Erst wenn dieser Zustand eingetroffen sein wird, kann es zu positiven Entwicklungen führen.
5. Was soll die Aufregung?
ozoli 14.06.2015
Was Frau Clinton da abzieht ist doch ein ganz normaler US Wahlkampf. Ich verstehe ueberhaupt nicht warum der Autor das so negativ sieht. So laufen Wahlkaempfe in den Staaten nunmal ab. Ob man das nun toll findet oder nicht ist jedem selbst ueberlassen, aber fuer amerikanische Verhaeltnisse hat Clinton eine ganz normale Wahlkampfrede gehalten, und nicht mehr.
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