Clinton wird US-Präsidentschaftskandidatin "Ich wünschte, meine Mutter wäre heute hier"

Der US-Vorwahlkampf ist zu Ende: Hillary Clinton sichert sich die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten - als erste Frau in der Geschichte der USA, ein historischer Moment. Doch er wird gleich zweifach getrübt.

Von , New York


Auf den Tag genau acht Jahre ist es her: Am 7. Juni 2008 stand Hillary Clinton im Innenhof des National Building Museums in Washington vor Tausenden Anhängern und gestand ihre Niederlage gegen Barack Obama ein, nach einer bitteren Vorwahlschlacht um die Präsidentschaftskandidatur.

"Auch wenn es uns diesmal nicht gelungen ist, diese höchste gläserne Decke zu zerschmettern, hat sie dank euch rund 18 Millionen Risse", rief sie damals - eine Anspielung auf die mehr als 18 Millionen Stimmen, die sie bekommen hatte. Es wurde die meistzitierte, meistgelobte Rede ihrer langen Laufbahn.

Jetzt, am Dienstagabend, steht Clinton erneut nach einer bitteren Vorwahlschlacht vor mehr als tausend Anhängern, diesmal in einer riesigen ehemaligen Lagerhalle am Hafen in Brooklyn - und diesmal hat sie die "gläserne Decke" zerschmettert.

"Wir haben einen Meilenstein erreicht", ruft sie. "Zum ersten Mal in der Geschichte unserer Nation wird eine Frau Kandidatin einer großen Partei."

Das klingt etwas bemüht und das ist es auch: Zwar hat sich Clinton am Dienstag bei den Vorwahlen in sechs US-Bundesstaaten die nötige Mehrheit an Delegierten gesichert, um auf dem Wahlparteitag der Demokraten im Juli offiziell zur Präsidentschaftskandidatin ernannt zu werden - allerdings nur mit Hilfe von 571 sogenannten Superdelegierten, die ihre Präferenz noch ändern können.

Doch das ist eine Theorie, an der inzwischen nur noch ihr Parteirivale, der selbst ernannte Sozialist Bernie Sanders, samt seinen Anhängern festhält.

Die Kulisse in Brooklyn ist entsprechend - und absichtlich - atemberaubend. Überall hängen riesige Sternenbanner, dramatisches Licht füllt die Halle: erst die untergehende Sonne draußen, dann gezielte Scheinwerfer-Spots.

Wahlparty in Brooklyn
REUTERS

Wahlparty in Brooklyn

Doch die Stimmung auf der Siegesfeier, lange geplant und penibel inszeniert, ist getrübt. Zum einen durch Sanders, der trotz allem weitermachen will, vorerst zumindest. Zum anderen durch Clintons frühzeitige Kandidatenkrönung am Vorabend durch die Agentur AP und andere US-Medien, was ihr die Schlagzeilen stahl.

Die Gänsehaut-Momente

Die historische Bedeutung schmälerte das freilich kaum. Nach 14 Monaten Vorwahlkampf, 419 Auftritten in 42 US-Bundesstaaten und, so die Rechnung ihres Teams, 16 Millionen Hausbesuchen und Telefonanrufen durch ihre Wahlhelfer hat Clinton endlich erreicht, was ihr 2008 versagt geblieben war.

Mehr noch: Sie hat erreicht, was in den USA bisher keiner Frau gelang. Die ganze Tragweite offenbart sich in einem Video, das die Regie vor ihrer Rede einspielt. Das stellt Clintons Kandidatur in den geschichtlichen Kontext, ans Ende einer stolzen Reihe aus Frauenrechtlerinnen, Feministinnen und den ersten Volksvertreterinnen nicht nur in den USA. Die Bilder, die über die Leinwände flimmern, bieten die ersten Gänsehaut-Momente dieses Abends.

Der wahre Gänsehaut-Moment aber - in einem Wahlkampf, dem es bisher daran mangelte - ist Clintons Auftritt. Sie selbst scheint überwältigt, als sie zu minutenlangem Jubel erscheint. Sie wirkt den Tränen nah, legt die Hand aufs Herz, streckt die Arme weit aus, atmet tief durch und murmelt: "Thank you."

Ihre eigentliche Rede wirkt dagegen fast enttäuschend. So, als falle es ihr schwer, die richtigen Worte zu finden für diesen Moment. Der gehöre "Generationen von Frauen und Männern, die gekämpft und sich geopfert haben". Bewegt erinnert Clinton an ihre 2011 verstorbene Mutter, die am selben Tag geboren wurde, als die USA das Frauenwahlrecht einführten: "Ich wünschte mir wirklich, dass meine Mutter heute hier wäre."

Denn so banal dieser "Meilenstein" für andere Länder, die schon lange von Frauen geführt werden, auch ist: Für Clinton ist es der bisherige Höhepunkt einer außerordentlichen Karriere. Anwältin, Gouverneursgattin, First Lady, Senatorin, Außenministerin - in jeder neuen Rolle fand Clinton neue Kritiker.

Das hat Spuren hinterlassen. Sie ist die unbeliebteste Kandidatin seit Langem. Nur einer ist unbeliebter - der Mann, der zwischen ihr und dem Weißen Haus steht: Donald Trump. Den greift sie denn auch frontal an.

"Donald Trump ist vom Temperament her untauglich, Präsident zu sein", sagt Clinton. Trump wolle Amerika in eine Vergangenheit zurückführen, in der "Chancengleichheit und Würde für einige, nicht für alle reserviert waren". Er stehe "gegen alles, wofür wir stehen". Es ist ein erster, noch zu verzagter Versuch, eine klare Linie zu finden gegen den unberechenbaren Demagogen.

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Wie schwer das ist, zeigt sich selbst an diesem geschichtsträchtigen Tag: Nicht Clintons "Meilenstein" beherrscht die Berichte der TV-Sender, sondern Trump und sein Ärger in der eigenen Partei. Ein Schicksal, an das sich Clinton nun gewöhnen muss.

insgesamt 37 Beiträge
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olivervöl 08.06.2016
1. Was ist das denn
Der Vorwahlkampf wird für beendet erklärt, bevor die Stimmen in Kalifornien ausgezählt sind, bevor Washington DC gewählt hat und zwei Monate vor dem Parteitag der Demokraten? Dann ist wohl kein Parteitag mehr nötig? Was für eine Berichterstattung.
EinJemand 08.06.2016
2.
Wenn dein bestes Argument ist, dass du eine Frau bist, und es "historisch an der Zeit" ist, dass es eine Frau ist in der Position... dann ist das leider für sich genommen ein schlechtes Argument.
Pixopax 08.06.2016
3.
"Nach 14 Monaten Vorwahlkampf, 419 Auftritten in 42 US-Bundesstaaten und, so die Rechnung ihres Teams, 16 Millionen Hausbesuchen" Alle Achtung, und das alles nur für die Nominierung. Beachtlich was man alles auf sich nehmen muss um Präsident zu werden. 419x lächeln was das Zeug hält, so tun als würde man sich voll für das Land einsetzen wollen, nur um nachher die dunkle Seite der Macht an sich zu reißen. Ich wundere mich immer wieder was Menschen für Macht alles tun, dabei kann das Leben ohne doch so schön sein.
smokinace69 08.06.2016
4. Hoffentlich...
wird die Gerechtigkeit doch noch siegen und sie für ihre dreiste verfrühte Kühr zur Kanditin bestrafen, indem sanders californien holt :)
obiwan1952 08.06.2016
5. 14 Mio Hausbesuche und Telefonanrufe in 14 Monaten???
Macht nach meiner Rechnung ca. 33000 tausend Hausbesuche/Telefonanrufe....täglich!!! Stramme Leistung die Dame!!
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