Buchtour Zwei Stunden leiden mit Hillary Clinton

Yoga hat nichts genützt, auch Weißwein und Waldluft helfen nur bedingt: Hillary Clinton wird das Trump-Trauma nicht los. In "What Happened" schreibt sie darüber - ihre Lesereise fühlt sich an wie Wahlkampf.

AP

Von , Washington


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es ist schwer einzuschätzen, was Hillary Clinton bewogen hat, den Weg zurück auf die Bühne zu suchen. Sie würde wahrscheinlich sagen: der Dienst am Land, die amerikanischen Werte, und ähnliche Floskeln. Aber je länger sie im Warner Theater in Washington D.C. über Trump und die schicksalhaften Wochen vor der Wahl spricht, desto stärker wird der Eindruck, dass da jemand sitzt, der einen Freispruch sucht. Clinton möchte die Last der verlorenen Wahl nicht allein tragen. Es ist eine Übung in Gruppentherapie, die sie hier anleitet, an einem lauen Septemberabend, fünf Gehminuten vom Weißen Haus entfernt.

"Ein Abend mit Hillary Clinton", stand auf der Ankündigung, ihr erster großer Auftritt seit der Niederlage. Die Karten waren nach zwölf Minuten ausverkauft. Es ist der Auftakt ihrer Lesereise durch die USA und Kanada, aber es fühlt sich an wie die Fortführung des Wahlkampfs mit literarischen Mitteln. Ihr Buch trägt den stumpfen, genialen Titel "What Happened". Ohne Fragezeichen. Hillary unplugged. Und so sitzen einige Hundert ihrer Anhänger auf Klappstühlen, um Clintons Version des Desasters zu hören. Beziehungsweise sitzen sie nicht, sondern springen gleich am Anfang auf, um stehend Beifall zu klatschen.

Die Amtseinführung von Donald Trump ist bald acht Monate her, aber noch immer irren dieselben Figuren herum und ringen mit dem Ergebnis. Clinton, Bernie Sanders, gelegentlich Barack Obama, dazu ein großer Teil der Republikaner im Kongress. Und Trump twittert mit dem Humor eines Grundschülers gegen seine ehemalige Konkurrentin, als wäre 2016 nie geschehen.

Clinton lehnt sich im Sessel zurück. Hinter ihr hat eine Buchhandlung ein Regal aufgebaut, in dem Exemplare ihres Werks aufgereiht sind. Neben ihr sitzt eine Interviewerin, die sich als langjährige Freundin vorstellt. Vorher durfte das Publikum Fragen auf Zetteln einreichen, die vorsortiert und ausgewählt werden. Die meisten werden weggeworfen.

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Hillary Clinton auf Lesereise: Das ist sie wieder!

Clinton sagt, sie wolle offen sein, was den 8. November 2016 betrifft. "Ich war am Boden zerstört, es war alles unglaublich schmerzhaft." Zur Beruhigung ging sie im Wald spazieren, machte Yoga und versuchte mithilfe von Atemübungen und dem einen oder anderen Glas Chardonnay, den Terror im Kopf zu lindern. Sie schlug den Rat von Freunden aus und setzte sich an den Computer. "Das Schreiben war ein kathartischer Prozess."

Es wäre unfair zu sagen, Clintons Buch sei die Abrechnung einer schlechten Verliererin mit Umständen, die sie nicht beeinflussen konnte. Natürlich gab es die Russen, den früheren FBI-Chef James Comey, die E-Mails von Wikileaks, den Sexismus, die Brandstifter von Breitbart und Infowars, die quasi kostenlosen Werbeblöcke für ihren Gegner auf CNN, getarnt als Berichterstattung. Aber Clinton spricht auch über ihre Fehler, Versäumnisse und Unzulänglichkeiten. Sie hat öffentlich verloren, jetzt darf sie auch öffentlich leiden. Das hat sie in unzähligen Interviews deutlich gemacht, die sie in den vergangenen Tagen im US-Fernsehen und im Radio gab.

Die falsche Taktik im Wahlkampf

Wenn es eine Botschaft dieses Abends gibt, dann diese: Die neue Hillary ist ungeschützt, so transparent mit ihren Gefühlen wie nie und hat keine Angst, ihren Ärger und ihren Frust zu teilen. Im Wahlkampf, sagt sie, sei sie viel zu lange davon ausgegangen, dass es sich um einen normalen politischen Wettstreit handle. "Ich dachte wirklich, am Ende wollen die Leute jemanden im Weißen Haus haben, der beherrscht und ruhig ist." Als sie merkte, dass Trump die niedersten Instinkte des Volkes weckte, war es zu spät. "Ich war nicht schnell genug, strategische Anpassungen vorzunehmen."

Man vergisst ja in diesen zynischen, fahrigen Zeiten schnell, dass es selbst für Profis wie sie immer noch brutal sein muss, Demütigungen derart öffentlich zu ertragen. Ein beträchtlicher Teil ihres politischen Lebens bestand aus Rückschlägen. Der Lewinsky-Skandal, die Affären ihres Mannes, die Niederlage gegen Obama und schließlich die Schmach, gegen einen frauenverachtenden Hetzer zu verlieren - all das spielte sich nicht im Privaten ab, sondern zur prime time, in Dauerschleifen, bis heute.

Der Name Trump fällt nicht an diesem Abend

Trump erwähnt sie kein einziges Mal. Sie sagt nur "er". Sie spricht auch nicht über den Konstruktionsfehler ihrer Kampagne: dass sie eine Kandidatin war, die für Kontinuität stand, nicht für Veränderung. Dass sie ein Symbol für das verhasste Establishment war, eine lebende Metapher für eine gleichmütige Technokratie in wütenden Zeiten. Sie kritisiert zu Recht die Skepsis, die ihr als Frau entgegenschlägt, aber sie lässt außer acht, dass ihr eine packende Botschaft fehlte. Für viele Amerikaner war sie die Kandidatin des Weiter-so. Ein paar strategische Anpassungen hätten das nicht besser gemacht.

Nach zwei Stunden sagt sie, sie wolle einige versöhnliche Worte finden. Sie sei sehr optimistisch, was die Zukunft angehe. Ihre Stimme wird lauter, bis sie in den Applaus ruft: "Wir verschwinden nirgendwohin. Wir bleiben und kämpfen." Clinton war immer gut darin, "wir" zu sagen, wenn sie sich selbst meinte.


Zusammengefasst: Hillary Clinton ist zurück - als Autorin. In "What Happened" erzählt sie ihre Sicht der Niederlage gegen Donald Trump im November 2016. Auf ihrer Buchtour teilt sie Ärger und Frust über das Erlebte mit dem Publikum - vergisst aber darüber zu oft die Fehler ihrer eigenen Kampagne. Der Auftritt in D.C. wirkt mal wie Gruppentherapie, mal wie ein Wahlkampfevent.

insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Aberlour A ' Bunadh 19.09.2017
1. Widersprüchlichkeiten
Immerhin hat sie den "Popular Vote" gewonnen. 3 Millionen Stimmen mehr als Trump. Also so "ganz am Volk vorbei" kann sie nicht Wahlkampf gemacht haben. Sonst kann man den "Popular Vote" ja nicht gewinnen. Nomen est omen!
Newspeak 19.09.2017
2. ....
"Man vergisst ja in diesen zynischen, fahrigen Zeiten schnell, dass es selbst für Profis wie sie immer noch brutal sein muss, Demütigungen derart öffentlich zu ertragen. Ein beträchtlicher Teil ihres politisches Lebens bestand aus Rückschlägen." Mein Gott, es zwingt sei doch niemand dazu. Die Frau ist privilegiert und reich und alt genug, um ihren Ruhestand zu geniessen. Sich freiwillig dem Stress aussetzen und dann darueber jammern, ganz grossartig.
SWK 19.09.2017
3. SIe kann es einfach nicht begreifen.
Das Problem ist wohl gar nicht, dass sie eine schlechte Verliererin wäre. Das Problem scheint darin zu bestehen, dass sie bis heute nicht begreifen kann, woran es gelegen hat, obwohl die ihr absichtlicher Unwillen, die Problem ihrer Wählerschaft auch nur zur Kenntnis zu nehmen geschweige denn in deren Sinne zu lösen, so gut wie jeder gesehen hat, ihre politische Inhaltlosigkeint fast alle high school Absolventen schon seit langem "irgendwie" aufgefallen ist, ihre gravierenden Sozialpolitikdefizite und ihre kapitalen strategischen Fehler bei der Wählereinbindung europäischen Beobachtern klar ins Auge gesprungen sind, dass man schon in Frühjahr 2016 sagen musste "SO keine Chance". SO ist sie ist eben nicht die qualifizierteste Person für den Job, als die sie sich immer darstellen will. Im Gegenteil: SO ist sie eine der unqualifiziertesten. Herr Trump hatte wenigstens erkannt, wo den Wähler der Schuh drückt. Hillary hat selbst das mit "Was wollen die Typen eigentlich?" quittiert. Da ist Hopfen und Malz verloren.
Raisti 19.09.2017
4.
"Sie spricht auch nicht über den Konstruktionsfehler ihrer Kampagne: dass sie eine Kandidatin war, die für Kontinuität stand, nicht für Veränderung. Dass sie ein Symbol für das verhasste Establishment war, eine lebende Metapher für eine gleichmütige Technokratie in wütenden Zeiten." Kompliment zu dieser Analyse. Finde es nur schade das dies während des Wahlkampfes keinen in der deutschen Presse aufgefallen ist. Man war wohl zu beschäftigt Loblieder auf Hillary zu singen.
neanderspezi 19.09.2017
5. US-Amerikaner haben gewählt und sich dadurch zu erkennen gegeben
Die Dame Clinton war vermutlich beratungsresistent bezüglich Hinweise zum Charakter des grobschlächtigen Gegenkandidaten Trump, der von den Republikanern systematisch ausgesucht, aufgebaut und gestützt wurde und der sich jeglichen Anstands entledigen konnte und dies nicht nur aufgrund bestehender eigener soziopathischer Eigenschaften, sondern auch aufgrund der Förderung dieser Talente durch seine republikanischen Antreiber, die früh erkannt haben dürften, dass ihr Kandidat nur exakt durch solche Fähigkeiten bei den auf nationale Unduldsamkeit und Bosheit geeichten Landsleuten ein Klima herbeiführen konnte, das schließlich zu übergreifender Begeisterung führte und durch zusätzliches Ausbringen fortgesetzter Lügen letzte Reserven mobilisieren konnte. Vermutlich hatten die Republikaner auch nur auf diese Art eine Chance gegen die Demokraten die Wahl zu gewinnen. Sich mit ähnlichen Widerwärtigkeiten in Szene zu setzen, war vermutlich bei Hillary Clintons Naturell nicht ausführbar.
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