TV-Debatte der Demokraten Hillarys Zwerge

Erleichterung im Lager von Hillary Clinton: Bei der ersten TV-Debatte der US-Demokraten zeigt sich die Ex-Außenministerin routiniert. Punkten kann sie vor allem dank der teils erschreckenden Schwäche ihrer Rivalen.

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Aus Las Vegas berichtet


Nicht mal die Sache mit den E-Mails wurde für sie wirklich unangenehm. Hillary Clinton durfte sich ein bisschen über unfaire Angriffe von Seiten der Republikaner beschweren, sie beteuerte, dass sie auch weiterhin die Fragen zu ihrem privaten Server beantworten werde, den sie als Außenministerin hatte. Dann kam ihr auch noch Bernie Sanders zur Hilfe, der Senator aus Vermont, der doch eigentlich gerne selbst Kandidat der Demokraten werden will.

"Die Amerikaner", so Sanders, "sind es leid, von dieser E-Mail-Sache hören zu müssen. Lassen Sie uns endlich über Themen reden." Ach, wie nett, das hätte Clinton selbst nicht besser sagen können. Ein Lächeln, ein Handschlag: "Vielen Dank, Herr Senator."

Es war eine wirklich gemütliche Veranstaltung für Clinton an diesem Abend in Las Vegas. Kein Druck, kaum Angriffe, dafür einige unglückliche Momente ihrer Rivalen. Die Ex-Außenministerin segelte ungehindert durch die erste TV-Debatte der Demokraten, was wahrlich nicht alle erwartet hatten. Clinton hat derart schwache Monate hinter sich, dass manchem in ihrer Partei vor dem Auftritt im feinen Wynn Hotel ein wenig bange war. Doch echte Konkurrenz, das machte die Debatte deutlich, scheint sie in ihrer Partei nicht zu haben.

Clinton selbst schlug sich gut, wenn auch nicht überragend. Sie hatte erkennbar das Ziel, so aus der Debatte herauszukommen, wie sie hineinging: als Favoritin auf die demokratische Kandidatur. Ein paar Sticheleien gegen ihren ärgsten Herausforderer Sanders genügten, ansonsten konzentrierte sie sich weitgehend darauf, ihre wichtigsten politischen Botschaften loszuwerden: mehr Ausgaben für Bildung, mehr Geld für Infrastruktur, höhere Löhne, fairere Steuern. Clinton, die Helferin des Mittelstands. Das sollte ihre Kernbotschaft sein.

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Debatte der US-Demokraten: "Lasst uns über die echten Themen sprechen"
Auffallend leidenschaftlich zeigte sie sich beim Thema Waffengesetze und rief angesichts der jüngsten Tragödien dazu auf, sich entschlossen der Waffenlobby National Rifle Association entgegenzustellen, die jegliche Verschärfung der Gesetze ablehnt. "Es ist an der Zeit, dass sich das ganze Land gegen die NRA auflehnt", sagte Clinton, was durchaus noch eine gewisse Konkretisierung verdient gehabt hätte, ihre Fans im Saal aber auch so schon begeisterte.

Ein anderer Moment dürfte ihr womöglich noch nachhängen. Gefragt nach ihren teils erstaunlichen politischen Kehrtwenden in letzter Zeit, antwortet Clinton überraschend offen. "Ich glaube, jeder hier im Saal hat schon ein-, zweimal seine Meinung geändert." Man darf annehmen, dass die Republikaner diesen Satz in Dauerschleife senden werden, sollte Clinton am Ende tatsächlich die Kandidatin werden.

Dass Clinton von vielen US-Medien schnell zur Siegerin erklärt wurde, lag vor allem an der Leistung ihrer Gegner. Die war mittelprächtig bis blamabel. Bernie Sanders hatte noch den stärksten Auftritt von Clintons Gegnern, zumindest tat der Senator aus Vermont das, was seine Anhänger von ihm erwartet haben dürften. Sein liberales, teils linkes Programm trug er leidenschaftlich, wenn auch etwas arg röhrend vor.

Überraschende Antwort von Lincoln Chafee

Sanders beklagte die massive Ungleichheit im Land, forderte höhere Steuern für Reiche und keilte gegen den "Kasino-Kapitalismus", was man zwar schon häufiger von ihm gehört hat, in Las Vegas aber seinen ganz eigenen Charme besaß. Beim Thema Waffengesetze schien er verunsichert, als Clinton ihm sein erstaunliches weiches Abstimmungsverhalten vorhielt. Auch ansonsten zeigte die Debatte Sanders' politische Grenzen. In der Außenpolitik war er völlig verloren und brachte sich nicht einmal wirklich ein.

Wesentlich schlechter noch machten es die übrigen drei Kandidaten. Martin O'Malley, der Ex-Gouverneur von Maryland, hatte schon einen sehr unglücklichen Start in die Debatte, als CNN-Moderator Anderson Cooper ihn mit der Gewalt in Baltimore konfrontierte, wo O'Malley einst Bürgermeister war. Ein Schlag, von dem er sich nicht wirklich erholte. Jim Webb, Ex-Senator von Virginia, nutzte seine Redezeit vor allem, um sich über mangelnde Redezeit zu beschweren. Statt Clinton zu nerven, stichelte er gegen Sanders. "Bernie", sagte Webb, "die Revolution wird nicht kommen."

Ansonsten sorgte er vor allem mit einem Satz zum Vietnam-Krieg für Aufregung. Die Politiker wurden nach den Personen gefragt, die sie sich besonders gerne zum Feind gemacht hätten. "Der feindliche Soldat, der die Granate warf, die mich verletzte", sagte Webb - und fügte in Anspielung auf das offensichtliche Schicksal des Mannes hinzu: Aber mit ihm könne man nicht mehr darüber sprechen.

Und Lincoln Chafee? Ja, Lincoln Chafee. Der ehemalige Gouverneur von Rhode Island hatte einen miserablen Tag. Er wirkte bei etlichen Fragen überfordert, auf Twitter zählten Zuschauer seine Versprecher. Als Moderator Cooper ihn fragte, warum er denn 1999 für die Abschaffung des Glass-Steagall Act gestimmt und damit Großbanken von strengeren Regeln befreit hatte, überraschte Chafee mit eine Antwort der besonderen Art. "Es war meine erste Abstimmung im Senat. Ich war gerade erst angekommen." Sanders ließ den Kopf aufs Pult sinken.

Selbst Cooper schien von der Antwort verwirrt. Er wolle nun über Marihuana sprechen, sagte er. Das hätten "einige Kandidaten ja offenbar auch schon probiert".

Diese Demokraten wollen US-Präsident werden

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insgesamt 75 Beiträge
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Misha 14.10.2015
1. Es ist eigentlich...
Es ist eigentlich völlig egal, wer die Präsidentenwahl gewinnt. Die Politik wird sich nicht ändern. Die Amerikaner haben nur die Wahl zwischen Pest und Cholera!
louis.lamesch 14.10.2015
2. Sehr subjektiv
Was Webb und Chafee betrifft, stimme ich dem Autor völlig zu.. beide haben eine sehr schwache Leistung gezeigt, vor allem Chafee, der sogar 2 mal mit der Ausrede kam, "ja erst neu angekommen" gewesen zu sein. O'Malley und Sanders konnten sich allerdings sehr gut behaupten, vor allem der Senator Vermonts. Dieser war Clinton was das Thema "Wall Street" betrifft deutlich überlegen, ihre Verbindungen zu dem Sektor sind ja weitestgehend bekannt. Gegen Ende hin kam Clinton dann wiederholt mit dem Argument, dass sie eine Frau ist, was ja wohl kaum als Qualifikation für die Präsidentschaft ausreicht. Die Aussage, dass Sanders beim Thema Aussenpolitik "völlig verloren" gewesen sei, ist für mich aber total unverständlich, vor allem, da es hier keine grundlegenden Unterschiede zwischen den Kandidaten gab.. im Gegenteil, er konnte damit punkten, gegen den Irakkrieg gestimmt zu haben. O'Malley hat einen ganz guten ersten Auftritt hingelegt, besonders da er recht unbekannt war - hat mich persönlich durch seine ganzen "ich habe schon dies und das geschafft"-Argumente weniger überzeugt hat als Sanders oder Clinton.
nageleisen 14.10.2015
3. Die eiskalte Drohnenkönigin
gefällt den Journalisten. Was wird das dumme gleichgeschaltete Volk machen. Wird es sie wählen.
so_nicht 14.10.2015
4. nicht ganz wahr
Die Abstimmung über den Sieger auf Drudgereport zeigt gerade 90.000 Stimmen für Sanders und knapp 12.000 für Clinton. Dort verkehren wahrscheinlich mehrheitlich Republikaner. Zu sagen, dass die amerikanischen Medien einheitlich Clinton zur Siegerin erklären, zeigt aber - wie eigentlich fast immer auf SPON - eine manipulative Berichterstattung über die USA. Den Reps ist schließlich der angebliche Kommunist Sander noch viel mehr suspekt als die ziemlich konservative Dame Clinton. Man sollte die Leser nicht für so zurückgeblieben halten, dass sie sich nicht selbst im Internet ein Bild von den Medien in den USA machen können.
Wunderläufer 14.10.2015
5. War das alles?
"Ich glaube, jeder hier im Saal hat schon ein-, zweimal seine Meinung geändert". Wenn das ihr einziger Schwachpunkt sein sollte, dann wird sie die nächste Präsidentin. Schließlich wird sich tatsächlich niemand ihrer Konkurrenten finden, der nicht mindestens 1x eine radikale Kehrtwendung vollzogen hat, auch nicht Herr Trump
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