Letzte TV-Debatte Clintons größtes Glück heißt Trump

Im letzten TV-Duell hat Donald Trump alle Chancen verspielt. Seine schockierende Weigerung, das Wahlergebnis prinzipiell anzuerkennen, brüskiert selbst Republikaner. Hillary Clinton hat nun freie Bahn.

REUTERS

Aus Las Vegas berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Was bleibt von so einer Debatte, wenn sich der Staub gelegt hat? Wenn der Adrenalinspiegel gesunken ist, die "talking heads" verstummt und die Reporter heimgereist sind? Was bleibt in den Tagen, in der Woche danach?

Zunächst einmal bleiben Twitter-Hashtags. In diesem Fall: #badhombres, #nastywoman und #emmysrigged - allesamt Anspielungen auf abfällige Äußerungen Donald Trumps über Einwanderer, über seine Rivalin Hillary Clinton und über einen TV-Preis, den er nicht bekam.

Videoanalyse: US-Korrespondent Marc Pitze zur dritten TV-Debatte

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Doch noch etwas anderes bleibt von diesem dritten und letzten Fernsehduell, mit dem der US-Wahlkampf in der Nacht zum Donnerstag in die Schlussphase ging. Etwas Schockierenderes, das länger nachhallt als jedes Hashtag - Trumps Weigerung, das Wahlergebnis anzuerkennen, sollte er verlieren: "Ich werde es Ihnen sagen, wenn es so weit ist. Ich werde es spannend machen."

Hier zeigt sich wieder einmal, wie Trump diesen Wahlkampf angeht: als sei das alles eine Quizshow. Bleiben Sie dran, nach der Werbung wird es richtig aufregend.

In diesem entscheidenden Moment schmunzelte Clinton und legte den Kopf zur Seite. Das tut sie gern, wenn sie weiß, dass sie nun nichts mehr sagen muss. Es war der Moment, der ihr die kommenden 19 Tage immens erleichtern wird. Der ihr den Wahlsieg nun fast garantiert.

Für Clinton ist Trump ein absoluter Glücksfall, das wurde auch in dieser Szene klar: Gegen fast jeden anderen Kandidaten und unter fast allen anderen Umständen würde sie wohl verlieren. Sie gehört zu den unpopulärsten Präsidentschaftskandidaten, die es je gegeben hat. Sie bringt enormen Ballast mit sich - aus eigener Schuld und aus drei Jahrzehnten im politischen Geschäft.

Doch dann kam Trump - und schaffte es, dass zuletzt keiner mehr von Clintons Makeln sprach, von ihren Skandalen, Fehlern, Versäumnissen.

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Clinton vs. Trump: Schlagabtausch in Las Vegas

Auch dieses Mal: E-Mails? Bengasi? FBI-Kungeleien? Sicher, eine Dreiviertelstunde lang feuerte Trump in Las Vegas erst mal alles ab, was die Wähler doch noch ablenken könnte von seinen eigenen - politischen, menschlichen - Unzulänglichkeiten. Doch Trump bleibt eben Trump: Er und nur er darf die einzige Schlagzeile sein.

Und so flimmerte dann plötzlich auch nur noch eine einzige Schlagzeile von Las Vegas um die Welt: Donald Trump, Präsidentschaftskandidat, behält sich die Anerkennung des Wahlergebnisses vor - ein historischer Affront, ein Verstoß gegen die Demokratie, ein Aufruf zur Anarchie. So etwas hat es in der Geschichte Amerikas noch nie gegeben. Alles andere, was bei dieser Debatte passiert war, war vergessen.

Das TV-Duell in Zitaten

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Oder, wie es CNN-Kommentator Van Jones formulierte: "Diesen Hundehaufen kann man nicht polieren."

Auch weil es eben kein Fauxpas war. Trump wusste genau, dass die Frage kommen würde. Seit Langem hatte er - wohl um die drohende Niederlage wegzureden - gegen die Legitimität der US-Wahlen polemisiert, hatte "weitverbreiteten" Wahlbetrug beklagt, obwohl alle Fakten dagegen sprechen. Selbst seine Chefstrategin Kellyanne Conway, seine Tochter Ivanka und die meisten Republikaner hatten ihm daraufhin entsetzt widersprochen. Debatten-Moderator Chris Wallace gab ihm eine Chance, es zurechtzurücken. Stattdessen legte Trump nach - und schadete sich selbst noch mehr.

Im Video: Händedruck? Nein, danke

Clinton kann nun entspannter in das Wahlkampffinale gehen. Sie hat nicht nur begonnen, ihre Basis zu stabilisieren und die wankelmütigen Wähler der Mitte zu ködern, die Trump offenbar längst aufgegeben hat. Sondern sie greift auch nach traditionell republikanischen Gruppen, den Evangelikalen zum Beispiel. Schon schwingen immer mehr Swing States in ihre Richtung. Schon bröckeln die ersten "roten" Staaten. Texas. Georgia. Arizona.

Als Erstes reist sie noch diese Woche nach Ohio, von da aus weiter nach Florida. In Ohio lag Trump zuletzt nur noch knapp vorne, in Florida führte Clinton schon vor der Debatte - beide Bundesstaaten müsste Trump gewinnen, um überhaupt noch eine Chance zu haben.

Zumal es ja um viel mehr geht als das Weiße Haus. Die Demokraten haben Hoffnung, den Senat zurückzuerobern. Sogar das Repräsentantenhaus steht auf einmal zur Debatte - ein bisher undenkbarer Machtwechsel. "Wave election" nennen sie das hier, einen Erdrutsch: Alle drei Polit-Organe in der Hand einer Partei. Es würde die ohnehin zersplitterten Republikaner in ihre tiefste Krise stürzen.

Um das zu erreichen, braucht Clinton eigentlich nur noch stillzuhalten. Die Debatte war Trumps letzte Gelegenheit, den Kurs zu ändern. Jetzt läuft ihm die Zeit davon. Die meisten Wähler haben sich festgelegt, die anderen hören nicht mehr zu und wären auch nicht mehr genug.

Im Video: "We got some bad hombres here"

Außerdem wird Trump sich auch weiter im Weg stehen - uneinsichtig, selbstsüchtig, schlagzeilengierig. Das zeigte sich schon in seinen ersten Tweets nach der Debatte: "Gerade in Ohio gelandet", schrieb er am frühen Donnerstagmorgen. "Danke, Amerika - ich fühle mich sehr geehrt, dass ich die letzte Debatte gewonnen habe."


Zusammengefasst: Etwas Besseres konnte Hillary Clinton im dritten und letzten TV-Duell kaum passieren. Zwar attackierte ihr Konkurrent Donald Trump sie zunächst eifrig, doch dann diskreditierte er sich mit einer Aussage selbst: seiner Ankündigung, das Ergebnis der Präsidentschaftswahl nicht anerkennen zu wollen. Sogar enge Parteikollegen sehen das mit größtem Unwohlsein. Clinton kann sich nun eher entspannt den letzten Tagen des Wahlkampfs widmen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
MKAchter 20.10.2016
1. Das Beste
Die Überschrift bringt es gut auf den Punkt. Der Gegenkandidat Trump ist doch das Beste, was H. Clinton passieren konnte. Hätten die Republicans einen seriöseren, einigermaßen sympathischen konservativen Kandidaten aufgestellt - die bei vielen US-Bürgern unbeliebte Clinton hätte keine Chance gehabt.
dasistdasende 20.10.2016
2. Wahl abwarten.
Trump schoss den Bock mit der Aussage die Wahl evtl. nicht anzuerkennen. Aber die Presse macht einen ebenso großen Fehler die Wahl als gelaufen anzusehen. Prognosen sind nur Schall und Rauch. Was am Ende zählt ist wie die Wahl ausgeht. Und Überraschungen hat es schon früher gegeben. Also lieber mal abwarten bevor man die Party beginnt.
bubu123 20.10.2016
3.
Die Frage ist, ob die noch schwankenden Wähler das überhaupt so sehen, dass Trumps Weigerung das Wahlergebnis anzuerkennen entscheidend dafür ist dann doch lieber Clinton zu wählen. Wer bei den ganzen denkwürdigen Aussagen von Trump immer noch überlegt ihn zu wählen, lässt sich doch auch von dieser neusten Aussage nicht mehr abschrecken. Man wird sehen was bei dieser Not gegen Elend-Wahl rauskommt.
dosmundos 20.10.2016
4.
Das kann noch brandgefährlich werden, wenn größere Bevölkerungsteile nicht zur Wahl gehen, da diese "ja schon entschieden" ist und man jetzt nicht Clinton wählen muss, um auf jeden Fall Trump zu verhindern - was man getan hätte, wenn es laut letzter Umfragen Spitz auf Knopf gestanden hätte.
INGXXL 20.10.2016
5. Das System
der Vorwahlen hat auchbeide Schwächen. Hätten die Replkaner einen seriösen Kandidaten aufgestellt hätten sie sicherlich bessere Chancen
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