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Demokratin in der Krise: Hinter Hillary lauern die alten Herren

Von , Washington

US-Wahlkampf: Wirft Hillary hin, stehen sie bereit Fotos
DPA

Hillary Clinton hatte das Weiße Haus fest im Blick. Nun ramponiert die E-Mail-Affäre ihr Image, die Umfragen sind mau, ihre Partei spekuliert schon über Alternativkandidaten. Wer könnte sie im Notfall ersetzen?

Natürlich macht sie jetzt auf selbstsicher. Sie greift ihre Gegner ein bisschen schärfer an, belächelt die Republikaner. Sie zeigt sich auf Volksfesten an der Seite von Normalbürgern. Alles in Ordnung, kein Grund zur Sorge. Das soll das Signal sein.

Doch kein noch so schönes Foto kann darüber hinwegtäuschen: Hillary Clinton steckt in ihrer ersten großen Krise, seit sie im April ankündigte, sich für die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten zu bewerben. Das ist - zu einem gewissen Teil - an den Umfragen zu erkennen. Ihre Zustimmungswerte sind seit dem Kampagnenauftakt kontinuierlich gesunken. Aber Umfragen sind Umfragen. Sie sind wahrscheinlich noch ihr geringstes Problem.

Schwerer wiegt, dass Clinton ihre E-Mail-Affäre einfach nicht los wird. Weil sie als Außenministerin einst eine private Adresse nutzte, damit auch dienstlich kommunizierte und möglicherweise sogar streng geheimes Material empfing, ist sie seit Monaten im Verteidigungsmodus.

Viele der Angriffe sind Teil des republikanischen Wahlkampfgetöses. Aber auch das FBI hat sich eingeschaltet, und kaum ein Tag vergeht ohne neue Schlagzeilen. Die unschöne Folge: Selbst unter ihren Unterstützern wachsen die Zweifel an Clintons Urteilsvermögen.

Entsprechend nervös sind die Demokraten. In der Partei wird inzwischen wild spekuliert, welcher prominente Parteifreund vielleicht noch ins Rennen um die Kandidatur einsteigt. Außenminister John Kerry? Oder vielleicht sogar Klimaschutzaktivist Al Gore? Egal was an den Spekulationen dran ist: Wenn schon über Ersatzkandidaten geredet wird, kann die Lage nicht wirklich gut sein. Doch wer wäre im Notfall eine ernsthafte Alternative? Der Kandidatencheck:

Bernie Sanders

Kandidat Sanders: Der Altlinke Zur Großansicht
AFP

Kandidat Sanders: Der Altlinke

Der Senator aus Vermont schneidet im Feld jener Demokraten, die ihre Kandidatur offiziell angekündigt haben, am besten gegen Clinton ab. Seit Wochen steigen seine Zustimmungswerte, keiner hat bei Wahlkampfauftritten mehr Zuschauer als er.

Vorteil: Sanders nennt sich selbst einen Sozialisten. Er plädiert für Steuererhöhungen und Homo-Ehe, er will Studiengebühren an öffentlichen Universitäten abschaffen und den Klimaschutz stärken. Er kann sich als linke Alternative inszenieren und so den progressiven Teil der Demokraten womöglich ähnlich mobilisieren wie einst Barack Obama.

Nachteil: Sanders nennt sich selbst einen Sozialisten. Das bleibt für die meisten Amerikaner ein Schimpfwort. Fraglich, ob er mit seinen Positionen die Mitte der Partei repräsentiert. Zudem hat er deutlich schlechteren Zugang zu Geldgebern als Clinton. Mit 73 Jahren ist er auch nicht mehr der Jüngste.


Joe Biden

Vizepräsident Biden: Loses Mundwerk Zur Großansicht
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Vizepräsident Biden: Loses Mundwerk

Der Vizepräsident liebäugelt mit einer Kandidatur. Sein vor Kurzem verstorbener Sohn Beau habe ihm vor seinem Tod geraten, für die Demokraten anzutreten, heißt es. Mit seinem inneren Zirkel berät Biden derzeit über die Entscheidung. Sie könnte noch im Spätsommer fallen.

Vorteil: Biden ist einer der aktivsten und sichtbarsten Vizepräsidenten der letzten Jahrzehnte. Besonders in Arbeits- und Sozialthemen mischt er sich vehement ein. Er ist nicht schwerreich, was ihm auf diesen Feldern eine zusätzliche Glaubwürdigkeit verleiht. Bei den Demokraten hat er sich flügelübergreifend einen guten Ruf erarbeitet.

Nachteil: Er ist schon zweimal bei Vorwahlen angetreten - und untergegangen. 2008 fuhr er in Iowa mit nicht einmal einem Prozent ein desaströses Ergebnis ein und gab sofort auf. Biden ist zudem berüchtigt für sein loses Mundwerk. Und mit Blick auf sein Wahlkampf-Budget hätte er aufgrund seiner späten Kandidatur einen Riesenrückstand auf die Republikaner.


John Kerry

Außenminister Kerry: Der Fluch von 2004 Zur Großansicht
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Außenminister Kerry: Der Fluch von 2004

Wegen seiner hervorragenden Umfragewerte wird selbst Kerry in diesen Tagen häufiger genannt. Als Außenminister schätzen ihn viele in der Partei, gegenüber dem Präsidenten verhält er sich loyal. Die Frage nach einer Kandidatur beantwortet er mit einem Lächeln - ohne sie klar zu verneinen.

Vorteil: Er kann eine erfolgreiche Bilanz vorweisen. Kerry hat das Iran-Abkommen verhandelt und die Öffnung gegenüber Kuba organisiert. Die Außenpolitik der USA gilt als grundsätzlich neu justiert. Nebeneffekt: Er ist drauf und dran, den Flugmeilen-Rekord von Condoleezza Rice (1,06 Millionen Meilen) zu brechen.

Nachteil: Kerry war schon einmal Kandidat der Demokraten - und hat 2004 gegen George W. Bush deutlich verloren. Damals "erarbeitete" er sich durch seinen Zickzack-Kurs den Ruf als Mister Wankelmut. Seine Prestigeprojekte Iran-Deal und Kuba-Öffnung mögen in der Partei beliebt sein. Im Wahlkampf dürften sich die Republikaner daran abarbeiten.


Al Gore

Ex-Vize Gore: Heikle Firmenbeteiligungen Zur Großansicht
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Ex-Vize Gore: Heikle Firmenbeteiligungen

Der ehemalige Vizepräsident (unter Bill Clinton) gilt manchen Demokraten als Geheimwaffe für 2016. Gore, so die Hoffnung, könnte traditionelle Werte der Demokraten am besten verkörpern.

Vorteil: Gore ist bestens vernetzt, er könnte wohl auch kurzfristig eine Menge Wahlkampfgeld locker machen. Mit seiner Klima-Initiative hat er sich ein progressives Image verpasst, das ihm helfen könnte, die Basis zu mobilisieren. Zudem steht er für die positiven Aspekte der Clinton-Jahre - ohne mit einem entsprechenden Nachnamen zu polarisieren.

Nachteil: Der 67-Jährige ist seit etlichen Jahren raus aus der aktiven Politik. Bei den Republikanern wird sein Klimaschutz-Engagement belächelt. Auch liberale Kräfte werfen ihm vor, sich nur aus Eigeninteresse für eine Energiewende zu engagieren. Gore hat ein erhebliches Vermögen angehäuft, Hunderte Millionen Dollar. Seine Firmenbeteiligungen könnten im Wahlkampf zum Problem werden.

Zum Autor
Veit Medick ist seit Februar 2009 Politikredakteur im Berliner Büro von SPIEGEL ONLINE und seit August 2015 Korrespondent in Washington.

E-Mail: Veit_Medick@spiegel.de

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