Enthüllungsbuch über Hillary Clinton 480 Seiten Debakel

Nach ihrer Niederlage gegen Donald Trump arbeitet Hillary Clinton an der neuen Karriere. Eigentlich stünde einem Comeback als Ratgeberin der Nation nichts im Wege - wäre da nicht ein Enthüllungsbuch.

AFP

Von , Washington


Wenn Donald Trump in dieser Woche die ersten 100 Tage seiner Präsidentschaft feiert, erinnert das auch an die traumatische Niederlage von Hillary Clinton. Trump darf im Weißen Haus mit Macht experimentieren, Clinton ist auf der Suche nach einer neuen Aufgabe. Einer neuen Rolle, die ihr Scheitern vergessen machen soll.

Bis vor Kurzem lief das Projekt "Hillary Reloaded" nicht schlecht. Die Wahl war ein Schock, unmittelbar danach hatte sich Clinton mit ihrer Familie zurückgezogen und wanderte durchs Unterholz von Chappaqua, ihrem Heimatort im US-Bundesstaat New York.

Doch schnell meldete sie sich mit Auftritten und Reden zurück. Während Ex-Präsident Barack Obama erst jetzt sein Comeback einleitet, verlor Clinton keine Zeit. Neuerdings ist sie Ratgeberin, Mentorin und Umweltschützerin der Nation.

"Sie ist endlich frei"

Gerade besuchte sie ein LGBT-Event in New York. Dann warnte sie beim Tribeca-Filmfestival vor den Gefahren von Elefantenwilderei in Afrika. Sie ließ sich als Schuhmodel für die Sängerin Katy Perry auf Instagram ablichten. "Legt euch ein dickes Fell zu", riet sie im April Frauen mit politischen Ambitionen. "Man wird euch attackieren, es wird jedes Mal wehtun." Das Ziel der Gleichberechtigung sei "unfinished business", noch nicht abgeschlossen. "Ich denke, ich habe noch viel zu tun."

Entspannter, lockerer, wärmer wirke Clinton, so die Meinung vieler Beobachter. "Sie ist endlich frei", schrieb die "New York Times".

Die Neuerfindung als Allroundexpertin, als Idealistin ohne Zwänge, als Ikone, die an den Verlustängsten weißer Männer scheiterte - sie hätte funktionieren können. Wäre da nicht ein Enthüllungsbuch, aus dem US-Medien breit zitieren.

Es zeichnet ein verheerendes Bild von Clintons Wahlkampf und rückt ihr Scheitern wieder in den Mittelpunkt. Das Buch heißt "Shattered - Inside Hillary Clinton's doomed campaign" ("Kaputt - Mittendrin in Hillary Clintons Kampagne, die zum Scheitern verurteilt war").

Verfasst haben es die US-Journalisten Jonathan Allen und Amie Parnes. Seit Jahren begleiten sie Clintons Karriere, sie sprachen mit Dutzenden Beteiligten ihrer Kampagne. Herausgekommen ist das 480-seitige Protokoll eines programmierten Desasters.

  • Die Autoren rekonstruieren, wie Clinton aus ihrem schlechten Abschneiden bei den Vorwahlen in Michigan kaum Konsequenzen zog - obwohl Mitarbeiter sie dazu drängten. Nicht nur Clinton schätzte die Lage falsch ein. Obama sagte zu Kampagnenchef John Podesta: "Es ist zu leicht", gegen Trump zu gewinnen.
  • Die Autoren bescheinigen Clinton hausgemachte Pannen. "Hillary fehlte eine große Vision, die sie den Bürgern hätte vermitteln können. Niemand aus ihrem Team war in der Lage, das zu korrigieren." Die E-Mail-Affäre saß sie schmerzhaft lange aus. Clintons Lungenentzündung geriet zur Kommunikationskrise, weil selbst enge Mitarbeiter davon aus den Medien erfuhren.
  • Clinton hielt an Kampagnenmanager Robby Mook fest, obwohl der sich einen strategischen Fehler nach dem nächsten leistete und mit fragwürdigen Umfragewerten hantierte. Laut Mitarbeitern litt er an Kontrollwahn und zettelte Streitigkeiten im Führungszirkel an. Vertraute flehten Clinton vergeblich an, Mook zu entlassen.
  • Viele Szenen zeigen eine angespannte Stimmung. Chefstratege Jake Sullivan kritisierte Clinton in einer Probe für eine Debatte. "Das war nicht gut." Clinton entgegnete: "Wirklich? Dann mach es doch besser." Am Telefon beschimpfte Bill Clinton Mitarbeiter, weil aus der E-Mail-Affäre ein Dauerproblem wurde. Hillary Clinton fügte hinzu: "Ihr habt ihn gehört. Macht euren Job."
  • Als der Demokrat Bernie Sanders für einen Werbespot Clintons Slogan "I'm with her" in die Kamera sagen sollte, lehnte er ab. "Dieser Spruch ist so unecht."
  • In der Wahlnacht war es Obama persönlich, der Clinton zu einem Einräumen der Niederlage drängte. "Du musst jetzt zugeben, dass du verloren hast", riet er ihr. Wenig später entschuldigte sie sich bei ihm. "Mr President. I'm sorry."

Dass in Clintons Kampagne irgendwas schiefgelaufen sein muss, wenn jemand wie Trump ins Weiße Haus einziehen konnte, ist keine überraschende Erkenntnis. Aber es sind die vielen Details, sei es die Wut, der Frust, die Ohnmacht oder die Enttäuschung mancher Gesprächspartner, die das Buch so beklemmend wirken lassen.

Vor allem brechen die Autoren mit Clintons Wunsch-Narrativ, sie habe das Maximum getan, um gegen schwere äußere Bedingungen wie die Hackerangriffe aus Russland anzukämpfen. Die Autoren kommen zu einem anderen Schluss: Clinton hätte gewinnen können. Aber sie und ihre Leute waren zu unfähig.

Clintons Umfeld hat einen Gegenangriff gestartet, die frühere Kommunikationschefin Jennifer Palmieri schrieb: "Es war schwer, aber wir haben zusammengehalten und sind wahnsinnig stolz auf unsere Kandidatin." Ihre Stellvertreterin Christina Reynold pries den Zusammenhalt und den Idealismus im Team. "Wir haben Fehler gemacht, aber das Buch gibt die Realität nicht wieder", sagte Ex-Pressechef Jesse Ferguson.

Bald will Clinton selbst ein Buch über ihre Wahlkampferfahrungen veröffentlichen. Die Schlacht um die Deutungshoheit, wer oder was schuld ist an Trumps Präsidentschaft, hat gerade erst begonnen.

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