US-Demokraten Hillary Clinton deklassiert Bernie Sanders

Das Vorwahl-Duell der Demokraten scheint entschieden: Beim zweiten Super Tuesday hängt Hillary Clinton ihren Rivalen Bernie Sanders klar ab. Doch er offenbart auch ihre größten Schwächen.

Von und , New York und West Palm Beach

US-Demokrat Bernie Sanders in Phoenix, Arizona
AFP

US-Demokrat Bernie Sanders in Phoenix, Arizona


Schon eine halbe Stunde bevor die Gewinnerin des Abends die Bühne betritt, ist das Convention Center in West Palm Beach außer Rand und Band. Hillary Clintons Fans reißen die Hände hoch, jubeln bei jeder neuen TV-Prognose, die über die Bildschirme läuft. "Hillary! Hillary!"-Sprechchöre hallen durch den Saal, eine Band spielt Pop-Song-Covers.

Ausgelassene Stimmung bei Clintons Siegesfeier in Südflorida - und das nicht ohne Grund. Die frühere First Lady und Ex-Außenministerin hat es an diesem zweiten Super Tuesday der US-Vorwahlen geschafft, den Vorsprung auf ihren verbissenen Konkurrenten Bernie Sanders doch noch auszubauen. Hier im wichtigen "Swing State" Florida ist das besonders deutlich: Clinton hängt den Senator mit 65 Prozent klar ab.

Und so scheint sich das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten an diesem Dienstagabend endgültig entschieden zu haben. Clinton gewinnt in allen fünf Bundesstaaten - auch in Illinois, wo ihr Schicksal an das des gebeutelten Chicago-Bürgermeisters Rahm Emanuel gebunden war. Auch in Missouri, wo Sanders in der Auszählung lange vorn lag, schob sie sich an ihrem Rivalen vorbei.

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Clintons weiter Anlauf - mit Abstand vorn

Dessen Rückstand wird sich rechnerisch kaum noch aufholen lassen: Mit inzwischen mehr als tausend Parteitagsdelegierten - knapp die Hälfte der benötigten 2382 - hat Clinton die Nominierung fast in der Tasche. "Niemand kann uns aufhalten", ruft ein Florida-Fan im Clinton-T-Shirt.

Um kurz vor 21 Uhr tritt sie dann auch endlich auf die Bühne. Die ungeduldigen Anhänger jubeln vor Entzückung, schwenken Schilder: "Fighting for us." Clinton wirkt selbstbewusst und siegessicher, ihre Rede ist nach vorn gerichtet, auf die kommende Konfrontation mit dem Widersacher im Herbst - wohl Donald Trump, der nur sechs Kilometer entfernt feiert, in seinem güldenen Protzklub Mar-a-Lago.

Die USA bräuchten einen Präsidenten, der "unser Land verteidigen kann, statt es zu blamieren", ruft Clinton heiser. Einer, der "Barrikaden niederreißt, statt Mauern zu bauen". Denn dies sei "der folgenreichste Wahlkampf unserer Generation", er werde das künftige Leben aller Amerikaner beeinflussen - und aller Menschen "auf diesem Planeten".

Sanders wird seine " donquichottische Kandidatur" ("New York Times") auch jetzt nicht aufgeben. Eines aber hat er erreicht: Er hat Clintons Schwächen offenbart - Schwächen, die sich noch rächen könnten.

Denn es hätte ja alles viel einfacher sein sollen. Ihr zweiter Anlauf aufs Weiße Haus sollte nach dem grässlichen Frusterlebnis von 2008 ein Spaziergang werden. Sie war die automatische Kandidatin, der die Nominierung zustand, verdient in fast vier Jahrzehnten im öffentlichen Leben. Kein junger, aufmüpfiger Widersacher mehr wie Barack Obama. Keine Skandale, die nicht längst durchgekaut wären. Keine Zweifel.

Dann kam Sanders

Dann kam Sanders, der 74-jährige Sozialist aus Vermont. Niemand sah ihn als Gefahr, zumindest niemand im Clinton-Lager. Sanders war ein amüsantes Kuriosum, mehr nicht. Lasst den alten Herrn ruhig mal.

Doch schnell mutierte sein Underdog-Wahlkampf zur Revolte gegen Clinton. Sanders thematisierte ihre Nähe zur Wall Street. Er zeigte ihre ewig wechselnden Positionen auf, je nach politischer Großwetterlage. Er machte ihr junge Wähler abspenstig. Er machte ihr Männer abspenstig. Er machte ihr sogar Frauen abspenstig. Und vorige Woche landete er einen Überraschungssieg im Blue-Collar-Staat Michigan.

Am Ende zeigte er vor allem, dass nicht er Clintons größtes Problem ist. Hillary Clintons größtes Problem ist und bleibt - Hillary Clinton.

• All die Clinton-Skandale der Vergangenheit haben ihr Image bei älteren Wählern geprägt. Deren Mehrheit sieht sie bis heute als nicht vertrauenswürdig. Jüngere Wähler dagegen, geboren nach der Präsidentschaft ihres Mannes, kennen oft nur ihren E-Mail-Skandal.

• Dies ist das Jahr des Aufstands gegen das Establishment, nicht nur bei den Republikanern. Und Hilary Clinton ist - so sehr sie diese Charakterisierung ablehnt - das personifizierte Establishment.

• Zugleich symbolisiert sie die Vergangenheit. Das war schon 2008 gegen Obama ihre Krux. Dass sie diesmal von einem Oldtimer sabotiert wird, ist fast tragikomisch - und ein Omen für November.

Sanders zerrt all diese Mankos ans Licht. Die gute Nachricht für Clinton: Bei den Republikanern droht das blanke Chaos. Ihre Schwächen dürften dann nicht das Hauptthema sein.

Aber natürlich wird Sanders sie weiter piesacken. Er verbrachte den Abend in Phoenix im Bundesstaat Arizona - dort wird nächste Woche gewählt.

Lesen Sie hier alles über die Ergebnisse bei den Vorwahlen der Republikaner.

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