Neues Clinton-Buch "Warum bin ich der Blitzableiter für so viel Wut?"

Heute erscheint in den USA das Buch von Hillary Clinton über den Wahlkampf. Inhalt und Erscheinungstermin sorgen für Unverständnis, für Empörung - nicht nur beim politischen Gegner.

Hillary Clinton
AFP

Hillary Clinton

Von , Washington


Im Buchladen "Politics and Prose" in Chevy Chase ist die Welt des bürgerlich-liberalen Amerika noch in Ordnung. Hier, im Nordwesten der Hauptstadt Washington, wird Hillary Clintons neues Buch "What Happened" wie eine Offenbarung gefeiert.

Zu den Eigentümern gehört eine ehemalige Redenschreiberin Clintons. Der Laden plant eine große Buchvorstellung mit der Ex-Kandidatin; gleich am Eingang gibt es freundliche Hillary-Wackelpuppen zu kaufen. Daneben liegen hübsche Bildbände über die Clintons und die Obamas bereit.

Bücher von oder über Donald Trump muss man dagegen lange suchen. Hillary Clinton erzielte in der Gegend bei der Wahl im vergangenen Jahr mehr als 90 Prozent der Stimmen. Hier ist sie immer noch ein Star.

Das war es dann aber auch mit der Hillary-Begeisterung. Jenseits solcher kleinen, feinen Inseln löst das neue Clinton-Buch in den USA eher Empörung aus. Wieder einmal kann sie es keinem recht machen. Clintons politische Feinde bei den Republikanern, etliche Medien, aber auch einige Parteifreunde fallen über sie her, kritisieren wahlweise den Inhalt des Buchs, den Erscheinungstermin ("direkt nach dem Hurrikan"), ihre große Werbetour durch 15 Städte - oder alles zusammen.

Ein bisschen Selbstkritik

Clintons 500-Seiten-Werk ist vor allem ein Rückblick auf das Wahljahr 2016. Nach allem, was man bisher weiß, enthält es zwar auch einige selbstkritische Passagen. Etwa, wenn sie zugibt, zu spät erkannt zu haben, dass ihre Kampagne nicht funktioniert.

Ansonsten teilt sie aber vor allem aus, macht andere für ihre Niederlage verantwortlich: Ex-FBI-Chef James Comey, Wladimir Putin, Bernie Sanders, WikiLeaks-Gründer Julian Assange (um nur einige der Beschuldigten zu nennen). Sie beklagt sich über Sexismus, verurteilt die Veröffentlichung der E-Mails aus ihrem Kampagnenbüro. Und attackiert die Medien, die daraus eine riesige Sache gemacht hätten.

Bernie Sanders
Getty Images

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Clinton reißt eine Menge alte Wunde auf, auch bei den eigenen Leuten. Ihrem linken Widersacher Sanders wirft Clinton vor, er habe sie im Wahlkampf im Stich gelassen und ihr schweren Schaden zugefügt. Seine Attacken auf sie und ihre Großspender aus der Industrie hätten Donald Trump die Möglichkeit geboten, sie als korrupt zu brandmarken, schreibt sie.

Sanders will diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen: "Clinton trat gegen den unbeliebtesten Kandidaten in der Geschichte des Landes an, und sie hat verloren", ätzt der Senator aus Vermont zurück. "Es ist ziemlich dumm, jetzt die ganze Zeit über 2016 zu reden."

Was Medien und Rechte am Buch kritisieren

Auch in eher liberalen Medien kommt Clintons Rechtfertigungsschrift nicht wirklich gut an: Das Buch biete keinerlei neue Erkenntnisse, schreibt die "Los Angeles Times". Statt einer Abrechnung hätte Clinton lieber ein Buch über die wichtigen politischen Themen schreiben sollen, die ihr am Herzen liegen. Und der "Boston Globe" meint, Clinton schade mit dem Buch ihrer Partei: "Die Demokraten müssen jetzt in die Zukunft schauen, nicht in die Vergangenheit."

Im rechten Lager ist die Empörung über Clinton naturgemäß noch größer. Seit Jahrzehnten ist Clinton für die Rechte in den USA eine Hassfigur. Wie eh und je wird Clinton von ihnen auch jetzt wieder als geldgierig und berechnend dargestellt. Der Sender Fox News rechnete haarklein nach, wie Clinton und ihr Verlag Simon & Schuster mit dem neuen Buch und VIP-Tickets bei den Buchvorstellungen Geld verdienen.

"Warum bin ich nur der Blitzableiter für so viel Wut?"

Tatsächlich aber passt vielen Republikanern die Aufregung um das Buch gut ins Konzept. Damit können sie von ihren eigenen Probleme ablenken. Hillary Clinton ist laut aktuellen Umfragen noch unbeliebter als Präsident Trump, ihre vorübergehende Rückkehr in die politische Arena werde den Demokraten schaden, hoffen die Strategen im Weißen Haus.

Clinton will sich von der Kritik derweil nicht beirren lassen. "Warum bin ich nur der Blitzableiter für so viel Wut?", fragt sie trotzig in ihrem Buch. "Ich musste mir das einfach von der Seele schreiben."



insgesamt 58 Beiträge
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Atheist_Crusader 12.09.2017
1.
Wenn sie Jemanden für ihre Niederlage verantwortlich machen will, sollte sie mal beim völlig antiquierten Electoral College anfangen. Denn trotz Trump, Comey, Assange, Sanders, Putin und wer sonst noch auf ihrer Liste steht, hatte sie drei Millionen Stimmen mehr. Drei Millionen. In jeder geistig gesunden Demokratie wäre das ein Sieg gewesen.
wittchen2000 12.09.2017
2. Bestseller sind gut für's Konto
Wäre ja auch unintelligent ein Buch zu schreiben das aufgrund von mangelndem Diskussionsstoff in den Läden verstaubt. Je mehr Aufmerksamkeit desto mehr Umsatz.
observerlbg 12.09.2017
3. Prima Psychotherapie.
Ich will jetzt nicht wieder ein Zitat von Dieter Nuhr bringen, aber ein "hätte sie nur geschwiegen" ist schon angebracht. Die Hybris und Eitelkeit der Eliten ist unser Untergang. In diesem Fall einstweilen der Untergang der "alten" Demokraten. Hoffen wir auf nachfolgende Generationen. Sad, very sad only.
Mister Stone 12.09.2017
4.
Blitzableiter für die Wut auf die Eliten? Sie hat doch den Blitz maßgeblich erzeugt und immer wieder befeuert.
gunpot 12.09.2017
5. Je mehr Kritik,
desto höher die Auflage und mehr Geld in den Kassen der Clintons. Zur öffentlichen Empörung: C'est le dernier soucis de Hillary.
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