Abschied der US-Außenministerin Drei Jahre Pause für Hillary

Hillary Clinton ist nach zwei Jahrzehnten Politik raus, ab sofort heißt der neue US-Außenminister John Kerry. Aber geht das überhaupt, amerikanische Politik ohne Hillary? Viele arbeiten bereits an ihrem Comeback als Präsidentschaftskandidatin 2016.

Von , Washington

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Ja, schon klar: Politik ist weder exakt noch eine Wissenschaft. Und wer dennoch unter dieser Annahme experimentiert hat, für den hielt die Geschichte kein gutes Urteil bereit. Alles wahr. Doch einmal muss hier mit exakten Zahlen hantiert werden, geht ganz schnell: 112 Länder besucht und damit den Rekord aufgestellt; 1.530.773 Kilometer oder 38-mal um die Welt geflogen; 2084 Stunden oder 87 Tage in Verkehrsmitteln verbracht. Verzeihung, die Zahlen hinterm Komma habe ich vernachlässigt.

Das ist die Bilanz von Hillary Clinton, zumindest was ihre Reiseaktivitäten als US-Außenministerin angeht. Die Zahlen sagen wenig über ihren politischen Erfolg aus (durchmischt) und erklären wohl kaum ihre Wirkung (ziemlich beliebt). Klar ist nur: Seit Freitag ist Schluss, ab sofort wird nur noch privat geflogen. Clinton hat ihr Amt an John Kerry übergeben.

Mehr als tausend Wochen Hillary

Sie werde es vermissen, hat sie gesagt. Und dass sie jetzt erst mal jenes über 20 Jahre angesammelte Schlafdefizit angehen will. Das übrigens ist die eigentlich bemerkenswerte Zahl: Zwei Jahrzehnte hat sich diese Frau im Zentrum amerikanischer Politik bewegt. Als First Lady zwischen 1993 und 2001, in der Amtszeit ihres Mannes Bill, als US-Senatorin für den Staat New York bis 2009, als Chefdiplomatin bis 2013. Um auch hier exakt zu sein: Das macht insgesamt 7317 Tage oder 1045 Wochen.

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Hillary Clinton: First Lady, Senatorin, Außenministerin
112 Länder, das heißt: Clinton kennt die ganze Welt. 7317 Tage bedeuten: Die ganze Welt kennt Hillary. So gut wie jeder hat ein Bild von dieser Frau; die meisten haben sogar eine Meinung, mehr oder weniger. Ich erinnere mich an die Clintons aus der "Tagesschau", wie sie mit den Kohls vorm Brandenburger Tor stehen.

Das war 1994, in der Schule hatten wir gerade das US-Regierungssystem und Hillary trug dieses, nun ja, zwischen orange und eierschalenfarben changierende Kostüm. Aber die Kohls daneben, gute Güte. Für mich hieß der Bundeskanzler ja schon seit frühkindlichen Zeiten mit Vornamen Kanzler und mit Nachnamen Kohl. Die Clintons waren die Besucher vom fremden Stern namens Moderne. Toll, dachte ich, dieses Amerika.

Kohl wurde, kaum zu fassen, tatsächlich irgendwann abgewählt. Die Clintons aber blieben. Wir verfolgten die Lewinsky-Affäre, das Amtsenthebungsverfahren, Hillarys Scheitern in den Vorwahlen gegen einen Mann namens Barack Obama, von dem wir noch nie was gehört hatten. Wir sahen sie als Außenministerin im Kanzleramt (diesmal neben Merkel) und dann auf jenem Foto aus dem Situation Room im Weißen Haus, wie sie sich mit Schrecken die Hand auf den Mund legt, während auf der Videoleinwand und am anderen Ende der Welt gleich Osama Bin Laden erschossen werden sollte.

Hillary war eigentlich immer und überall dabei. Und weil sie das war, nannte sie am Ende gefühlt die ganze Welt nur noch bei ihrem Vornamen. Hillary ist zur Marke geworden. Hillary überstrahlt Clinton. Und damit in gewisser Weise auch ihren Mann.

Tanzen, Bier trinken, Sonnenbrille tragen

Die Frau, die einst als ehrgeizig, asketisch und berechnend galt, hat sich über die vergangenen vier Jahre zur sympathischen und coolen Person entwickelt. Auf ihren Auslandsreisen hat sie getanzt, Bier getrunken und gar sonderliche Sonnenbrillen getragen. Sie mag noch immer knallhart sein - doch die Wahrnehmung ist jetzt eine andere. Einer Umfrage der "Washington Post" zufolge mögen sie 67 Prozent der Amerikaner. Schon wieder ein Rekordwert. Hillary ist die beliebteste Politikerin in den USA. Unter den Demokraten kommt sie auf 91 Prozent, bei den Unabhängigen auf 65 Prozent und sogar bei den Republikanern auf 37 Prozent. Vor einiger Zeit fanden die Demoskopen gar heraus, dass 44 Prozent der radikalkonservativen Tea-Party-Anhänger glauben, das Land stünde besser da mit einer Präsidenten Clinton.

Was ist denn da passiert? An ihrer politischen Bilanz kann es nicht liegen. Die ist nicht schlecht. Aber eben auch nicht überragend.

Denn das Projekt der Hillary Clinton gibt es ja nicht: Im Nahen Osten geht es nicht voran, im Arabischen Frühling machten die Amerikaner zeitweise einen recht ratlosen Eindruck, der Bürgerkrieg in Syrien hat schon 60.000 Opfer gefordert. Und gerade übernahm Clinton politische Verantwortung für mangelnde Sicherheitsmaßnahmen des US-Konsulats im libyschen Bengasi, das Ziel eines Terror-Anschlags geworden war.

Sie hat oft im Hintergrund gewirkt, auf der ganzen Welt für Frauenrechte gekämpft, sich mit lokalen Gruppen vernetzt. Aber auch die Vielzahl ihrer Projekte kann ihre Beliebtheit nicht erklären. Politik ist eben keine exakte Sache, siehe oben.

Nein, es ist die Dauerpräsenz des Clinton-Clans, der dynastische Reiz, es ist die (scheinbare) Wandlung Hillarys, die das Land mitfiebern lässt. All das macht die große Clinton-Saga aus, mit diversen Staffeln. Und schon jetzt warten die Leute auf die nächste mit dem Titel: Hillary 2016. Wird sich Clinton noch einmal um die demokratische Präsidentschaftskandidatur bewerben? Darüber rätselt das politische Washington. "Ich habe absolut keine Pläne anzutreten", versichert Clinton am Freitag noch mal. Aber ausschließen will sie nichts. Und darauf kommt es an. Nach zwei Jahrzehnten in der Hauptstadt weiß sie ihre Worte zu wählen.

Zuletzt war es Obama selbst, der Clinton während eines gemeinsamen Interviews als Nachfolgerin in Stellung brachte. Schon jetzt sammeln sich ihre Unterstützer. Zwei SuperPACs (Political Action Committee) sind bereits gegründet, Tassen und T-Shirts mit dem Schriftzug "Hillary 2016" werden auch schon im Internet angeboten. Ein gutes Jahr hat sie jetzt wohl Zeit, um sich zu entscheiden. Ein Jahr zum Ausschlafen. Dann will das Land wissen, ob es weitergeht.

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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
metronomfahrer 02.02.2013
1.
Zitat von sysopREUTERSHillary Clinton ist nach zwei Jahrzehnten Politik raus, ab sofort heißt der neue US-Außenminister John Kerry. Aber geht das überhaupt, (Welt-)Politik ohne Hillary? Undenkbar, die Frau muss zurückkommen! Und manche arbeiten bereits daran. http://www.spiegel.de/politik/ausland/hillary-clinton-verabschiedet-sich-von-us-aussenministerium-a-881082.html
Was ist jetzt an Frau Clinton so supertoll?
b.oreilly 02.02.2013
2.
na ja, Frau Clinton, Jahrgang 1947, wäre dann zur Amtsübernahme 70 Jahre alt, genau wie Ronald Reagan 1981. Wenn man dann einkalkuliert, dass auch sie zwei Amtszeiten absolviert, sage ich heute schon, dass sie für den Job zu alt ist. Es war damals bei Reagan zum Ende seiner zweiten Amtsperiode ein sichtliches Problem Amt und Alter in Einklang zubringen.
reznikoff2 02.02.2013
3. Ob...
...Weltpolitik ohne Hillary geht? Ich glaube schon.
steve_burnside 02.02.2013
4. optional
Ich mochte diese Frau auch schon immer und fand es schade, dass sie gegen Obama unterlag. 2016 wird sie 69. Das kann ich mir nicht vorstellen, dass sie dann nochmal antritt.
Vespa74 02.02.2013
5. Frage...
Schafft es eigentlich SPON auch nur ein mal über die Themen USA, Obama, Wahlkampf, Waffen usw. neutral zu berichten?
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