Vergangenheit als Anwältin Wirbel um die "Hillary-Tonbänder"

Hillary Clintons Feinde versuchen, ihre Präsidentschaftskandidatur zu stoppen. Jetzt erinnern sie an einen Vergewaltigungsfall von 1975. Damals vertrat Clinton den Angeklagten - und machte sich über das zwölfjährige Opfer lustig.

Hillary Clinton auf einer Veranstaltung zur Frauenförderung: "Und sie sollen angeblich für Frauen sein?", fragt ein Vergewaltigungsopfer
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Hillary Clinton auf einer Veranstaltung zur Frauenförderung: "Und sie sollen angeblich für Frauen sein?", fragt ein Vergewaltigungsopfer

Von , New York


Schon ihr allererster Kriminalfall stellte sie vor ein moralisches Dilemma. 1975 übernahm die junge Anwältin aus dem US-Südstaat Arkansas die Pflichtverteidigung eines Mannes, der angeklagt war, ein zwölfjähriges Mädchen vergewaltigt zu haben. Alle Indizien sprachen für seine Schuld. Trotzdem gelang es ihr, seine Haftstrafe auf zehn Monate herunterzuhandeln.

Die Juristin schaffte das mit den üblich-fiesen Tricks der Branche. Sie diskreditierte das Opfer als "emotional labile" Lügnerin. Sie untergrub ihre Glaubwürdigkeit. Sie nutzte aus, dass das Kriminallabor das wichtigste Beweisstück zerstört hatte. "Sie gaben ihm einen Deal", erinnerte sie sich später an den Ausgang des Verfahrens. "Ich half ihm aus der Patsche."

Sicher: Es ist die Pflicht eines Strafverteidigers, selbst schuldige Mandanten freizuschlagen. Ob auf Kosten eines vergewaltigten Kindes, ist eine andere Frage. Die Anwältin aus Arkansas hatte da jedenfalls keine Gewissensprobleme.

Die 27-jährige Yale-Absolventin, die die Rechtshilfestelle der University of Arkansas leitete und für den Fall 250 Dollar bekam, hieß Hillary Rodham. Noch im selben Jahr heiratete sie einen früheren Kommilitonen - Bill Clinton.

Warum diese unschmeichelhafte Episode aus Hillary Clintons tiefster Vergangenheit gerade jetzt hochbrodelt, ist offensichtlich. Um ihre Präsidentschaftskandidatur in 2016 zu stoppen, scheuen Clintons Feinde vor nichts zurück. Selbst wenn das heißt, auch mal eine fast 40 Jahre alte Kriminalakte entstauben zu müssen.

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Hillary Clinton: Die heimliche Kandidatin
Anders als andere Kapitel der Clinton-Saga ist dieses weitgehend unbekannt. Ausgegraben hat es, kaum überraschend, die konservative Website "Washington Free Beacon" - in Form einer bisher unveröffentlichten Audio-Aufzeichnung, auf der Clinton zu hören ist, wie sie sich über die ganze Affäre lustig macht.

"Er absolvierte einen Lügendetektortest", sagt sie über ihren Mandanten - und dann kichernd: "Er bestand ihn, was meinen Glauben an Lügendetektoren für immer zerstört hat." Klartext: Auch sie hielt den Mann für schuldig.

"Hillary Clinton zerrte mich durch die Hölle"

Trotzdem kämpfte sie mit allen Mitteln für ihn - und gegen das Opfer. "Die Klägerin neigt dazu, älteren Männern nachzustellen", schrieb Clinton im Mai 1975 in einer eidesstattlichen Erklärung, die der "Beacon" ebenfalls aus den Gerichtsakten kramte. "Auch wurde ich informiert, dass sie in der Vergangenheit falsche Anschuldigungen wegen körperlicher Belästigung gegen Personen erhoben hat."

Das Gericht reduzierte den Tatbestand schließlich auf "Betasten einer Minderjährigen". Clintons Mandant wurde zu einem Jahr Haft verurteilt, die zweimonatige Untersuchungshaft darauf angerechnet.

Der Mann starb 1992. Das Opfer lebt noch - und meldete sich nun auch zu Wort. "Hillary Clinton zerrte mich durch die Hölle", sagte die heute 52-Jährige der kaum als rechtslastig geltenden Website "Daily Beast". Dann sprach sie Clinton direkt an: "Sie haben über mich Lügen verbreitet. Und Sie sollen angeblich für Frauen sein?"

Mit dem Rest des wütenden Interviews schadet sich die Frau freilich. Die Audio-Aufzeichnung mit Clintons Stimme dagegen ist unzweideutig - und authentisch: Sie entstammt einer Reihe von Interviews, die ein Journalist zwischen 1983 und 1987 mit beiden Clintons geführt hatte. Die Aufnahmen lagern heute bei der University of Arkansas. Dort hatte der "Beacon" kürzlich auch die Tagebücher der Clinton-Vertrauten Diane Blair entdeckt, die aber weniger brisant waren als angekündigt und nur kurz für Schlagzeilen sorgten.

Das Klischee von der eiskalten Hillary

Diesmal hoffen Clintons Erzfeinde, dass es sie zumindest in Erklärungsnot bringt, ein zwölfjähriges Opfer schlechtgemacht zu haben - zugunsten des mutmaßlichen Täters. Die Geschichte fing auf den konservativen Blogs und Fox News denn auch schnell Feuer: Für die ist sie eine weitere Bestätigung ihres Klischees von einer eiskalten Hillary Clinton.

"Schockierend" findet aber auch die kaum als rechtslastig verdächtige Website "Gawker" Clintons Verhalten. "Schmutzig" nennt die "Washington Post" den Fall, verweist aber auf Clintons Verpflichtung an ihren Mandanten: Ihr daraus einen Strick zu drehen, zitiert sie Steven Benjamin, den Expräsidenten der US-Anwaltsvereinigung NACDL, sei "höchst unfair".

Wird also auch diese Attacke an Clinton abperlen? Wohl keine öffentliche Person in den USA ist über die Jahre mehr durchleuchtet worden als sie - ohne dass etwas kleben blieb. "Teflon-Kandidatin", nannte CBS sie einmal.

Aber bis zum Wahltag am 8. November 2016 ist es ja noch etwas hin.



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