Hinrichtung von "Chemie-Ali" im Irak Giftgasmörder am Galgen

Er ließ Zehntausende Kurden mit Giftgas töten und 1,5 Millionen Menschen vertreiben, zwei Gegner enthauptete er persönlich: "Chemie-Ali" war ein skrupelloser Scherge Saddam Husseins. Jetzt ist er in Bagdad hingerichtet worden - wo es am Montag eine neue Terrorserie gab.


Hamburg - Es roch merkwürdig an diesem Tag im April. "Wie fauler Apfel", berichtete eine Zeugin. Doch es war Giftgas, das Kampfflugzeuge 1987 auf ihr Dorf im Nordirak abwarfen. Die Haut der Frau schälte sich, sie erbrach Blut: "Ich wurde blind, meine Kinder wurden blind, und mein Haus wurde bis auf die Grundmauern zerstört." Sie war eines von Tausenden Opfern von Ali Hassan al-Madschid.

Madschid, genannt "Chemie-Ali", war ein gefürchteter Helfer Saddam Husseins, bekannt für seine Grausamkeit. An diesem Montag ist der 69-Jährige in Bagdad hingerichtet worden, gehängt wegen Mordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Er war einst einer der meistgesuchten Vertreter des Regimes im Irak und wurde viermal zum Tode verurteilt.

Unklar ist, ob die jüngste Terrorserie in Bagdad zu der Hinrichtung in Beziehung steht: Attentäter griffen am Montag fast gleichzeitig drei Hotels an, in denen viele Ausländer und Journalisten unterkommen. Dutzende Menschen wurden getötet und verletzt, ein SPIEGEL-Korrespondent war Augenzeuge der Anschläge.

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"Chemie-Ali": Der Schlächter Kurdistans
Erst vor rund einer Woche war das letzte Urteil gegen "Chemie-Ali" gefallen - wegen des Massakers, das ihm den grausamen Spitznamen einbrachte. Als Gouverneur im Nordirak führte Madschid seit Frühjahr 1987 einen brutalen Kampfeinsatz. Mit chemischen Waffen und konventionellen Bomben vertrieben die irakischen Streitkräfte die kurdische Bevölkerung aus ihren Dörfern im Nordirak. Die Armee setzte nach, um jeden zu töten, der die ersten Angriffe überlebt hatte. Ein Jahr später befahl Madschid den berüchtigten Überfall auf die kurdische Kleinstadt Halabdscha. Die Luftwaffe bombardierte den Ort mit Giftgas, darunter Senfgas und das Nervengas Sarin. 5000 Menschen starben. Die Bergung der Leichen und des verendeten Viehs dauerte monatelang.

Die mörderische Offensive war Teil des Krieges zwischen dem Irak und Iran, es war eine Strafaktion gegen die Kurden, die mit Teheran paktierten. 1989, am Ende des Feldzugs, waren etwa 200.000 Kurden tot und ungefähr 1,5 Millionen vertrieben. Weite Landstriche Kurdistans waren durch den Einsatz chemischer Waffen verwüstet und ungefähr 4000 Gemeinden zerstört.

"Madschid war Saddams Axt"

Für seine Brutalität wurde Madschid belohnt: Er übernahm in den neunziger Jahren den Posten des Gouverneurs im annektierten Kuwait, dann stieg er zum Innen- und Verteidigungsminister auf. "Madschid war Saddams Axt", hieß es in einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Der Iraker verfolgte Abtrünnige des Regimes - selbst seine eigene Familie schonte er nicht. 1996 ließ er seine Neffen Hussein und Saddam Kamel hinrichten, die sich vorübergehend nach Jordanien abgesetzt hatten. Zwei Angehörige einer Spezialeinheit soll er zudem wegen Geheimnisverrats öffentlich und mit eigener Hand enthauptet haben.

Madschid, einst ein einfacher Motorradkurier, stieg mit seinem Vetter Saddam Hussein auf - als dieser stürzte, wurde auch er zum Getriebenen.

Als die USA im März 2003 im Irak einmarschierten, war Madschid zeitweise Kommandeur der südlichen Teile des Irak. Auf der US-Fahndungsliste der 55 meistgesuchten Iraker nahm Madschid Platz fünf ein, in dem zur Fahndung ausgeteilten Kartenspiel der US-Armee war er der Pik-König.

Im April 2003 begingen die USA einen folgenschweren Fehler. Um 5.30 Uhr morgens warf ein Kampfflugzeug im Stadtteil Tuwaisi der irakischen Stadt Basra zwei lasergesteuerte 500-Kilo-Bomben auf ein Haus ab. Die Amerikaner vermuteten darin den Gesuchten. Zwei Wochen später wussten sie es besser: Madschid war gar nicht in diesem Haus gewesen. Statt seiner starben 17 unschuldige Menschen. Das US-Zentralkommando änderte den Status des Generals von "tot" auf "unbekannt".

200 Leichen im Garten

Erst wenige Monate später wurde Madschid tatsächlich gefasst, US-Armeeeinheiten griffen ihn und seine Bodyguards auf. Einem Bericht zufolge fanden Ermittler in dem Garten seiner Villa 200 Leichen in einem Massengrab.

Den "Schlächter Kurdistans", so wurde er auch genannt, verurteilten Richter 2007 erstmals zum Tode - als Strafe für die Niederschlagung des kurdischen Aufstands in den Jahren 1987 und 1988. Ende 2008 folgte das zweite Todesurteil, weil er den Aufstand der Schiiten 1991 niedergeschlagen hatte.

Im März 2009 wurde Madschid wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum dritten Mal zum Tode verurteilt. Dabei ging es um den Tod von Dutzenden Schiiten, die 1999 im Bagdader Stadtteil Sadr-City und in der Stadt Nadschaf im Süden des Landes ermordet worden waren. Mitte Januar wurde zum vierten Mal die Todesstrafe gegen ihn verhängt - nun wurde sie vollstreckt.

kgp/dpa/AFP

insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
saul7 25.01.2010
1. +++
Zitat von sysopEr ließ Zehntausende Kurden mit Giftgas töten und 1,5 Millionen Menschen vertreiben, zwei Gegner enthauptete er persönlich: "Chemie-Ali" war ein skrupelloser Scherge Saddam Husseins. Jetzt ist er in Bagdad hingerichtet worden - wo es am Montag eine neue Terrorserie gab. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,673941,00.html
Ich bin ein Gegner der Todesstrafe. Eine Bestrafung dieses Massenmörders ist aber notwendig!
stesoell 25.01.2010
2. Nein.
Zitat von saul7Ich bin ein Gegner der Todesstrafe. Eine Bestrafung dieses Massenmörders ist aber notwendig!
Ich bin ein Gegner der Todesstrafe. Sie ist für niemanden notwendig.
fritzes_flitze 25.01.2010
3. Ich bin eine...
... entschiedene Befürworterin der Todesstrafe. Endlich ist der Massenmöder dort, wo er hingehört: 6 feet under.
Gertrud Stamm-Holz 25.01.2010
4. titel
Zitat von saul7Ich bin ein Gegner der Todesstrafe. Eine Bestrafung dieses Massenmörders ist aber notwendig!
Natürlich ist eine Bestrafung notwendig. Als Gegener der Todesstrafe kann es in ihrem Fall aber nicht die Todesstrafe sein.
moisdemai 25.01.2010
5. Illegaler Irak-Krieg
Zitat von stesoellIch bin ein Gegner der Todesstrafe. Sie ist für niemanden notwendig.
Da haben Sie Recht. Allerdings frage ich mich, wenn ich diese Art von Berichterstattung über den "Chemie-Ali"im Spiegel lese, wann der "depleted Uranium und whire Phosphor-George" für seinen illegalen Irakkrieg vor Gericht gestellt wird. http://www.informationclearinghouse.info/article24483.htm
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