Hinterhalt Angreifer sollen 120 syrische Polizisten getötet haben

Die Kämpfe in Syrien werden immer brutaler: Im Norden wurden nach einem Bericht des Staatsfernsehens 120 Polizisten getötet, nachdem sie in einen Hinterhalt gelockt worden waren. Die Lage im Land ist extrem angespannt - Sicherheitskräfte schießen wahllos auf Demonstranten.


Beirut - Syrien steht offenbar vor einer neuen Eskalation der Gewalt. In einer seit Tagen umkämpften Stadt nahe der türkischen Grenze sind nach einem Bericht des staatlichen syrischen Fernsehens vom Montag 120 Polizisten und Sicherheitskräfte getötet worden. Das Innenministerium in Damaskus kündigte am Montag eine "entschiedene und kraftvolle Reaktion" auf derartige Angriffe an.

Die Beamten seien in Dschisr al-Schughur in einen Hinterhalt geraten und in ein Feuergefecht verwickelt worden, hieß es in dem Fernsehbericht. Bei den Angreifern handele es sich um "bewaffnete Banden", deren Vorgehen in dem Bericht als Massaker bezeichnet wurde.

Die bewaffneten Gruppen hätten Polizei- und Sicherheitskräfte angegriffen, das Postamt gesprengt, Behördengebäude in Brand gesteckt und Leichen verstümmelt. Für den Bericht gab es keine Bestätigung von unabhängiger Seite. Eine Berichterstattung ist äußerst schwierig, da Journalisten keinen oder nur streng reglementierten Zugang haben.

Innenminister Ibrahim Schaar sagte, die Regierung werde Angriffen auf den Staat nicht untätig zuschauen. Seine kurze Stellungnahme wurde von Beobachtern als eine bevorstehende Verstärkung des ohnehin schon sehr massiven Vorgehens der Sicherheitskräfte gegen die Protestbewegung aufgefasst.

Zahl der Todesopfer steigt

Sicherheitskräfte gehen seit mehreren Tagen gegen die Protestbewegung in Dschisir al-Schughur vor. Allein dort und in umliegenden Dörfern seien in den vergangenen Tagen 35 Menschen, darunter 27 Zivilisten und acht Sicherheitsbeamte, ums Leben gekommen, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Montag in London mit. Weiter nördlich, in der Stadt Idleb, hätten Sicherheitskräfte am Abend 1500 Demonstranten auseinandergetrieben.

Zugleich kämpfen Sicherheitskräfte nach wie vor willkürlich gegen Rebellen und Oppositionelle: In der Küstenstadt Dschabla schossen die Sicherheitskräfte nach Angaben der Menschenrechtler auf Demonstranten, um deren Versammlung aufzulösen. Dabei seien zwei Zivilisten getötet worden.

In der Nacht zum Sonntag schossen Assad-Getreue auf rund 7000 Demonstranten, die in der ostsyrischen Stadt Deir al-Sor eine Statue von Baschar al-Assads verstorbenen Vater Hafes umstürzen wollten. Zahlreiche Menschen wurden Anwohnern zufolge verletzt, drei getötet.

Seit dem Beginn der Proteste gegen Assad am 15. März wurden laut Menschenrechtsaktivisten mehr als 1100 Menschen getötet und über zehntausend weitere festgenommen. Den syrischen Behörden zufolge, die "bewaffnete kriminelle Banden" für die Unruhen verantwortlich machen, kamen seitdem mehr als 150 Polizisten, Soldaten und Mitglieder der Sicherheitskräfte ums Leben.

Blutige Bilanz am Wochenende

In Syrien vergeht mittlerweile kaum ein Tag ohne Todesopfer. Mindestens 60 Demonstranten waren am Freitag allein in der Stadt Hama gestorben. Am Samstag trugen dort laut einem Oppositionellen Hunderttausende die Opfer zu Grabe. "Die Wut in der Stadt ist sehr groß", sagte der Mann. "Die Menschen werden niemals Ruhe geben oder sich einschüchtern lassen."

In Hama hatte Assads Vater als Präsident des Landes 1982 einen islamistischen Aufstand niederschlagen lassen. Dabei wurden bis zu 30.000 Menschen getötet.

Die jüngsten Proteste für demokratische Reformen reißen trotz der Freilassung Hunderter politischer Gefangener im Zuge einer Amnestie nicht ab. Außer in Hama starben auch in anderen Landesteilen Demonstranten: Sieben Menschen seien in Rastan im Zentrum des Landes getötet worden, teilte eine weitere Menschenrechtsorganisation mit. Die Stadt wird seit Sonntag vergangener Woche von Panzern belagert.

In Berlin warnte Außenminister Guido Westerwelle angesichts der Ereignisse vor einer neuen "Spirale der Gewalt" im Nahen Osten. Die anhaltenden Spannungen bereiteten ihm "größte Sorgen", sagte der FDP-Politiker. "Diese explosive regionale Lage zeigt, wie wichtig es ist, den Friedensprozess im Nahen Osten wiederzubeleben."

Grenzkonflikt am Golan

Zeitgleich spitzt sich der Konflikt zwischen Syrien und Israel zu. Israel wirft Syrien vor, die pro-palästinensischen Demonstranten als "Kanonenfutter" gegen Israel einzusetzen. Am Montag blieb es an der Grenze zu Syrien weitgehend ruhig, obwohl Demonstranten sich weiter in der Nähe aufhielten. Die israelische Armee blieb in erhöhter Alarmbereitschaft.

Am Sonntag waren dort nach syrischen Berichten 23 Menschen getötet und 350 weitere verletzt worden. Bei den Toten handelt es sich nach Angaben der Aktivisten um 17 Palästinenser und sechs syrische Sympathisanten, die zum Teil aus weit entfernten Ortschaften stammen.

Darunter waren den Angaben zufolge auch eine Frau, ein zwölfjähriger Junge und ein Journalist. In mehreren palästinensischen Flüchtlingslagern in Syrien wurden die Toten am Montag unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt.

Mit der Protestaktion am sogenannten Naksa-Tag wollten die Palästinenser an die Eroberung des Westjordanlands, des Gaza-Streifens, Ost-Jerusalems und auch der Golanhöhen durch Israel während des Sechstagekriegs von 1967 erinnern.

Das von den Muslimbrüdern und der noch jungen Demokratiebewegung bedrängte syrische Regime hatte die dramatischen Szenen, die sich auf den Golanhöhen abspielten, am Sonntag offensichtlich ausgeschlachtet. Das syrische Staatsfernsehen strahlte eine Dokumentation mit dem Titel "Der Golan in meinem Herzen" aus.

"Assad wird fallen"

Gerüchten zufolge soll das Assad-Regime Demonstranten sogar für die Teilnahme an der Grenzerstürmung bezahlt haben. Syrische Bauern hätten 1000 Dollar bekommen, Familien von Todesopfern sogar 10.000 Dollar, hieß es in einer Mitteilung der oppositionellen syrischen Reformpartei, die sich auf Geheimdienstinformationen berief.

Die Unruhen in Syrien geben auch neues Futter für Propaganda: Israels Verteidigungsminister Ehud Barak sah Syriens Präsidenten durch die anhaltenden Aufstände in dessen Land irreparabel geschwächt. "Ich glaube, Assad wird fallen", sagte Barak einem israelischen Radiosender. Die Instabilität Syriens verhindere weitere Friedensgespräche, sagte er.

Die Gespräche zwischen Israel und Syrien liegen seit 2008 auf Eis. Syrien hatte als Preis für einen Friedensvertrag die Rückgabe der Golanhöhen verlangt. Israel eroberte den Höhenzug während des Sechstagekriegs 1967 und annektierte ihn 14 Jahre später.

amz/AP/dpa/Reuters



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makutsov 06.06.2011
1. Israel
Öhm, was passiert eigentlich wenn Israelis die syrische Grenze stürmen? Da wird doch auch scharf geschossen. Ich sehe da irgendwie kein Problem. Die Jungs wussten doch, worauf sie sich einlassen.
discurso, 06.06.2011
2. .
Das sieht nach Bürgerkrieg aus, ist aber auch nachvollziehbar, wenn friedliche Demonstranten permanent von Polizisten/Soldaten ermordet werden.Assad sollte sich vielleicht schon einmal nach einem Plätzchen im Iran umsehen, sonst landet er vielleicht auch noch in Den Haag.
zeilentiger 06.06.2011
3. Kritische Berichterstattung?
Lieber SPIEGEL ONLINE, die syrischen Staats(!)medien berichten von 80 (!) in einer Kleinstadt getöteten Polizisten und Ihnen genügt ein schlichtes "offenbar", um Ihrer journalistischen Pflicht nachzukommen? Ich will nicht bestreiten, dass dort Polizisten getötet wurden (wie auch, ich kann das selbst ja nicht nachprüfen), aber ich wundere mich über Ihre verhältnismäßig unkritische Meldung.
dumedienopfer 06.06.2011
4. machen wir aus 80 immernoch 8 dann stimmt die Zahl vielleicht
Zitat von sysopDie Kämpfe in Syrien werden immer brutaler: Im Norden wurden offenbar 80 Polizisten getötet, nachdem sie in einen Hinterhalt gelockt worden waren.*Die Lage im Land ist extrem angespannt - Sicherheitskräfte schießen wahllos auf Demonstranten, Augenzeugen berichten von vielen Toten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,766970,00.html
80 Polizisten tod, hört sicher eher nach einer Hinrichtung an ... oder wie so oft sind die Zahlen wieder mal völlig Falsch, desinformationen haben ja seit den Irakkrieg hochkonjuktur.
BingoBongoMan 06.06.2011
5. Machen Sie Witze?
Zitat von discursoDas sieht nach Bürgerkrieg aus, ist aber auch nachvollziehbar, wenn friedliche Demonstranten permanent von Polizisten/Soldaten ermordet werden.Assad sollte sich vielleicht schon einmal nach einem Plätzchen im Iran umsehen, sonst landet er vielleicht auch noch in Den Haag.
Der göttliche Führer hat in den letzten Wochen soviel Geld, KnowHow, Söldner und Scharfschützen nach Syrien geschickt um sein warmes Plätzchen in Damaskus nicht zu verlieren! Ohje, ohje, ich sehe es schon kommen, die werden alle noch entweder in Peking oder in Moskau landen, die Gold und Dollar-LKWs vorrausgesetzt natürlich!
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