Hirsi Alis Rückkehr aus den USA "Wir blamieren uns vor den Augen der Welt"

Sie lebte in ständiger Bedrohung durch fanatische Islamisten, schließlich verließ Ayaan Hirsi Ali die Niederlande - jetzt musste sie zurückkehren: Der niederländischen Regierung ist ihr Personenschutz in den USA zu teuer. Eine verhängnisvolle Blamage. Von Leon de Winter


Amsterdam - Es gibt nicht viele Menschen, die der niederländische Staat nach islamistischen Todesdrohungen beschützen muss. Es sind genau fünf.

Diese Art des Schutzes ist kostspielig. Die Gesellschaft trägt die Kosten, weil die Meinungsfreiheit, ein Eckpfeiler unserer Kultur, auf dem Spiel steht. Es sind Extremisten, die bereit sind, ihr eigenes Leben zu riskieren, um die Beschützten zu töten.

Die in Somalia geborene Islam-Kritikerin Ayaan Hirsi Ali: Symbol von weltweiter Bedeutung
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Die in Somalia geborene Islam-Kritikerin Ayaan Hirsi Ali: Symbol von weltweiter Bedeutung

Egal was der Personenschutz kostet - es ist wenig im Verhältnis zu dem, was in Gefahr ist: unsere Werte und Normen.

Ayaan Hirsi Ali ist die Sechste und sie ist ein spezieller Fall. Sie wurde bedroht, als sie sich als niederländische Bürgerin und Mitglied des Parlaments kritisch zum politischen Islam äußerte. Nach der sogenannten "Pass-Affäre" – die niederländische Ministerin für Einwanderung und Integration drohte ihren Pass einzuziehen, nachdem Ayaan beschuldigt wurde, dass sie bezüglich ihres Namens und Geburtsdatums gelogen hatte, als sie in den Niederlanden ankam – zog sie nach Amerika und machte dort innerhalb weniger Monate eine unglaubliche Karriere: Sie schrieb einen Bestseller, sie bekam einen Job beim American Enterprise Institute. Aber in Amerika fällt sie als Niederländerin nicht unter US-Schutzgesetze und Regelungen.

Im Gegensatz zu dem, was viele in den Niederlanden über den Erfolg ihrer Autobiografie denken, ist sie nicht reich. Sie selbst kann den Schutz, den sie benötigt, nicht bezahlen – auch wenn sie das gerne würde. Und anscheinend konnte der niederländische Staat nicht die richtigen US-Funktionäre finden, mit denen sie eine Vereinbarung hätte treffen können. Am 1. Oktober lief der durch den niederländischen Staat bezahlte Schutz aus – ein Beschluss von Justizminister Ernst Hirsch Balin. Ayaan kam zurück in die Niederlande, denn ohne Schutz hat sie keinen Tag mehr zu leben.

Wieviel ist ihr Leben laut Minister Balins Haushalt wert?

Irgendjemand im Justizministerium hat vertrauliche Dokumente über Ayaans Schutz an die Zeitung "NRC-Handelsblad" durchsickern lassen, der Medienzirkus kam in Gang. Die derzeitige Aufmerksamkeit rund um Ayaan wurde nicht von ihr oder ihrem Umfeld verursacht; sie wäre gerne in aller Stille in den Niederlanden geblieben und hätte mit Hirsch Balin in aller Stille eine Lösung suchen wollen.

Wieviel ist ihr Leben laut Minister Hirsch Balins Haushalt wert? Wie berechnet er das? Dies sind Fragen, die plötzlich akut sind, Fragen die Margaret Thatcher bezüglich des Lebens von Salman Rushdie nie gestellt hat, wo auch immer dieser sich befand.

Es sind Fragen, die in einer zivilisierten Gesellschaft nicht aufkommen dürften. Ayaan ist ein einzigartiger Fall, ein Symbol von weltweiter Bedeutung und vor seiner Präzedenzwirkung braucht niemand Angst zu haben. Als niederländische Gesellschaft sollten wir geehrt sein, diese besondere Frau in Schutz zu nehmen. Nach der Pass-Affäre blamieren wir uns jetzt erneut vor den Augen der ganzen Welt.

Die niederländische Regierung erweckt den Eindruck, dass sie sich weigert, eine der wichtigsten Kämpferinnen für die Freiheit im Islam zu schützen – während wir achtlos die seetaugliche Yacht und die Jagdausflüge unseres Königshauses bezahlen.

Ayaan Hirsi Alis Schutz kostet in den Niederlanden vermutlich mehr als in Amerika, wo die Kosten ein kleiner Posten im Haushalt der sündhaft teuren niederländischen Botschaft in Washington hätten sein können, aber formale Buchhaltungsüberlegungen spielen beim Justizministerium plötzlich eine Rolle: Wenn Ayaan in den Niederlanden beschützt wird, fällt das in die bestehenden Etats. Für ihren Schutz in Amerika muss aber ein gesonderter Etat geschaffen werden und das ist ein Problem, selbst wenn dieser Etat kleiner ist. Genau wie im Fall der Pass-Affäre steht allen Beteiligten ein schrecklicher Kater bevor.

Ende des Schutzes wäre das Todesurteil

Der niederländische Staat kann es moralisch nicht verantworten Ayaan nicht zu beschützen – hier oder anderswo. Dass sie beschützt werden muss und dass der Staat diesen Schutz bezahlt, sind unvermeidliche Konsequenzen der absoluten Zurückweisung jeglicher Kritik am Islam und am Propheten in bestimmten Moslem-Kreisen.

Die niederländische Gesellschaft hat in diesem Fall keine Wahl – das Einstellen des Schutzes kommt einem Todesurteil gleich. Und weil sie in Amerika ein relativ ruhiges Leben führen kann, in den Niederlanden nicht. Weil sie dort aufgrund ihrer Bekanntheit nicht auf die Straße kann und wie eine Gefangene leben muss, ist es menschlich, sie auch in Amerika beschützen zu lassen.

Parlamentsmitglied Sybrand van Haersma Buma von den Christdemokraten meinte in der Zeitung "Volkskrant" zu der Tatsache, dass die Niederlande Ayaans Schutz in Amerika bezahlten, Folgendes anmerken zu müssen: "Es handelte sich um eine Übergangsregelung, die nicht unbegrenzt andauern kann."

Wieviele Tage will er Ayaan geben? Noch eine Woche zu leben? Einen Monat? Und danach sind die Schlächter des fundamentalistischen Islams am Zuge?

Ob wir sie nett, lieb oder opportunistisch finden oder nicht, wir können es uns nicht leisten, dass ihr etwas passiert. Die niederländische Regierung macht ein Problem aus etwas, das kein Problem sein dürfte und lediglich Chaos und Trauer verursacht.

Sowohl Hirsi Ali als auch Hirsch Balin können nur verlieren – und die Sieger sind die Extremisten, die sich über unser Unvermögen, dieser mutigen Frau Ruhe und Sicherheit zu bieten, lustig machen. Es ist zu teuer, verstehen Sie? Es ist zum Heulen.

Aus dem Niederländischen übersetzt von Verena Bardtholdt



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