Hisbollah-Chef Krieg macht Nasrallah zur Kultfigur

Es ist nur eine Feuerpause, vielleicht bald ein kontrollierter Frieden. Die Hisbollah feiert aber den Sieg über Israel. Und sie bejubeln ihren Chef Hassan Nasrallah, der endgültig Kultstatus unter den Radikalen im Nahen Osten erlangt hat - und der gefährlicher denn je ist.

Aus Beirut berichtet


Beirut - Was die Werbemanager der Hisbollah an der Autobahn in Richtung Flughafen in Beirut montiert haben, ist ein Gruß an die Abreisenden, die kein Arabisch sprechen. Es ist keines der improvisierten gelb-grünen Plakate oder Banner, von dem herab ihr Chef und Hisbollah-Oberbefehlshaber Hassan Nasrallah milde lächelt. Ein ganz normales Werbeplakat, riesig groß, regulär bezahlt. Die Botschaft ist unmissverständlich: "The divine victory - der göttliche Sieg" wird gefeiert.

Im Fernsehsender al-Manar, dem Propaganda-Kanal der Hisbollah, laufen seit zwei Tagen ähnliche Bilder. In PC-Animationen recken sich aus den Trümmern des Südlibanons Hände, formen das Victory-Zeichen. Kurz danach spielt eine Band. Inmitten der zerstörten Häuser Südbeiruts schwingen die Männer im Takt. Der Text ist blumig und ohne rechten Sinn, nur das Wort Sieg kommt Dutzende Male vor.

Nasrallah, der Milizen-Chef, Prediger, das Gesicht des Widerstands - er ist allgegenwärtig. Überall im Land hängen frisch gedruckte Plakate mit seinem Konterfei und Bildern von Katjuscha-Raketen. Während sich am Litani-Fluss libanesische Soldaten für die Kontrollübernahme rüsten, rauschen ganze Bus-Karawanen mit Hisbollah-Fahnen, Porträts des Anführers in der Windschutzscheibe vorbei. Von innen dröhnen laute Kampfgesänge, die neuen Siegeshymnen der Hisbollah.

In den Dörfern ist alles für die Rückkehrer vorbereitet. Erstaunliches haben die Hisbollah-Werber in den letzten Tagen geleistet. Kaum eine Ruine liegt ohne Hisbollah-Fahnen-Schmuck am Boden. Große Banner über den Straßen sollen den Menschen die eigene Meinung und die Interpretation der letzten Wochen erleichtern: Die Hisbollah ist nicht schuld an der massiven Zerstörung, sie hat vielmehr den Krieg gegen Israel gewonnen. Für den Libanon hat sie alles gegeben gegen den Feind.

"Made in the USA"

Schuld an der Zerstörung seien ganz andere. "Made in the USA", ist eine beliebte Formel, meist am Eingang eines besonders schwer bombardierten Dorfes. Über den Trümmerbergen wird auf Plakaten rhetorisch gefragt, ob dies die Folgen der Demokratie seien, über die in Israel immer geredet werde. Andernorts wird der "Sieg gegen die Mörder" oder schlicht der "Sieg des Scheichs" gefeiert. Es ist die süße Rache des Hassan Nasrallah.

Man mag den Siegestaumel zur Feuerpause für Propaganda halten. Gleichwohl ist die Waffenruhe, sei sie auch nur vorläufig, eine Zäsur aus Sicht aller Radikalen im Nahen Osten. Bis zum Ende ließ der Scheich Raketen gen Israel schießen, bis heute herrscht er über den Süden. Das Ziel, seine Miliz zu zerschlagen, hat Israel verfehlt. Und so titelt auch der renommierte "Economist": "Nasrallah gewinnt den Krieg".

Auch an Nasrallah selber kamen die Israelis nie heran. Mehrfach konnte er sich zu Wort melden, für die nächsten Tage rechnen Beobachter gar mit einem inszenierten Bad in der Menge im Libanon. Jetzt, da Waffenstillstand herrscht, können die Israelis ihn nicht mehr töten. Ganz gleich also, was aus dem Friedensprozess wird - Nasrallah lebt und wird seine Truppe weiter führen. Sein Platz im Geschichtsbuch - irgendwo zwischen Ajatollah Chomeini, Saddam oder dem alten Assad - ist sicher.

Rächer der Palästinenser

Der Respekt für Nasrallah war auch aus den Ansprachen von Syriens und Irans Präsidenten zu hören. Beide lobten seinen Kampf. Von den Kritikern der Hisbollah-Attacken auf Israel hingegen, zum Beispiel vom jordanischen König Abdullah, war wenig zu hören. Auch er weiß um die Stimmung in seinem Land, in dem Nasrallah plötzlich als Rächer der Palästinenser gefeiert wird. Kritik an der neuen Kultfigur ist nicht ratsam - wer weiß, was aus ihm wird.

Der Aufstieg von Nasrallah ist der Höhepunkt einer ungewöhnlichen Karriere. Geboren 1960 in den Slums von Beirut, von den Eltern vom mühsam Ersparten auf eine Privatschule geschickt, kannte man ihn als devoten Muslim. Schnell setzte sich der 15-Jährige zu Beginn des Bürgerkriegs 1975 in den Irak ab, studierte den Koran in Nadschaf. Kurz darauf wechselte er nach Qom in Iran. Auch dort erregte der charismatische Junge viel Aufsehen.

Nasrallah, von seinen Anhängern Ministerpräsident genannt, ist kein verblendeter Religiöser. Nie brachte er es zu hohen religiösen Weihen, weil der Koran ihn nicht so sehr interessierte. Mitschüler bezeichnen ihn heute als fleißig, aber nicht begnadet. Vielmehr ist er ein erfahrener Politiker, der den inzwischen getöteten libanesischen Premier Rafik al-Hariri regelmäßig zum Tee besuchte. Man habe immer einen Deal mit dem Schiiten-Führer gefunden, sagte Hariri einmal.

Seit Jahren ist Nasrallah im Libanon eine feste politische Größe. Als Führer der Hisbollah traf er sogar schon Uno-Chef Kofi Annan. Timur Gocksel, jahrelang Chef der Uno-Truppe im Süden, beschreibt Nasrallah als reinen Pragmaten. "Er war wissbegierig, hatte stets Zeitung gelesen, natürlich viel über Israel und das Militär, aber auch vieles mehr", so der Uno-Mann.

Israel-Hass als Basis der Politik

Der Kampf gegen Israel wurde für Nasrallah zum Lebensinhalt. Schon früh schloss er sich religiös-ideologisch dem iranischen Establishment unter Ajatollah Chomeini und dem jetzigen Führer Chameni an. Nasrallah gilt seit langem als Irans Statthalter. Nur wenige Tage nachdem Nasrallah im Jahr 1982 Hisbollah-Chef wurde, flogen auch die ersten Katjuschas über die Grenze.

Immer wieder sucht er die Provokation: Keine Rede kommt ohne Hetze gegen Juden aus. Sein 18-jähriger Sohn starb 1997 im Kampf gegen die israelische Armee, Nasrallah verhandelte jahrelang um die Rückgabe der Leiche. Gleichwohl strickte er sofort eine Propaganda-Legende. Keine 24 Stunden war Hadi tot, da trat sein Vater auf einer Hisbollah-Feier auf. "Wir ehren uns selbst, wenn wir unsere Söhne an die Front schicken", rief er, "und stehen erhobenen Hauptes, wenn sie fallen".

Nun, auf dem Höhepunkt seiner Macht, ist kaum zu erwarten, dass der Scheich der Schiiten im Libanon milde wird. Vielmehr wird er sowohl dort als auch über die Grenzen hinweg gefährlicher denn je. Was er sagt, wird unter den Radikalen Gehör finden. Was er schreibt, wird zur Lektüre von Hunderttausenden. Unfreiwillig hat sich Israel einen Feind aufgebaut, der größer ist als die Hisbollah.

Schon heute fürchten israelische Geheimdienstler, dass radikale Gruppen wie die Hamas oder andere von der Hisbollah lernen könnten, wie man erfolgreich ist. Allein schon die Struktur der Gruppe, halb Kampfeinheit und halb Sozialverein, macht den Agenten des Mossad Sorgen. Vor allem aber könnten sie lernen, wie man eine Unterwanderung von den Diensten verhindert und sich diszipliniert.

Im Libanon muss man nur den blumigen Reden der Politiker in den letzten Tagen lauschen, um den Stellenwert Nasrallahs abzuschätzen. Ganz gleich welcher Partei die Redner angehören, indirekt oder direkt werben sie um Nasrallahs Unterstützung - oder zumindest darum, dass er und die Hisbollah sich erst mal ruhig verhalten. Schon jetzt ist seine Macht damit viel größer als es die beiden Minister im Kabinett abbilden. Nasrallah wird diesen Einfluss nutzen.

Die internationale Gemeinschaft wird sich unter diesen Voraussetzungen gut überlegen müssen, wie sie mit dem Scheich umgehen will. Bis jetzt zeigt er keine Bereitschaft, die Waffen seiner Truppen abzugeben oder sich gar entwaffnen zu lassen. Eine Zwangsmaßnahme hingegen würde unzweifelhaft auf eine neue Konfrontation im Südlibanon hinführen.

Wie auch immer die Uno vorgeht - es scheint, der Sohn aus den Slums Beiruts sitzt momentan am längeren Hebel.



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