Strafgesetze zur Vergewaltigung in der arabischen Welt Blut unterm weißen Kleid

Der Täter heiratet sein Vergewaltigungsopfer - und bleibt dadurch straffrei. Libanon, Tunesien und Jordanien haben dieses Gesetz nun abgeschafft. Für viele Frauen geht das Martyrium aber trotzdem weiter.

Feministische Protestaktion in Beirut
AP

Feministische Protestaktion in Beirut

Von


Amina Filali war 16 Jahre alt, als sie beschloss, sich das Leben zu nehmen. Der Grund: Die Marokkanerin war vergewaltigt worden und musste ihren Peiniger heiraten - auf Druck der eigenen Familie, die um die Ehre der Teenagerin fürchtete. Acht Monate lang hielt sie das Martyrium durch, dann aß sie Rattengift.

Ihr Tod erschütterte die Maghrebmonarchie 2012. Ein Einzelfall war die Entscheidung von Amina Filalis Eltern jedoch nicht. Mehr noch: Sie war nach marokkanischem Gesetz rechtmäßig.

Dieses sah vor, dass ein wegen sexuellen Missbrauchs angeklagter Mann straffrei davonkam, wenn er sein Opfer heiratete und somit deren Ehre "rettete". Zwei Jahre später wurde das Gesetz auf öffentlichen Druck hin abgeschafft.

"In Algerien, Irak, Kuwait oder Libyen besteht eine ähnliche Gesetzeslage weiter fort", sagt René Wildangel von Amnesty International. "Auch in Saudi-Arabien wird zwar über Reformen diskutiert, aber die Rechte von Frauen bleiben in nahezu allen Belangen eingeschränkt."

In den vergangenen Wochen haben sich aber nun gleich drei arabische Länder dazu aufgerafft, dem marokkanischen Vorbild zu folgen: Tunesien, Jordanien und der Libanon. Dass die jeweiligen Parlamente diese Entscheidungen getroffen haben, dafür haben maßgeblich die Frauen vor Ort gesorgt.

"Ein weißes Kleid verdeckt eine Vergewaltigung nicht"

Im Libanon waren es vor allem die Aktivistinnen der Gruppe Abaad, die das 128-köpfige Parlament seit Jahren unter Druck setzten. Die Frauen forcierten die Abschaffung des umstrittenen Paragrafen 522 des Strafgesetzbuches zu Vergewaltigung, Entführung und Zwangsheirat mit öffentlichkeitswirksamen Protestaktionen.

In Beirut hängten sie in den vergangenen Monaten etwa Plakate auf, die eine Frau in einem blutbefleckten und zerrissenen Hochzeitskleid zeigten - versehen mit dem Satz: "Ein weißes Kleid verdeckt eine Vergewaltigung nicht."

Eine Aktivistin stellte sich mit der gleichen Botschaft in einen Käfig, der in der Hauptstadt aufgestellt wurde. Das Hashtag #undress522 ging weit über die Landesgrenzen hinweg viral.

"Die Aufhebung des Paragrafen ist ein wichtiger Schritt", sagt Bassam Khawaja von Human Rights Watch. Er warnt aber, dass es auch weiterhin viele Familien geben dürfte, die so lange Druck auf ihre Töchter ausüben, bis diese ihre Vergewaltiger heiraten. Es handelt sich dabei nicht allein um ein Problem der muslimisch geprägten Welt. Costa Rica hat erst 2007 ein ähnliches Gesetz geändert, auf den Philippinen, einem mehrheitlich katholisch geprägten Land, existiert es weiterhin.

Vergewaltigung als soziales Todesurteil

Um die über Jahrhunderte gewachsenen patriarchalischen Strukturen aufzubrechen und die damit verbundenen Wertevorstellungen zu verändern, brauche es einen langen Atem, meint Abir Alhaj Mawas von Terre des Femmes mit Blick auf den Nahen Osten. "Klatschen allein reicht jetzt nicht. Für viele Frauen kommt eine Vergewaltigung auch weiterhin einem sozialen Todesurteil gleich", sagt die Syrerin. Und Amal Abu-Jiries von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Jordanien glaubt: "Eine feministische Schlacht ist gewonnen, der Krieg noch lange nicht."

Warum, das zeigt das Beispiel des haschemitischen Königreichs. Die dortige Gesetzesänderung, die noch vom Senat bestätigt werden muss, wurde von muslimischen und christlichen Aktivistinnen forciert. König Abdullah II. - selbst Vater von zwei Töchtern - unterstützte sie öffentlich.

"Für die vergewaltigten Frauen löst der Beschluss aber nicht ihre Probleme - vor allem wenn das Opfer im Zuge der Vergewaltigung schwanger wird", sagt Dörthe Engelcke vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht. Der Grund: Abtreibung ist nur dann erlaubt, wenn das Leben der Mutter auf dem Spiel steht. Die meisten Kinder werden deshalb auf die Welt gebracht.

Falsch verstandener Ehrenkodex

Das Hauptkriterium für die Anerkennung einer Vaterschaft nach jordanischem Recht ist aber auch weiterhin ein gültiger Ehevertrag. Ohne diesen haben die Kinder keinen Anspruch darauf, den Namen des Erzeugers zu tragen. Das führe zu sozialer Stigmatisierung, so Engelcke. "Sie haben zudem weder Anspruch auf Unterhalt noch auf ein Erbe."

Außerdem werden Mütter, die ein Kind ohne Ehevertrag in einem Krankenhaus zur Welt bringen, in administrativen Gewahrsam genommen - das heißt: Sie landen im Gefängnis und die Kinder im Heim. "Auch dies geschieht wieder unter dem Vorwand, dass das Leben dieser Frauen in Gefahr ist", sagt Engelcke. "Sie haben den Ehrenkodex der Gesellschaft verletzt und müssen deshalb ihre eigenen Familien fürchten."



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.