Historische Wende Obama erweckt das neue Amerika

Nur langsam wird den Amerikanern bewusst, was der historische Sieg von Barack Obama bedeutet - nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich und persönlich. Dieses Land, das gigantische Probleme zu lösen hat, hofft wieder auf den Glauben an sich selbst.

Aus Chicago berichtet


Chicago - Es dauert eine Weile, bis Gewissheit einkehrt. Bis die Hoffnung zur Realität wird und die Macht dieser Momente in das Bewusstsein der Millionen einsickert - nach all den langen Monaten der Zweifel, der Rückschläge und des nagenden Gefühls, dass das alles doch zu schön ist, um wahr zu sein.

Für Jennifer Head kommt dieser Moment erst in der Nacht, auf der South Michigan Avenue, der Prachtmeile Chicagos. Er kommt, nachdem sie auf den Leinwänden im Grant Park, in dem die Demokraten ihre Obama-Party feiern, einen Staat nach dem anderen an Barack Obama hat gehen sehen. Nachdem die Fernsehsender ihn zum Wahlsieger erklärt haben. Nachdem Obama auf die Bühne getreten ist und diese ernste, eindringliche Rede gehalten hat, die Zehntausende im Publikum zu Tränen rührte.

Erst auf dem Weg zur U-Bahn dämmert der 59-jährigen Schwarzen, was an diesem 4. November passiert ist. Schluchzend sinkt sie auf den Bordstein, murmelt etwas von Martin Luther King, von Rosa Parks, von ihrer Großmutter, die starb, bevor sie wählen durfte.

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"Oh, oh, oh!", ruft Head. Ihre Hände knüllen ein T-Shirt, das sie eingepackt hat, als sie noch nicht wusste, wie die Nacht enden würde. "Eine neue Hoffnung", steht darauf. "Ich war dabei, als am 4. November der Wandel kam."

Dieser Wandel wird viel bewirken - auf vielen Ebenen. Es ist tatsächlich ein neues Kapitel, ein Zeitenwandel. Nicht nur für Menschen wie Jennifer Head - sondern für ganz Amerika.

"Über diesen Tag werden meine Kinder in der Schule lernen", stammelt die Studentin Keisha Ward und umarmt weinend eine Freundin.

Der 44. Präsident der USA: ein Afroamerikaner. Ein Intellektueller, ein Un-Cowboy. Ein 47-Jähriger mit dem Namen Barack Hussein Obama - der vor acht Jahren nicht mal Zugang zum Parteitag der Demokraten bekommen hatte, der erst vor vier Jahren zum Juniorsenator von Illinois gewählt wurde.

Dies war weniger eine Wahl gegen etwas (die Bush-Jahre) als für etwas (eine neue Epoche). "Transformativ" hat der republikanische Ex-Außenminister Colin Powell die sich abzeichnenende Ära Obama in seiner folgenreichen Wahlempfehlung genannt.

Die "New York Times" schreibt noch in der Nacht von einer "nationalen Katharsis". Eine Läuterung, Rückbesinnung auf den "American Dream", der zerschmettert wurde unter Bush, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich.

Jetzt hofft das Land, seinen Glauben an sich selbst wiederzufinden.

"Wenn es da draußen noch jemanden gibt, der weiter daran zweifelt, dass Amerika ein Ort ist, an dem alles möglich ist ..." - das sind Obamas erste Worte. Sie machen klar, um was es geht.

Obama weiter: "... der sich fragt, ob der Traum unserer Gründerväter zu unseren Zeiten noch lebt, der die Macht unserer Demokratie anzweifelt - heute Abend ist eure Antwort!"

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Es sind mächtige Bewegungen, die sich da vollziehen in dieser lauen, historischen Nacht in Chicago. Obama nennt das "Hand an den Bogen der Geschichte legen".

Er hat von den Wählern ein klares Doppelmandat bekommen: erstens eine massive Mehrheit von Wahlmännern und von landesweit 52 Prozent der Stimmen - mehr als Ronald Reagan 1980 und Bill Clinton 1992 und 1996 geschafft hatten. Obama hat in allen wichtigen Schlüsselstaaten gewonnen, den Republikanern eine Hochburg nach der anderen abgejagt. Zweitens verfügen die Demokraten über eine satte Mehrheit im Kongress.

Doch Obama macht durchaus klar, dass die Arbeit jetzt erst beginnt. Seit Generationen musste kein Präsident mehr eine solche Erblast bewältigen: zwei Kriege, Rezession, Klimakrise, Terrorangst.

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Zum Vergleich fällt einem da nur Abraham Lincoln ein, der andere Präsident aus Illinois - ein Republikaner, dessen einende Kraft Obama hier namentlich beschwört. "Wir wissen, dass die Herausforderungen, die der morgige Tag bringt, die größten unseres Lebens sein werden", sagt er. "Dieser Sieg ist nicht der Wandel, den wir anstreben. Er ist lediglich unsere Chance, diesen Wandel zu bewirken."

Die Menschenmenge, eine Viertelmillion im Park selbst und Zehntausende mehr in den Straßen, schwappt bis zur Skyline, deren Turmspitzen in den Patriotenfarben Blau, Weiß und Rot funkeln. Tagsüber haben sie stundenlang vor den Wahllokalen angestanden, jetzt galt es, die Früchte dessen zu ernten. Weiße, Schwarze, Latinos, Asiaten sind hier, sie sind Obamas Basis, seine Stärke, seine Aktivposten.

Sie sind das neue Gesicht Amerikas.

Unter diesen anonymen, zugleich vertrauten Gesichtern finden sich viele Prominente, die sich auf einmal heulend mit Wildfremden in den Armen liegen. Howard Dean, der Parteichef und glücklose Kandidat von 2004, dessen Internet-Strategie die Grundlage schuf für Obamas gigantische Online-Kampagne, mit der er mehr als 600 Millionen Dollar gesammelt hat - mehr als je ein Kandidat vor ihm.

Regisseur Spike Lee, dessen Urgroßmutter als Sklavin geboren wurde und der nun kaum die Fassung wahren kann.

Bürgerrechtler Jesse Jackson, der mit seinen eigenen Kandidaturen den Weg geebnet hat.

Talk-Queen Oprah Winfrey, die sich früh hinter Obama gestellt hat, trotz Fan-Protesten und Folgen für ihre Einschaltquoten. Sie wischt sich Tränen von den Wangen. "Nie zu unseren Lebzeiten haben wir erwartet, dass so etwas geschehen könnte", bringt sie heraus. "Jetzt ist alles möglich."

Obamas Triumph, so deutlich er sich in den Umfragen auch abzeichnete, ist eben wirklich erst in dieser Nacht zur Gewissheit geworden. Die Siegeszweifel, die Obamas Team und Fans spätestens seit dem erbitterten Vorwahlkampf gegen Hillary Clinton plagten, sind auch im Grant Park noch stundenlang zu spüren gewesen. Auch das ein Symbol dafür, wie unsicher die USA ihrer selbst geworden sind. "Yes, we can!", skandieren nach den ersten gewonnenen Bundesstaaten einige, doch nur zaghaft, man will's ja nicht verschreien. Selbst in Obamas innerstem Zirkel gibt es bis zuletzt Zweifel. "Es ist schwer zu fassen", sagt Obamas sonst so cooler Chefstratege David Axelrod zu Beginn der Wahlnacht fast ungläubig, als die Hoffnung auf einen Sieg zu wachsen beginnt. "Alles, was wir zu diesem Punkt sehen, scheint positiv."

Massachussetts, Illinois, Connecticut, New Jersey, Maine, Delaware, Maryland, District of Columbia, alle fallen an Obama, das wurde erwartet. Dann aber das umkämpfte New Hampshire. Und Pennsylvania - am Ende auch Ohio. Da ist klar: John McCain ist am Ende.

Als dann um 5 Uhr MEZ die Wahllokale an der Westküste schließen, fallen im Grant Park die letzten Zweifel ab. Es ist der Jubel der vom Zweifel Erlösten, der sich nun Bahn bricht - laut, frei, doch fast erschöpft. Als hätten sie sich beim vielen Hoffen aufgerieben.

Nicht nur in Chicago ist dieser Jubel zu hören, sondern zum Beispiel auch auf den Straßen Harlems. Und in der Ebenezer Baptist Church, der Kirche Martin Luther Kings in Atlanta, wo mehr als 2000 Menschen beglückt feiern, derweil der Gospelchor "Der Sieg ist mein" anstimmt.

Auch die Vertrauten des neuen Präsidenten sind in diesen Stunden wie in Trance - es ist wahr geworden, wofür sie fast zwei Jahre gekämpft haben. Ein letztes Mal schallen die Schlager des Wahlkampfes aus den Lautsprechern. Der Motown-Hit "Signed, Sealed, Delivered, I'm Yours". Der Country-Song "Only in America". Die Soul-Hymne "You Take Me Higher". Töne, denen damals oft Enttäuschungen folgten.

Als Obama schließlich schleppenden Schrittes in den Orkan aus Beifall hinaustritt, wirkt er selbst irgendwie erschüttert von diesem großen Moment, und im Flutlicht vor der mächtigen Kulisse wirkt er klein, schmächtig mit seinem Jungenlächeln. Man kann nur ahnen, was jetzt in ihm vorgeht und noch vorgehen wird, wenn sich der Adrenalinschub der vergangenen zwei Jahre Wahlkampf nun plötzlich legen wird. Wenn der Alltag dräut.

Das weiß er natürlich. Seine Rede ist ein Balanceakt aus Idealismus und Realismus, Dur und Moll. "Dies ist euer Sieg!", ruft er - und spricht sofort vom "ungeheuren Ausmaß der Aufgabe". Beschwört den "neuen Geist des Patriotismus" - doch prophezeit "Rückschläge und Fehlstarts". Reicht den Republikanern die Hand - doch schwört Gegnern die harte Stirn.

Nur einer seiner Schwüre ist bedingungslos: Zum Einzug ins Weiße Haus verspricht Obama seinen Töchtern einen kleinen Hund. Seine Stimme bricht ein bisschen bei dem Satz.

Als alles vorbei ist, hockt Jennifer Head auf dem Bordstein der South Michigan Avenue und starrt ins Leere. Jemand reicht ihr die druckfrische Ausgabe der "Chicago Tribune", Schlagzeile: "It's Obama."

Head nimmt die Zeitung und vergräbt still ihren Kopf darin.

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