Von Carsten Volkery, London
Mehr als ein Hauch von Geschichte wird mitschwingen, wenn Queen Elizabeth II. am Dienstag in der irischen Hauptstadt Dublin eintrifft. Der letzte königliche Staatsbesuch liegt eine Weile zurück: Ihr Großvater George V. kam im Jahr 1911, und die Iren waren damals noch seine Untertanen.
Während der viertägigen Visite wird es merkwürdige Momente für beide Seiten geben. Gleich am Dienstag legt die Queen einen Kranz am Garten der Erinnerung in Dublin nieder, der Gedenkstätte für den Osteraufstand von 1916. Irische Nationalisten erhoben sich damals gegen die britische Krone, der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen. Sechs Jahre später erklärte sich Irland zum unabhängigen "Freistaat".
Die Queen besucht auch das Stadion Croke Park, wo 1920 britische Hilfspolizisten bei einem Fußballspiel plötzlich das Feuer eröffneten und 14 Menschen erschossen. Der Tag ging als der erste von mehreren irischen "Bloody Sundays" in die Geschichte ein. Es gab große Schlagzeilen, als 2007 zum ersten Mal wieder die englische Rugby-Nationalmannschaft hier spielen durfte und die britische Nationalhymne "God save the Queen" ohne Zwischenfälle durch das Stadion schallte.
Militante IRA-Nachfolgeorganisationen drohen mit Attentaten
Dass die Queen an diese heiligen Orte der irischen Republikaner geht, wird von einigen als Affront verstanden. Gerry Adams, Chef der Republikanerpartei Sinn Fein, nannte den Besuch "verfrüht". Gerade ältere Iren tun sich schwer mit der einstigen Symbolfigur der Unterdrückung, Proteste sind angekündigt, und militante IRA-Nachfolgeorganisationen drohen mit Attentaten. Die Dubliner Polizei rüstet deshalb bereits auf und hat sich Wasserwerfer aus Nordirland kommen lassen. Auch ein Plakatverbot wurde an den Stationen der Reise verhängt.
Doch sagen 80 Prozent der Iren in Umfragen, dass sie die Queen willkommen heißen. Sie verstehen den Besuch als Geste der Versöhnung und sind gespannt, wie die Monarchin auftritt. Es wird spekuliert, welche Worte sie wählt. Viele erwarten aus ihrem Mund eine Entschuldigung für die Bluttaten der Vergangenheit - so wie der britische Premier David Cameron sich vor einem Jahr für den anderen "Bloody Sunday", das Massaker in Derry, entschuldigt hatte .
Staatsbankett im Dublin Castle
Aus Sicht der Politiker besiegelt der Staatsbesuch endgültig den nordirischen Friedensprozess. Die irische und die britische Regierung, die das Programm gemeinsam ausgetüftelt haben, wollen die Botschaft senden, dass die Beziehungen der einstigen Erzfeinde wieder vollkommen normal sind. Die Visite symbolisiere das "Ende der Jahre der Teilung", sagt der irische Premier Enda Kenny. Um das Signal der Einigkeit zu unterstreichen, kommt auch der britische Regierungschef Cameron am Mittwoch, um am Staatsbankett mit der Queen im Dublin Castle teilzunehmen. Der Ort des Abendessens ist von hoher Symbolkraft: Von diesem Gemäuer aus regierten die Briten einst das Land.
Für die irische Regierung erfüllt die Reise auch noch einen anderen Zweck: Die Bilder des neben dem Papst berühmtesten Menschen der Welt bieten eine willkommene Ablenkung von den ewigen ökonomischen Hiobsbotschaften. Dieser Effekt wird noch vervielfacht dadurch, dass sich in der kommenden Woche gleich der nächste globale Superstar angekündigt hat: Barack Obama und seine Frau Michelle machen ihren Antrittsbesuch auf der grünen Insel.
Für US-Präsidenten gehören Irland-Besuche zur guten Tradition, stammen doch Millionen Amerikaner von irischen Einwanderern ab. Kennedy, Reagan, Clinton, sie alle waren hier. Obama kann obendrein von sich behaupten, selbst ein Nachfahre der Kearneys aus dem kleinen Ort Moneygall in der Grafschaft Offaly zu sein. Das 300-Seelen-Dorf bereitet sich in ekstatischer Vorfreude seit Monaten auf den Besuch vor. Im Pub hängen bereits die Obama-Devotionalien, ein Einwohner hat sein Haus in Stars and Stripes angestrichen.
Für beide Besuche gilt die höchste Sicherheitsstufe. Gerade die Dubliner können sich daher auf zwei anstrengende Wochen einstellen. Auch an die protokollarischen Feinheiten müssen sich die Monarchie-entwöhnten Iren erst wieder gewöhnen. Die staatliche Tourismusbehörde schaltete vergangene Woche Radiowerbespots, in denen die Queen als "Ihre königliche Hoheit" bezeichnet und damit versehentlich zur Prinzessin degradiert wurde. Der korrekte Titel lautet "Ihre Majestät".
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