Höchste Ehre für Jimmy Carter: Ein Nobelpreis gegen George W. Bush

Die Bekanntgabe des diesjährigen Trägers des Friedensnobelpreises, Ex-US-Präsident Jimmy Carter, hat wie selten zuvor für Irritationen gesorgt. In seiner Begründung sagte der Chef des Nobel-Komitees, die Entscheidung sei ausdrücklich auch als Kritik an der Irak-Politik der derzeitigen US-Regierung zu verstehen. Darüber ist es nun zu einem Eklat in dem Gremium gekommen.



Glücklicher Nobelpreisgewinner: Umarmungen für den früheren US-Präsidenten Jimmy Carter nach einer Pressekonferenz in Plains, im US-Bundesstaat Georgia.
DPA

Glücklicher Nobelpreisgewinner: Umarmungen für den früheren US-Präsidenten Jimmy Carter nach einer Pressekonferenz in Plains, im US-Bundesstaat Georgia.

Oslo - Bei aktuellen politischen Fragen pflegen die norwegischen Juroren sich betont zurückzuhalten, um den berühmtesten und angesehensten Preis der Welt aus dem Auf und Ab von tagesaktuellen Debatten herauszuhalten. Ganz anders dieses Jahr. Das Nobelkomitee in Oslo verband die Bekanntgabe seiner Entscheidung für Carter am Freitag mit Kritik an der Irak-Politik der US-Regierung. "Das ist ein Tritt gegen das Schienbein für alle, die denselben Kurs wie die Vereinigten Staaten verfolgen", erklärte der Vorsitzende des Komitees, Gunnar Berge.

Darüber gibt es nun innerhalb des Komitees Streit. In einem Interview mit dem Sender NRK distanzierte sich die dem fünfköpfigen Gremium angehörende Politikerin Inger Marie Ytterhorn von den Äußerungen Berges. Sie sagte: "Er hat dabei seine persönliche und nicht die Meinung des Komitees zum Ausdruck gebracht." Ytterhorn bestritt, dass bei der Entscheidung des Gremiums für Carter die derzeitige Irak-Politik von Bush eine Rolle gespielt habe. Auch Norwegens Außenminister Jan Petersen zeigte sich verwundert. Er sei doch ein bisschen verblüfft über das Osloer Nobelkomitee, sagte er am Freitag.

Jimmy Carter: Preis für jahrzehntelanges Engagement
AP

Jimmy Carter: Preis für jahrzehntelanges Engagement

In der schriftlichen Begründung des Gremiums heißt es: "In einer Situation, die gegenwärtig von Drohungen des Einsatzes von Gewalt geprägt ist, ist Carter den Prinzipien treu geblieben, dass Konflikte so weit wie möglich durch Vermittlung und internationale Zusammenarbeit gelöst werden müssen - auf der Grundlage des Völkerrechts, der Achtung der Menschenrechte und der wirtschaftlichen Entwicklung."

Der 78-jährige Carter habe sich nach seiner Präsidentschaft von 1977 bis 1981 jahrzehntelang unermüdlich darum bemüht, friedliche Lösungen für internationale Konflikte zu finden. Dabei habe er sich stets für Demokratie und Menschenrechte sowie für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in Krisenregionen eingesetzt. Gewürdigt wurde auch der "entscheidende Beitrag" Carters für den Camp-David-Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten im Jahre 1978.

Gunnar Berge ist der Chef des fünfköpfigen Nobelpreis-Komitees
AP

Gunnar Berge ist der Chef des fünfköpfigen Nobelpreis-Komitees

Carter und seine Frau Rosalynn gründeten 1982 das nach dem Expräsidenten benannte Carter-Zentrum in Atlanta - ein Forum für politische Studien zur Förderung von Demokratie und Menschenrechten. Das Zentrum entsendet unter anderen Wahlbeobachter in alle Welt, um faire Abstimmungen sicherzustellen.

Carter selbst zeigte sich hoch erfreut über die Entscheidung des Nobelpreiskomitees. In seiner Annahmeerklärung verlieh er seiner Hoffnung Ausdruck, dass damit auch sein Konzept der Menschenrechte weltweit Anerkennung finde. Dieses beinhalte nicht nur das Recht, in Frieden zu leben, sondern auch das Recht auf eine angemessene Gesundheitsversorgung, Unterkunft und Nahrung sowie auf wirtschaftliche Chancen. Gleichzeitig dankte er allen Mitarbeitern des Carter-Zentrums, die ihm bei seiner Arbeit so tatkräftig unterstützten.

Im Fernsehsender CNN beschrieb Carter die Gründung seines Zentrums als Versuch, seinen Einfluss als ehemaliger Präsident weiter zu nutzen, um Leerräume in der Welt auszufüllen. Zur Irak-Politik von US-Präsident Bush wollte sich Carter in dem Interview nicht äußern. Carters Wahlsieg 1976 galt als Triumph der Ehrlichkeit nach dem Watergate-Skandal. Vier Jahre später musste er allerdings eine haushohe Niederlage gegen Ronald Reagan einstecken.

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