Hoffen auf neue Perestroika: Gorbatschow sagt sich von Putin los

Von Anastasia Offenberg und , Moskau

Michail Gorbatschow nahm Wladimir Putin jahrelang gegen Kritik in Schutz. Doch in einer Rede vor einer Moskauer Universität wandte sich der Friedensnobelpreisträger vom Ministerpräsidenten ab: Russland brauche eine neue Perestroika, sonst drohe die Rebellion der Bürger auf Straßen und Plätzen.

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Michail Gorbatschow: "Die Zukunft des Landes liegt in den Händen der Jugend"

Die Aula von Moskaus Internationaler Universität wimmelt von Studenten und Journalisten. Russlands erste private Hochschule feiert Jubiläum: Zwanzig Jahre ist es her, dass US-Präsident George Bush und Russlands Staatschef Boris Jelzin die Hochschule gründeten. 1992, kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, nahm sie ihre Arbeit auf.

Ein anderer Gründervater der Internationalen Universität war da schon in Ungnade gefallen: Michail Gorbatschow, Friedensnobelpreisträger und Vater der Perestroika, hatte am 25. Dezember 1991 seinen Rücktritt als Präsident der Sowjetunion erklärt. Gorbatschow wird seither im Westen als Reformer verehrt, der den Kalten Krieg beendete. Vielen Russen aber ist er eher als "Zerstörer des Vaterlandes" in Erinnerung geblieben. In Umfragen antworten 53 Prozent der Bevölkerung, Gorbatschows Reformen hätten "mehr Schlechtes" gebracht als Gutes.

Doch das Land ist im Wandel: Russlands Bürger haben ihre Apathie abgeschüttelt und ihr Interesse für Politik neu entdeckt. Bei Demonstrationen für faire Wahlen und Reformen gehen seit Monaten Zehntausende in Moskau auf die Straße, und Russlands Jugend hofft auf eine neue Perestroika, wie damals unter Gorbatschow. In der Universitätsaula erwartet sie den Auftritt des Jahrhundert-Reformers.

Da ist die Studentin Maria, 19, die in die Aula gekommen ist, um Gorbatschows Rede zum Uni-Jubiläum zu hören. "Ihn umgibt eine Aura wie keinen anderen russischen Politiker", sagt sie. Da ist Olga, eine Absolventin der Hochschule, die ein Bild aus Kindergartentagen mitgebracht hat: Darauf steht ein überlebensgroßer Gorbatschow auf dem Roten Platz, daneben ein winziger Kreml.

"Putin hat sein Potential erschöpft"

Michail Gorbatschow hat seine Abneigung gegen autoritäre Gesten nicht verloren. Der Festredner lässt das vorbereitete Rednerpult links liegen und setzt sich lieber an einen Tisch. "Ihr habt dort alles vollgestellt mit Euren Diktiergeräten, da habe ich keinen Platz für mein Manuskript", brummt er.

Im vergangenen Jahr ist er 80 geworden. Er hat eine Operation in Deutschland hinter sich gebracht. Das Alter ist auch an dem Visionär von einst nicht spurlos vorbei gegangen, doch es vermag weder seinen Blick auf das Land zu trüben noch seinen Geist. Tag für Tag studiert er zwölf Tageszeitungen, und an seiner Rede habe er bis Mitternacht gefeilt, sagt er: "Alte Präsidentschaftsgewohntheit: Nie vor zwölf ins Bett gehen."

Dann liest er seinen Nachfolgern Wladimir Putin und Dmitrij Medwedew die Leviten. Die Stimmung im Land sei explosiv, sagt Gorbatschow, die Lage "sehr gefährlich". Putin habe viel für das Land geleistet, nun aber habe "er sein Potential erschöpft", kritisiert Gorbatschow. "Wenn er sich nicht selbst überwindet und die Dinge wie sie sind verändert, dann wird alles auf den Plätzen der Städte enden", sagt Gorbatschow. Er warnt vor einer Eskalation der Massendemonstrationen gegen den Kreml.

"Um das System zu verändern, braucht man frische Ideen"

Das war nicht immer so. Gorbatschow hat Wladimir Putin jahrelang in Schutz genommen. Er machte sogar Werbung für ihn. Beim Petersburger Dialog 2007 in Wiesbaden verkündete Gorbatschow, Putin mache "einen sehr ordentlichen Job" und habe "die richtigen Schlussfolgerungen gezogen".

Doch angesichts massiver Wahlfälschungen, Gängelung der Presse und Zensur im Fernsehen hat sich Gorbatschow von Putin abgewendet. Der letzte Staatschef der Sowjetunion hat sich auf die Seite der Gegner von Russlands mächtigstem Mann geschlagen: Er fordert eine Annullierung der massiv manipulierten Parlamentswahlen im Dezember.

In der Aula der Internationalen Universität kündigt Gorbatschow an, sich der "Liga der Wähler" anzuschließen. Das Bündnis aus Schriftstellern, Bloggern und Musikern will bei den Präsidentschaftswahlen am 4. März darüber wachen, dass es keinen Stimmenbetrug gibt.

Gorbatschow hat keinen Zweifel, dass Putin dennoch siegt und wieder in den Kreml einziehen wird. Russlands alter und neuer Staatschef aber werde es schwer haben, weil das Land im Wandel sei. Um aber das System zu verändern brauche man frische Ideen und neue Gesichter. Die Zukunft des Landes, appelliert Gorbatschow, liege in den Händen der Jugend. "Jetzt müsst Ihr handeln", ruft Gorbatschow und schlägt mit der Faust den Tisch.

Zwei Stunden lang spricht der erfahrene Staatsmann, eine weitere Stunde steht er Studenten und Journalisten Rede und Antwort.

Bevor er die Aula der Internationalen Universität verlässt, wendet er sich noch einmal an das Publikum. "Während der Perestroika haben wir viele Chancen versäumt", sagt Gorbatschow. "Lasst uns jetzt diese nicht verpassen."

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1. Dr.
Redigel 10.02.2012
Zitat von sysopMichail Gorbatschow nahm Wladimir Putin jahrelang gegen Kritik in Schutz. Doch in einer Rede vor einer Moskauer Universität wandte sich der Friedensnobelpreisträger vom Ministerpräsidenten ab: Russland brauche eine neue Perestroika, sonst drohe die Rebellion der Bürger auf Straßen und Plätzen. Hoffen auf neue Perestroika: Gorbatschow sagt sich von Putin los - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,814472,00.html)
Jetzt bin ich mal gespannt wieviele "Tschekisten" und "Kundschafter des Friedens" hier im Forum Genosse Putin den Rücken stärken und gleichfalls ihre Wut über Gorbi wegen des Untergangs der DDR und SU freien Lauf lassen...
2.
spiegel-hai 10.02.2012
Zitat von sysopMichail Gorbatschow nahm Wladimir Putin jahrelang gegen Kritik in Schutz. Doch in einer Rede vor einer Moskauer Universität wandte sich der Friedensnobelpreisträger vom Ministerpräsidenten ab: Russland brauche eine neue Perestroika, sonst drohe die Rebellion der Bürger auf Straßen und Plätzen. Hoffen auf neue Perestroika: Gorbatschow sagt sich von Putin los - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,814472,00.html)
nun, mit politischen Stürmen, die einen hinwegfegen können, kennt er sich bestens aus, der Gorbi. Denn nicht nur auf Honni, auch auf ihn selbst fiel schlußendlich zurück, was sein Übersetzer congenial textete: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben". Das macht seinen Auftritt vielleicht ein wenig unglaubwürdig. Gilt eigentlich das bundesdeutsche Asylangebot für ihn noch?
3. Vielleicht in 100 Jahren
HerrPausB 10.02.2012
Zitat von sysopMichail Gorbatschow nahm Wladimir Putin jahrelang gegen Kritik in Schutz. Doch in einer Rede vor einer Moskauer Universität wandte sich der Friedensnobelpreisträger vom Ministerpräsidenten ab: Russland brauche eine neue Perestroika, sonst drohe .....
Was Gorbacev als Russe getan hat, steht völlig konträr zu jedwedem Verhalten russischer (sowjetischer) Potentaten und bleibt in der russischen Geschichte unerreicht, einzigartig und zutiefst ehrenvoll. Unter anderem deshalb wird er von vielen nicht verstanden. Cernobyl' war da noch ein typischer Reflex in der Ausübung seines Amtes und ist zu kritisieren. Danach...kann ihm keiner das Wasser reichen.
4. Bundesdeutsches Asylangebot !
derandersdenkende 10.02.2012
Zitat von spiegel-hainun, mit politischen Stürmen, die einen hinwegfegen können, kennt er sich bestens aus, der Gorbi. Denn nicht nur auf Honni, auch auf ihn selbst fiel schlußendlich zurück, was sein Übersetzer congenial textete: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben". Das macht seinen Auftritt vielleicht ein wenig unglaubwürdig. Gilt eigentlich das bundesdeutsche Asylangebot für ihn noch?
Weiß nicht! Seine Bezahlung durch Deutschland wird wahrscheinlich auch fortgesetzt, wenn er nach Deutschland wechselt. Der ehemalige KGB-Chef hat sich große Verdienste bei der Zerschlagung des Eisernen Vorhangs erworben, die sich heute allzu gerne andere anheften. Er leitete aber auch den Niedergang der Sowjetunion/Rußlands und die Verarmung der Volksmassen ein, was Jelzin dann noch ausbaute. Das Volk verstand ihn nicht mehr und hat ihn bei einer späteren Kandidatur jämmerlich abblitzen lassen. Putin hat diesen Trend umgedreht. Unter ihn wurde für den Normalbürger vieles besser und er gab seinem Volk seinen Stolz zurück, den Jelzin gegen Wodka eingetauscht hatte. Ich glaube nicht, daß Gorbatschow sich je für Putin eingesetzt hat, wieso kann er sich dann lossagen? Was nun das Asyl angeht, bischen Glastnost und Perestroika würde Deutschland auch ganz gut stehen, meinen Sie nicht auch?
5.
oback-barama 10.02.2012
Zitat von HerrPausBWas Gorbacev als Russe getan hat, steht völlig konträr zu jedwedem Verhalten russischer (sowjetischer) Potentaten und bleibt in der russischen Geschichte unerreicht, einzigartig und zutiefst ehrenvoll. Unter anderem deshalb wird er von vielen nicht verstanden. Cernobyl' war da noch ein typischer Reflex in der Ausübung seines Amtes und ist zu kritisieren. Danach...kann ihm keiner das Wasser reichen.
Ganz genau...bzw. die vielen Russen, haben doch keinen Schimmer.. Gorbatschow war einfach ein sehr weiser Mann der eingesehen hat, dass die Zeit der UdSSSR, des künstlichen föderalen Staates, der mit Zwang sehr verschiedene Völker zusammengehalten hat, abgelaufen ist. Man darf nicht versuchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen, denn das ändert immer in einer Katastrophe..Das Beispiel; ex-Jugoslawien.. Wo Milosevic und die vielen Serben dort versucht haben eben dieses Rad der Geschichte aufzuhalten und zurückzudrehen. Und man kann sich jetzt vorstellen, was in der ex-Sowietunion passiert wäre, wenn es Gorabtschow und Jelzin nicht gegeben hätte und wenn die Falken in der Kommunistischen Partei, damals bei dem Machtkampf 1991, gesiegt hätten..So einen Krieg wie auf dem Balkan x 10, hätte es gegeben. Und die Deutschen wissen es auch leider zu gut was heisst wenn man in einem historischen Moment keine weisen Politiker hat, sondern Idioten und Falken, die das Rad der Geschichte versuchen zwangshaft zurückzudrehen..Und wegen solcher Politiker hat dann das ganze deutsche Volk bitter bezahlt. Also, die vielen Russen, die lieber in der Nostalgie und in der Träumerei von der einstigen Grösse ausharren,, wissen eigentlich nicht die Gorbatschows Verdienste genug zu schätzen..Aber es wird irgendwann vielleicht mal passiern.
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Proteste in Russland: Demos für und Demos gegen Putin

Bevölkerung: 142,958 Mio.

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Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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