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Holländischer Populist Wilders: Wie ein Filmprojekt weltweit Panik auslöst

Von Henryk M. Broder

Ein Filmprojekt, das Schlimmstes befürchten lässt: Der holländische Rechtspopulist Wilders will einen Streifen über den Islam drehen - und noch bevor die erste Szene zu sehen ist, versuchen Politiker weltweit, ihn zu verhindern. Andernfalls könne es in vielen Ländern zu Blutvergießen kommen.

Fassen wir zusammen, was bis jetzt passiert ist: Am 2. November 2004 wurde der holländische Filmemacher Theo van Gogh, ein Nachfahre des Malers Vincent van Gogh, in Amsterdam auf offener Straße von einem islamischen Fundamentalisten ermordet. Der Täter, 26 Jahre alt, in Holland als Kind marokkanischer Einwanderer geboren und aufgewachsen, schoss van Gogh morgens um neun von seinem Fahrrad, schnitt ihm die Kehle durch und stach mit einem Messer ein Bekennerschreiben in die Brust, in dem er seine Motive für die Tat erklärte. Die galt eigentlich der Politikerin Ayaan Hirsi Ali. Sie wurde aber - anders als van Gogh - rund um die Uhr von der Polizei beschützt. Die Bluttat war auch eine Kriegserklärung an die holländische Gesellschaft, die nach Überzeugung des Attentäters "von den Juden" kontrolliert wurde.

Der holländische Populist Wilders: Er hat schon vor der Ausstrahlung seines Films erreicht, was er wollte.
AP

Der holländische Populist Wilders: Er hat schon vor der Ausstrahlung seines Films erreicht, was er wollte.

Theo van Gogh und Ayaan Hirsi Ali hatten zusammen einen Kurzfilm ("Submission") produziert, in dem die schlechte Behandlung von Frauen im Islam an vier authentischen Beispielen vorgeführt wurde. Der Film wurde im Sommer 2004 im holländischen Fernsehen gezeigt, die holländischen Moslems waren darüber nicht glücklich, aber deren Reaktionen fielen weniger heftig als erwartet aus. Van Gogh hatte sich schon vorher einen Namen als "Provokateur" gemacht, der auf nichts und niemand Rücksicht nahm, ein "enfant terrible" aus Begeisterung und Überzeugung. Er bezeichnete Moslems gerne als "geitenneukers", Ziegenficker; über tote Juden machte er sich lustig, indem er sie als "kopulierende gelbe Sterne in der Gaskammer" bezeichnete. Auch für christliche Werte und Symbole hatte er wenig übrig.

Mehr noch als der tödliche Anschlag auf den "Populisten" Pim Fortuyn, der 2002 von einem "weißen Holländer" erschossen wurde, beendete der Mord an van Gogh schlagartig den holländischen Traum von einer multikulturellen Gesellschaft, in der jeder nach seiner Facon ungestört leben konnte. Von einem Tag auf den anderen wurde den Holländern bewusst, dass sie lange ein Problem ignoriert hatten: Über eine Million Migranten, vor allem aus Nordafrika, die sich umso mehr von der Gesellschaft abgrenzten beziehungsweise ausgegrenzt fühlten, je länger sie in Holland lebten.

Bei den Wahlen im November 2006 gewann die "Freiheitspartei" (Partij voor de Vrijheid), die der liberale Politiker Geert Wilders, 45, zwei Jahre zuvor gegründet hatte, neun von 150 Sitzen im Haager Parlament. Ähnlich wie van Gogh geht auch Wilders keinem Krawall aus dem Weg, er ist ebenso beliebt wie umstritten, seine Freunde schätzen seine klaren Aussagen, seine Feinde schimpfen ihn einen "Populisten", der in den Fußstapfen des ermordeten Pim Fortuyn wandelt. Wilders möchte Holland, das von den linken Gutmenschen "als Geisel" genommen wurde, "dem Volk zurückgeben", er will, dass der Koran, ebenso wie Hitlers "Mein Kampf" in Holland verboten wird, weil das Buch zu Hass und Gewalt anstachelt. Und er fordert, Kriminelle mit einer doppelten Staatsangehörigkeit auszubürgern und in ihre Herkunftsländer abzuschieben. Im Dezember 2007 wurde Wilders zum "Politiker des Jahres" gewählt.

Allerdings kommt Wilders selbst nicht dazu, die Ehrung zu genießen. Seit auf islamischen Websites zu seiner Enthauptung aufgerufen wurde, wird er rund um die Uhr bewacht und schläft jeden Tag an einem anderen Ort. Die Polizei nimmt die Morddrohungen ernst, Wilders selbst gibt sich gelassen: "Man gewöhnt sich nicht daran, aber man lernt es, mit der Gefahr zu leben", sagte er in einem Interview.

Ende November 2007 erklärte Wilders, er arbeite an einem Film, der "den intoleranten und faschistischen Charakter des Koran" zeigen werde. Sprecher des Innen- und des Justizministeriums äußerten sich daraufhin besorgt, betonten aber zugleich, sie hätten keine Mittel, den Abgeordneten von seinem Plan abzubringen oder die Ausstrahlung des Films zu verhindern.

Seitdem wird in Holland täglich über einen Film diskutiert und spekuliert, den noch niemand gesehen hat und von dem niemand sagen kann, ob es ihn je geben wird. Wilders nährt die Debatte, indem er ab und zu bekannt gibt, wie weit die Arbeiten gediehen sind. In einem Beitrag für die Zeitung "De Telegraaf", den er Ende Januar 2008 schrieb, kündigte er den Film für März an. Es werde einen geteilten Bildschirm geben, so Wilders, auf der einen Seite werde man Verse und Suren aus dem Koran lesen können, auf der anderen Seite werden Beispiele der praktizierten Scharia zu sehen sein, darunter eine Enthauptung und eine Steinigung. Falls die niederländischen Sender es nicht wagen würden, den Film zu senden, werde er ihn auf Youtube zeigen.

In Holland brach daraufhin eine Panik aus, als stünde eine Jahrhundert-Sturmflut bevor. Die holländische Botschafterin in Malaysia warnte, es könnte bei Protesten "Dutzende Tote" geben. Die holländischen Botschafter in islamischen Ländern wurden angewiesen, die Sicherheitsmaßnahmen zu verstärken und sich von dem Wilders-Film zu distanzieren, während Anti-Terror-Spezialisten daheim bereits Vorkehrungen für den Tag der Ausstrahlung trafen. Dazu gehörten auch Konsultationen mit Vertretern moslemischer Gemeinden, die mäßigend auf ihre Brüder und Schwestern einwirken sollten.

Es trug wenig zur Beruhigung der Lage bei, dass der Großmufti von Syrien, Dr. Ahmad Badr Al-Din Hassoun, in einer Rede vor dem Europaparlament in Straßburg die Holländer auf die Gefahren hinwies, die ihnen und der Welt bevorstünden: "Sollte Wilders in seinem Film einen Koran zerreißen oder verbrennen, bedeutet dies einfach, dass er Kriege und Blutvergießen ankurbelt. Sollte es zu Unruhen, Blutvergießen und Gewalttaten nach der Sendung des Koranfilms kommen, dann wird Wilders verantwortlich sein." Für diese Worte wurde der syrische Großmufti von den EU-Parlamentariern nicht zurechtgewiesen, sondern als Botschafter des Friedens, der Toleranz und des "interkulturellen Dialogs" gefeiert.

Seine Botschaft jedenfalls kam an. Anfang März demonstrierten einige hundert Afghanen in der nordafghanischen Stadt Masar-i-Sharif gegen den Wilders-Film, verbrannten holländische Fahnen und forderten den Abzug holländischer Nato-Einheiten aus Afghanistan. Woraufhin der Nato-Generalsekretär, Jaap de Hoop Scheffer, seine Besorgnis äußerte, die Ausstrahlung des Films könnte "Auswirkungen" für die in Afghanistan stationierten Truppen haben.

Ein paar Tage später bat der holländische Außenminister die EU um Unterstützung für die holländische Haltung. Man glaube an die Freiheit der Meinungsäußerung, sei aber dagegen, alle Muslime als Extremisten zu porträtieren. Zugleich wurde in den Niederlanden der "Terroralarm" auf die zweithöchste Stufe angehoben. Die Regierung von Jan-Peter Balkenende appellierte an Wilders, auf die Vorführung des Films zu verzichten. Einerseits, so der Ministerpräsident, müssen "konstitutionelle Freiheiten verteidigt, Extremismus und Terrorismus bekämpft werden", andererseits "müssen (wir) die Konsequenzen unseres Handelns beachten und dürfen das, was für uns alle wertvoll ist, nicht in Gefahr bringen".

Wilders Reaktion fiel eindeutig aus. "Das Kabinett geht vor dem Islam in die Knie und kapituliert", Balkenende sei "ein ängstlicher Mann, der die Seite der Taliban gewählt hat".

Aber Balkenende tat nur das, was er unter den gegebenen Bedingungen für das Beste hielt. Denn inzwischen hatte sich nicht nur der Generalsekretär der Nato sondern auch der stellvertretende iranische Außenminister zu Wort gemeldet, um den Holländern einen Rat zu geben, wie sie Wilders neutralisieren könnten - nämlich mit dem Artikel 29 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahre 1948.

Darin heißt es, dass individuelle Rechte ihre Grenze dort finden, wo es um den Respekt vor der Freiheit anderer Menschen geht und wo die öffentliche Ordnung es erforderlich macht - so der stellvertretende iranische Außenminister, in dessen Land Homosexuelle öffentlich stranguliert und Ehebrecherinnen gesteinigt werden, ohne dass sich jemand auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte berufen würde. Auch der iranische Botschafter in den Niederlanden sagte gegenüber einer Gruppe von Journalisten, die Redefreiheit gelte "nicht unbegrenzt".

Auf die Frage angesprochen, ob Holland mit einem Boykott holländischer Produkte rechnen müsse, falls der Wilders-Film gezeigt werde, reagierte der Botschafter zwar ausweichend aber doch eindeutig. "Alle Optionen liegen auf dem Tisch. Niemand kann sagen, was passieren wird."

Ähnlich äußerte sich der Präsident des Europäischen Parlaments, Hans Gert Pöttering. Er forderte die Medien auf, sich selbst einen "Verhaltenskodex" zu geben und nichts zu publizieren, was von Angehörigen der Religionen als "herabwürdigend" empfunden werden könnte. Zugleich warnte er davor, nicht "aufgrund unserer Freiheit einen Beitrag zur Gewalt" zu leisten. Diese klare Appeasement-Formel, mit der sich der oberste EU-Parlamentarier nicht an die Verursacher der Gewalt, sondern an deren Objekte richtete und sie zum Wohlverhalten ermahnte, sei - so schrieb die "FAZ" - ein Ergebnis "vorauseilender Furcht" und klinge "gefährlich nach Selbstzensur".

Der Einzige, der in diesem Gemisch aus akuter Angst, präventiver Anpassung und aufkeimender Gewalt ruhigen Kopf behielt, war Wilders selbst. Er forderte die holländischen Sender auf, seinen Film komplett und ohne ihn vorher gesehen zu haben auszustrahlen, was diese natürlich ablehnten. Das Internationale Pressezentrum Nieuwspoort in Den Haag erklärte sich bereit, den Film Ende März im Rahmen einer Pressekonferenz zu zeigen, wenn Wilders die Kosten für den Personen- und Gebäudeschutz übernehmen würde. Ein großzügiges Angebot, das praktisch einer Absage gleich kam.

Und so bleibt Wilders nur noch das Internet. Es sei denn, er verzichtet auf die Präsentation des Films, den noch niemand gesehen hat und von dem bisher niemand sagen kann, ob es ihn überhaupt gibt. Denn eigentlich hat der "Provokateur" sein Ziel schon erreicht. Geert Wilders hat die Holländer und die Europäer als Feiglinge vorgeführt, die schon "Wir kapitulieren!" schreien, noch bevor der Kampf begonnen hat. Die sich in Irans innere Angelegenheiten nicht einmischen wollen, aber keinen Protest erheben, wenn sich der Iran in deren innere Angelegenheiten einmischt. Die so tun, als würden sie die Angehörigen aller Religionen vor Beleidigungen und Schmähungen beschützen wollen und dabei übersehen, dass es meist nur die Angehörigen einer Religion sind, die gewalttätig reagieren, wenn ihnen vorgehalten wird, dass sie eine Neigung zur Gewalt haben.

Mehr hätte Wilders auch nicht erreicht, wenn sein Film gezeigt worden wäre.

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