Außenpolitik auf Butterfahrt Hollande und Merkel machen ein Fass auf

Beim Besuch von François Hollande in Angela Merkels Heimat bemühen sich die beiden Regierungschefs um gegenseitiges Verständnis. So fern sie sich dabei auch bleiben, in einem Punkt sind sie einig: Sie wollen Russlands Präsident Putin in die Schranken weisen.

Aus Stralsund berichtet


Ausgerechnet Bismarck-Heringe. François Hollande könnte das Fass mit den sauren Fischlappen, das ihm in der Stralsunder Altstadt überreicht wird, durchaus als Gemeinheit Angela Merkels verstehen. Als glühender Franzosenfeind galt der Preußenkanzler, der einem örtlichen Fischhändler 1871 seinen Namen für dessen eingelegte Fische überließ - kurz zuvor hatte Bismarck die "Grande Nation" unterworfen.

Ein Fauxpas, aber aus Gewohnheit. Schon George W. Bush und Wladimir Putin hatten Fischfässer bekommen, als sie Merkel in ihrem Wahlkreis an der Ostsee besuchten. Hollande nimmt das Fass etwas unsicher in beide Hände, wiegt es zweimal kurz auf und ab und gibt es rasch an einen Personenschützer.

Ähnlich wie zu Bismarcks Zeiten ringt Frankreich auch heute mit seiner Unterlegenheit im Vergleich mit dem östlichen Nachbarn. Hollandes Regierung bekommt das Staatsdefizit kaum in den Griff, Deutschland rechnet dagegen im nächsten Jahr mit einem ausgeglichenen Haushalt. Und wie damals regiert in Berlin ein Kanzler, der den Beinamen "eisern" trägt. Die französische Forderung, die Wirtschaft durch eine Schwächung des Euro zu stimulieren, ließ Merkel über ihren Sprecher abbügeln.

Diesen Streit wollen die beiden an der Ostsee aber vergessen machen. Es gilt, Einigkeit zu demonstrieren. Denn während der französische Präsident am Freitagnachmittag im verregneten Hafen von Sassnitz auf Rügen ankommt, lässt Wladimir Putin auf der Krim russische Soldaten paradieren. Merkel wird in Russland inzwischen sogar persönlich angefeindet. Die ukrainischen Präsidentschaftswahlen am 25. Mai sind in Gefahr.

Bei Lachsschnittchen und Erdbeerkuchen

"Eine wunderbare Geste" sei die Einladung, schwärmt der Gast bei seiner Ankunft. Bei einer Rundfahrt in dem Ausflugsschiff "MS Nordwind" um die Kreidefelsen vor der Küste wollen sich die bislang eher fremd gebliebenen Regierungschefs näher kommen. Der angegraute Hafen des kleinen Städtchens ist da kein schlechter Anfang. So wenig die Christdemokratin und den Sozialisten politisch auch verbindet, immerhin haben beide ihre Kindheit in Meeresnähe verbracht.

Heute scheint Hollande der Elysée-Palast aber näher als der Hafen seiner Geburtstadt Rouen: Beim Gang über die sandige Mole blickt Hollande staunend und etwas unsicher auf die abgetakelten, hölzernen Fischkutter, die schmutzige Lagerhalle, die Honoratioren des CDU-Ortsvereins. Wenn er verstehen wollte, warum seiner deutschen Kollegin jeder Sinn für Pomp und Pathos abgeht, hat sich die Reise nach Sassnitz gelohnt.

Auf der "MS Nordwind" ist es dann vorbei mit Winken und Händeschütteln. Die Gespräche bei Lachsschnittchen und Erdbeerkuchen haben es offenbar in sich: "Sollten die Wahlen in der Ukraine am 25. Mai scheitern, dann wären wir zu weiteren Sanktionen gegen Russland bereit", sagt Merkel beim Abschlussstatement mit Hollande am Samstagmorgen. Dann wären die lange erwarteten Sanktionen gegen die russische Wirtschaft erreicht, die weit über Kontosperrungen und Einreiseverbote für Putins Vertraute hinausgehen.

In ihrer gemeinsamen Erklärung greifen die beiden Regierungschefs Russland verbal an: Die russischen Truppen an der ukrainischen Grenze sollten "sichtbare Schritte unternehmen, ihre Alarmbereitschaft zu verringern". Russland habe zuletzt zwar Zeichen der Deeskalation im Nachbarland ausgesandt, bekennt Merkel. "Das muss aber noch mehr werden."

"Ich wollte verstehen, was Deutschland denkt"

Hollande legt bei seinem Statement mehr Wert auf die neue Vertrautheit mit seiner Gastgeberin: "Ich wollte zuhören, um besser zu verstehen, was Deutschland denkt." So demonstrieren die Regierungschefs auch bei anderen Themen Einigkeit: Auf die Frage, ob Jean-Claude Juncker, Martin Schulz oder keiner von beiden EU-Kommissionspräsident werde, lassen sie sich nicht ein. Der neue Kommissionschef werde erst einige Wochen nach der Europawahl bestimmt, sagen sie unisono. Erst müsse das inhaltliche Mandat der Kommission festgelegt werden.

Dass der Versuch einer gemeinsamen Sprachregelung aber auch nach einem Kuschelbesuch mit Meeresblick schiefgehen kann, zeigt Hollande, als er zur möglichen Übernahme des Industriekonzerns Alstom durch Siemens gefragt wird.

Wie Merkel vor ihm spricht er von einer "unternehmerischen Entscheidung", um dann doch in den französischen Etatismus zurückzufallen: Man werde bei einem Angebot von Siemens "sehr genau prüfen", was es für die Beschäftigten von Alstom bedeutet.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
yoschka 10.05.2014
1. optional
Regierungschef ist nur Merkel, Hollande ist Staatschef ;)
abc-xyz 10.05.2014
2. Deutsch-Französische Freundschaft
Zitat von sysopDPABeim Besuch von François Hollande in Angela Merkels Heimat bemühen sich die beiden Regierungschefs um gegenseitiges Verständnis. So fern sie sich dabei auch bleiben, in einem Punkt sind sie einig: Sie wollen Russlands Präsident Putin in die Schranken weisen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/hollande-bei-angela-merkel-in-stralsund-signal-gegen-putin-a-968676.html
Es freut mich immer zu sehen, wenn Paris und Berlin zueinander finden. Besonders in solchen Zeiten, wo Russland seinen Angriffskrieg in Ost-Europa offen durchführt, ist dies wichtig hervorzuheben. Die Erbfeindschaft, die unsere beiden Nationen über viele Jahre verfolgte, fußte auf den gleichen, verwerflichen Motiven, die nun einen Putin antreibt. Dagegen gilt vereint aufzutreten. Vive la France! Es lebe Deutschland!
was..soll..das?? 10.05.2014
3. was könnte man...
...alles erreichen wenn beide Länder sich mehr aufeinander einliessen und Ressourcen teilen würden...da würde mancher Amerikaner stauen...aber auch wir!!!
WolfThieme 10.05.2014
4. Schreck lass nach
Die wollen "Putin in die Schranken weisen"? Da wird er hörbar vor Angst mit den Zähnen klappern! Ich vermute aber eher, dass er im Rausch seines Größenwahns, russische Erde einzusammeln, vom Stralsunder Treffen der Mächtigen nix mitbekommen hat.
adal_ 10.05.2014
5. Französisches Präsidialsystem
Zitat von yoschkaRegierungschef ist nur Merkel, Hollande ist Staatschef ;)
Aber einer, der maßgeblich die Richtlinien der Politik bestimmt. Er ist mit repräsentativen Staatsoberhäuptern nicht zu vergleichen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.